Gastarbeiter-Zug Baglama, Tanz und zwei dicke Kumpel

Yasemin Ergins Reise in die Vergangenheit macht Station im ehemaligen Jugoslawien. Die junge Frau, die in einem Zug den Spuren ihrer Gastarbeiter-Eltern folgt, erinnert sich an Reisen auf dem Autoput, der Transitstraße durch das damalige Ostblockland, und lernt, was sie in Deutschland unbedingt noch sehen muss.

Yasemin Ergin

Von Yasemin Ergin


Ob die Helme echt seien, möchte einer der Rentner wissen. Der serbische Souvenirverkäufer nickt und zeigt auf die verschiedenen Modelle, die nach Farben und Formen sortiert an seinem Stand ausliegen: "Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, US-Army." Direkt unter den Helmen hängen Rosenkränze in den unterschiedlichsten Ausführungen. "Die sehen ja fast so aus wie unsere Gebetsketten", stellt ein anderer Mitreisender fest und versucht herauszufinden, ob ein Rosenkranz genauso viele Perlen hat wie ein muslimischer Tasbih. Der Verkäufer versteht die Frage nicht.

Wir schlendern durch den Park des Kalamegdan, einer imposanten ehemaligen Festungsanlage auf dem Hügel der serbischen Hauptstadt Belgrad. Die Veranstalter unserer Zugreise von Istanbul nach München haben eine Besichtigung organisiert, damit wir einen Eindruck von der Stadt bekommen, bevor es mit dem Zug weiter Richtung Zagreb geht.

Neugierig bleiben einige der Reisenden vor einem Festungsgraben stehen, in dem historische Kanonen und Panzer ausgestellt sind. Ein paar Fotos werden geknipst, dann geht es weiter Richtung Zitadelle, von deren Mauern aus man einen grandiosen Blick auf die Donau hat.

Er habe gehört, dass "das alles hier" mal den Osmanen gehört habe, erzählt mir Battal Kizildere, ein liebenswerter aber reichlich schrulliger 78-Jähriger. Ob ich es für möglich halte, dass sich die Türken diese schöne Stadt irgendwann wieder zurückholen? Imran Öztürk verdreht genervt die Augen, ich lache, obwohl ich nicht sicher bin, ob die Frage als Scherz gemeint war.

Wo denn seine bessere Hälfte sei, will ich von Öztürk wissen. Seit Beginn der Reise habe ich den 73-jährigen Rentner aus Hamburg noch nie ohne Nedim Sekerli an der Seite gesehen. Die beiden kennen sich seit 35 Jahren und sind unzertrennlich. Öztürk, ein großer, kräftiger Mann, der immer ein wenig traurig und verloren aussieht, wenn er nicht gerade über die Witze seines alten Kumpels Nedim lacht, zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung", knurrt er, "wahrscheinlich haben ihn die Serben entführt." Er ist nachdenklich. "Komisch, nicht wahr? Ich bin so viele Male durch diese Stadt gefahren. Aber kein einziges Mal habe ich sie mir angeschaut. Wir haben immer nur die Straßen gesehen."

Auf dem Balkan wird es nie wieder so sein, wie es mal war

So wie ihm geht es fast allen in der Gruppe. Auch für mich ist es das erste Mal seit jener Zeit, in der wir jedes Jahr mit dem Auto in den Türkei-Urlaub fuhren, dass ich eine Stadt im ehemaligen Jugoslawien besuche. Jugoslawien, das war immer der ermüdendste Teil dieser endlos langen, anstrengenden Reisen, auf denen wir außer Autobahn, Landstraße und Raststätten kaum etwas von den Ländern sahen, durch die wir fuhren. Der sogenannte Autoput, das war die längste der vielen Etappen auf dem Weg von Norddeutschland in den Süden der Türkei, eine nicht enden wollende Fahrt über kilometerlange Schlaglochpisten, während der sich mir pausenlos der Magen umdrehte. Ein Land, das ich alleine deshalb als extrem frustrierend empfand, weil es so wahnsinnig lange dauerte, es zu durchqueren.

Dann gingen die Unruhen in Serbien und im Kosovo los. Durch Jugoslawien zu reisen, schien plötzlich keine gute Idee mehr. Im Sommer 1990 flogen wir erstmals in die Türkei, statt das Auto zu nehmen. Wir ahnten noch nicht, dass es auf dem Balkan nie wieder so sein würde, wie es mal war. Die Bilder von Krieg und Zerstörung in Jugoslawien, die in den folgenden Monaten und Jahren die Nachrichten bestimmten, erschütterten mich um so mehr, weil ich trotz allem das Gefühl hatte, zu diesem Land, was da unter so blutigen Umständen zerfiel, eine Verbindung zu haben - plötzlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich mich nie wirklich für Jugoslawien interessiert hatte, solange es noch heil war.

