Trauerfeier für Mandela Gebärdendolmetscher soll kriminelle Vergangenheit haben

Er stand bei der Trauerfeier für Nelson Mandela direkt neben Barack Obama - nun kommt heraus: Der umstrittene Nonsens-Gebärdendolmetscher Thamsanqa Jantjie hat offenbar eine kriminelle Vergangenheit. Laut einem TV-Sender wurde wegen Mordes gegen ihn ermittelt.

AP

Hamburg - Am Ende sah sich die südafrikanische Regierung zu einer Entschuldigung genötigt: "Wir entschuldigen uns aus tiefstem Herzen bei der Gehörlosen-Gemeinschaft und bei allen Südafrikanern", erklärte Kulturminister Paul Mashatile. Bei der Trauerfeier für den früheren Präsidenten Nelson Mandela hatte Thamsanqa Jantjie in unmittelbarer Nähe der Mächtigen gestanden, er hatte eine wichtige Aufgabe - deren Worte in Gebärdensprache zu übersetzen -, und er hat offenbar auf ganzer Linie versagt. Jantjie gestikulierte zwar wild, mit Gebärdensprache habe das aber nichts zu tun gehabt, empörten sich Gehörlose.

Der Dolmetscher entschuldigte sich: Er leide unter Schizophrenie und habe Visionen von Engeln gehabt, die in das Stadion gekommen seien, in dem die Trauerfeier stattfand. Wegen der bewaffneten Polizisten um ihn herum habe er versucht, nicht in Panik zu geraten. Zugleich aber beteuerte er in einem Interview, die "beste Übersetzung der Welt" abgeliefert zu haben. In der Vergangenheit, so fügte er an, sei er bei schizophrenen Anfällen auch gewalttätig geworden. Details nannte er nicht.

Wer aber ist der Mann, der als offizieller Übersetzer zugelassen ist, über den es aber auch in der Vergangenheit offenbar schon Beschwerden gegeben hat, weil er nicht richtig dolmetschte?

Angebliche Mordermittlungen vor zehn Jahren

Der Fernsehsender eNCA TV berichtet, vor zehn Jahren sei wegen Mordes gegen Jantjie ermittelt worden. Auch in anderen Fällen sei er in das Visier der Polizei geraten, unter anderem wegen Betrugs. Dabei soll es um umgerechnet mehr als 100.000 Euro gegangen sein. 2011 soll Jantjie Leistungen für Übersetzungstätigkeiten beansprucht haben, die er nicht erbrachte.

Nach Informationen von eNCA TV arbeitete Jantjie, auf dessen Visitenkarte der Name Thami Jantjie steht, vier Jahre lang für das Justizministerium. Auch an dem Gericht, an dem er als Dolmetscher tätig war, gab es demnach Beschwerden: Er soll einen Mitarbeiter als Geisel genommen und sich mit einem Stein verteidigt haben. Das Ministerium wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern.

Ein Sprecher der nationalen Strafverfolgungsbehörden sagte, es gebe keine Ermittlungsakten wegen eines Mordfalls zu Jantjie, es sei aber dennoch möglich, dass er als Verdächtiger geführt worden sei. "Ich kann nicht bestätigen, dass es diese Vorwürfe gegen ihn gab, aber ich kann es auch nicht abstreiten", sagte Nathi Mncube. "Zum jetzigen Zeitpunkt liegen uns keine Unterlagen vor."

Waren die Sicherheitsvorkehrungen ausreichend?

Jantjie hat durch seinen Auftritt seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die Vorwürfe sollen nun noch einmal offiziell untersucht werden. Das bestätigte eine Sprecherin der südafrikanischen Regierung. "Wir werden das nicht unter den Teppich kehren", sagte Phumla Williams. Ergebnisse sollen aber nicht vor der Beisetzung Mandelas an diesem Sonntag bekanntgegeben werden.

Unter anderem soll geklärt werden, wer den Dolmetscher engagierte. Die Inhaber der Übersetzungsfirma sind nach einem ersten Gespräch für die Behörden nicht mehr zu erreichen. Die stellvertretende Ministerin für die Belange von Menschen mit Behinderungen sagte, die Verantwortlichen "hätten sich in Luft aufgelöst". Sie fügte laut "New York Times" hinzu: "Es scheint, als seien sie jahrelang damit durchgekommen. Sie haben Gebärdendolmetscher, deren Fähigkeiten nicht den Standards entsprechen, an viele Kunden vermittelt. Aber niemand hat sich offenbar daran gestört."

Die Schule, in der Jantjie ein Jahr lang in Südafrika sein Handwerk gelernt haben will, ist anderen Übersetzern nicht bekannt. Die Regierung muss nun auch auf Kritik aus dem Ausland reagieren. Vor allem in den USA wird darüber diskutiert, ob die Sicherheitsvorkehrungen bei der Trauerfeier ausreichend waren. War Jantjies Vergangenheit im Vorfeld der Veranstaltung ausreichend gründlich geprüft worden?

Das südafrikanische Parlament will Anfang kommenden Jahres ein Gesetz verabschieden, das den Beruf des Gebärdendolmetschers regulieren soll. Damit will man sicherstellen, "dass solche Vorfälle nie wieder geschehen", so Kulturminister Paul Mashatile.

han/AP

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