Zurück im Zug ist die Stimmung ein wenig gesetzter als sonst. Ferhat Dursunbek macht zwar weiterhin Witze, auf die Imran Öztürk und Nedim Sekerli gewohnt sarkastisch reagieren, aber irgendwie hängt dennoch ein wenig Melancholie in der Luft. Viele der Reisenden wirken erschöpft und sind nicht mehr ganz so gesprächig wie in den letzten zwei Tagen. Dafür sprechen sie mich inzwischen mit "güzel Kizim" ("meine schöne Tochter") statt mit "Yasemin Hanim" ("Frau Yasemin") an.

"Dafür haben wir so hart gearbeitet"

Ich unterhalte mich mit Zeynep Yildirim, die erst 1988 nach Deutschland kam, nachdem sie einen verwitweten Gastarbeiter heiratete. Ihr Lieblingsort in der neuen Heimat ist das Phantasialand Brühl, in dessen Nähe sie wohnt. Als ich ihr erzähle, dass ich noch nie dort war, ist sie fassungslos, einige Mitreisende aus dem Raum Köln stimmen ihr zu. Während draußen die herbe Landschaft Kroatiens an uns vorbeizieht, schwärmt Zeynep von den Attraktionen des Freizeitparks, den sie zweimal im Jahr mit ihrer Familie besucht.

Später am Nachmittag findet im Konferenzwagen des Zugs ein kleines Konzert statt. Eine vom türkischen Sender TRT für die Reise engagierte Sängerin gibt in Begleitung eines Baglama-Künstlers - eine Art türkischer Laute - alte Volksweisen zum Besten. Zu manchen der Stücke wird getanzt, die meisten aber sind langsame, traurige Lieder. Viele der ehemaligen Gastarbeiter singen mit, manche wischen sich Tränen aus den Augen. Auch Imran Öztürk wirkt gerührt. Später erzählt er mir, dass er in Hamburg eine Zeit lang Chef eines Plattenlabels war und Künstler einer ganz bestimmten Musikrichtung vertrieb. Ein Genre, das Mitte der Siebziger seine Blütezeit hatte -"Gurbet Türküleri", was so viel heißt wie "Lieder für die, die in der Fremde leben."

Kurz bevor wir in Zagreb ankommen, gibt es im Zug noch eine Diashow zum selben Thema. Der an der Reise teilnehmende Fotograf Mehmet Ünal hat von 1977 bis 2010 das Leben türkischer Gastarbeiter in Deutschland dokumentiert und präsentiert den Reisenden einen Überblick über seine Arbeit. Die Fotos aus den ersten Jahren zeigen Fließbandarbeiter, Schweißer und Bergarbeiter. Ab den Neunzigern wird das Bild bunter: Auf den Fotos sind Verkäufer, Geschäftsleute und Polizistinnen zu sehen. Einer der Rentner beugt sich zu mir und sagt: "Siehst du, dafür haben wir so hart gearbeitet. Damit unsere Kinder die Möglichkeit bekommen konnten, sich ihre Jobs selber auszusuchen. So wie du."

Lesen Sie im ersten Teil der Serie, warum inszenierte Nostalgie die meisten Passagiere an Bord des Zuges bei der Abfahrt in Istanbul kalt ließ. Im zweiten Teil, erfährt Yasemin Ergin das Geheimnis deutscher Frauen.



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insgesamt 14 Beiträge
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Wallenstein, 30.10.2011
1. Was ist mit unbequemen Wahrheiten zu 50 Jahre Anwerbeabkommen?
Ich bin mal gespannt, ob im Rahmen des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens mit der Türkei auch die unbequemen Wahrheiten aufgearbeitet werden. Nämlich die, wie sie Cem Gülay in seinem Video über sein Buch beschriebt. http://www.youtube.com/watch?v=_bR0yDj3tNk Aufgepasst ab Minute 4 Die unbequeme Wahrheit, wie sie Cem Gülay treffend beschreibt, ist, dass dann in 80er Jahren türkische Kinder und Jugendliche nachzogen, die äußerst brutal auf deutsche Kinder und Jugendliche einschlugen. Die Politik und Medien ging damals nicht dagegen vor. Im Gegenteil, es wurde verschleiert. Bis heute ist es ein Tabu-Thema und bis heute ist es mit ein wesentlicher Grund, weshalb das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken nicht gerade zum Besten bestellt ist, weil dieses Phänomen nie aufgearbeitet wurde. Noch schlimmer, in bisherigen Artikeln zum Jubiläum wird teils unterschwellig teils offen den Deutschen eine Ausgrenzung der Türken unterstellt, obwohl vielmehr eine Selbstausgrenzung türkischer Gastarbeiter vorlag / vorliegt.
becky_neef 30.10.2011
2. Jugoslawien im "Ostblock"?
Zitat von sysopYasemin Ergins Reise in die Vergangenheit macht Station im ehemaligen Jugoslawien. Die junge Frau, die in einem Zug den Spuren ihrer Gastarbeiter-Eltern folgt, erinnert sich an Reisen auf dem Autoput, der Transitstraße durch das damalige Ostblockland, und lernt, was sie in Deutschland unbedingt noch sehen muss. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,794774,00.html
Liebe Frau Ergin, Ihnen ist auf den zahlreichen langweiligen Fahrten durch Jugoslawien bestimmt aufgefallen, wie viele Golfs, Kadetts, Fiats und Honda Civics mit jugoslawischen Kennzeichen dort schon in den 1980er Jahren unterwegs waren. Wie konnte so was in einem abgeschotteten Ostblockland möglich sein? Ganz einfach: Jugoslawien war nie Teil des sog. Ostblocks und nie Mitglied im Warschauer Pakt. http://de.wikipedia.org/wiki/Ostblock Becky
csaa6966, 30.10.2011
3. ...
Zitat von WallensteinIch bin mal gespannt, ob im Rahmen des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens mit der Türkei auch die unbequemen Wahrheiten aufgearbeitet werden. Nämlich die, wie sie Cem Gülay in seinem Video über sein Buch beschriebt. http://www.youtube.com/watch?v=_bR0yDj3tNk Aufgepasst ab Minute 4 Die unbequeme Wahrheit, wie sie Cem Gülay treffend beschreibt, ist, dass dann in 80er Jahren türkische Kinder und Jugendliche nachzogen, die äußerst brutal auf deutsche Kinder und Jugendliche einschlugen. Die Politik und Medien ging damals nicht dagegen vor. Im Gegenteil, es wurde verschleiert. Bis heute ist es ein Tabu-Thema und bis heute ist es mit ein wesentlicher Grund, weshalb das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken nicht gerade zum Besten bestellt ist, weil dieses Phänomen nie aufgearbeitet wurde. Noch schlimmer, in bisherigen Artikeln zum Jubiläum wird teils unterschwellig teils offen den Deutschen eine Ausgrenzung der Türken unterstellt, obwohl vielmehr eine Selbstausgrenzung türkischer Gastarbeiter vorlag / vorliegt.
Wenn das das einzige wäre, was verschleiert, schöngeredet oder vertuscht wird. Selten je zuvor klaffte die veröffentlichte Meinung und die öffentliche Stimmungslage so sehr auseinander wie beim Thema "Türken in Deutschland". Einige Medienleute wollen oder können offenbar nicht wahrhaben, was Helmut Schmidt bereits vielfach eingestanden hat: Das Anwerbeabkommen mit der Türkei war ein Fehler. Die Nicht-Rückführung der Türken war ein noch größerer Fehler. Da hilft alles Schönreden nichts.
mattorres 30.10.2011
4. Vermutung
Zitat von csaa6966Wenn das das einzige wäre, was verschleiert, schöngeredet oder vertuscht wird. Selten je zuvor klaffte die veröffentlichte Meinung und die öffentliche Stimmungslage so sehr auseinander wie beim Thema "Türken in Deutschland". Einige Medienleute wollen oder können offenbar nicht wahrhaben, was Helmut Schmidt bereits vielfach eingestanden hat: Das Anwerbeabkommen mit der Türkei war ein Fehler. Die Nicht-Rückführung der Türken war ein noch größerer Fehler. Da hilft alles Schönreden nichts.
So ist es, ich vermute, dass ein großer Teil dieser Kampagne auch auf schlechtem Gewissen beruht. Die frühen Gastarbeiter hat man gern für Arbeiten eingesetzt, die den Deutschen mit zunehmenden Wohlstand unangenehm waren. Das tat dem Image der Gastarbeiter nicht gut, wobei die aber fast alle ungelernt waren, qualifizierte Arbeiten konnten sie also erst einmal nicht ausführen. Mit den Kindern, die inzwischen hier aufgewachsen sind und Eltern, die diese entsprechend fördern, hat sich das etwas geändert, trotzdem gibt es immer noch viele Probleme. Schönreden und Lobhudelei helfen da nicht weiter, wenn man nun schon allein aufgrund seiner Herkunft als Bereicherung betrachtet wird, fehlt eventuell manch einem der Antrieb, es auch wirklich zu werden.
mattorres 30.10.2011
5. zum Artikel,
der ist nett geschrieben.
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