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Gedenken an 9/11: Tränen einer Nation

Von und , Washington und New York

Es war der Tag der großen Trauer: Mit Schweigeminuten und der Verlesung der Opfernamen haben die USA den zehnten Jahrestag der 9/11-Anschläge begangen. Präsident Obama und sein Vorgänger Bush standen gemeinsam am Ground Zero, während die Familien das neue Memorial in Besitz nahmen.

Gedenken an 9/11: New York hält inne Fotos
AP

Gordon M. Aamoth Jr.: Das ist der erste Name, der an diesem sonnigen Septembermorgen über Ground Zero hallt. Der erste von 2983.

Aamoth arbeitete bei Sandler O'Neill, einer Investmentfirma im 104. Stock des World Trade Centers. Als das zweite Flugzeug einschlug, rief er zu Hause an und versicherte, dass es ihm gut gehe. Er war 32, als er starb.

Edelmiro Abad. Maria Rose Abad. Andrew Anthony Abate. Damit beginnt er, der lange Zählappell der Gefallenen, vorgetragen von den Hinterbliebenen. Mütter, Väter, Schwestern, Brüder, Töchter, Söhne: Sie kommen mit Kränzen und mit Rosen, tragen Schleifen und Rahmen mit Fotos ihrer Lieben.

Stundenlang dauert diese Prozession. In der Luft liegt ein stetes, lautes Rauschen - die Wasserfälle des neuen 9/11-Memorials, das heute an der Stelle der gestürzten Türme klafft. Das Wasser soll Tränen symbolisieren, aber auch den Kreislauf von Leben und Tod.

"Ich habe aufgehört zu weinen", sagt Peter Negron, 23, über seinen Vater Pete, der im 88. Stock des Nordturms war und damals noch Dutzenden Menschen das Leben rettete. "Aber ich habe nicht aufgehört, ihn zu vermissen."

Angesichts dieses privat-publiken Schmerzes verblasst die Gegenwart von zwei Präsidenten. Barack Obama und Vorgänger George W. Bush, zum ersten Mal gemeinsam hier, stehen entrückt hinter Panzerglas. Auf den Dächern lauern die Scharfschützen mit Feldstechern.

Beide sprechen nur kurz. Obama trägt den Psalm 46 aus der Bibel vor: "Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge." Bush verliest einen Brief Abraham Lincolns an eine Bürgerkriegsmutter, die fünf Söhne verlor.

Dann geht der triste Marsch der Namen weiter. Laura Bush, die frühere First Lady, wischt sich mit einem Taschentuch Tränen vom Gesicht. Auch Michelle Obama ringt um Fassung.

Denn es sind nicht die Politiker, sondern die Familien, die im Mittelpunkt stehen an diesem zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001. Zumal die zentrale Veranstaltung am Ground Zero diesmal auch als Eröffnung der neuen 9/11-Gedenkstätte dient, einem grandiosen, zutiefst bewegenden Memorial - Mahnmal und Friedhof zugleich.

Tasten, reiben, streicheln, küssen - ein neues Gedenkritual

Tausende wandern da erstmals an den beiden enormen Wasserbecken vorbei, in deren Brüstungen die Opfernamen eingestanzt sind. Und schaffen ein neues Gedenkritual: Tasten mit den Fingern darüber, reiben, streicheln, küssen das kalte Metall. Einige haben Papier mitgebracht und rubbeln die Umrisse durch.

"Reflecting Absence" heißt das Memorial. Denn das ist seine Mission: Abwesenheit reflektieren.

Der Tag beginnt in ominöser Stille. Während New York erwacht, verlassen Obama und die First Lady das Weiße Haus. Ihr Helikopter landet am Ende der Wall Street, die mit Straßensperren abgeriegelt und von Panzerfahrzeugen bewacht ist. Die Sonne lugt über die Skyline. Der Himmel über Manhattan strahlt, wie an jenem Morgen vor 3652 Tagen.

Die Stille ist umso beeindruckender angesichts der Menschenmassen, die sich seit Stunden am Ground Zero scharen und langsam durch die Sicherheitschleusen strömen. Der Andrang ist so stark, dass manche gar nicht reinkommen.

Die Baukräne sind aufrecht arretiert, als stünden sie stramm. Sternenbanner hängen überall, das größte hoch oben am Rohbau von One World Trade Center, zehn Etagen lang.

Obama und Bush, Hand in Hand mit ihren Ehefrauen, schreiten zum Nordbecken, wo Tower 1 stand und jetzt zehn Meter tief das Wasser stürzt. Der Präsident, der Osama Bin Laden jagte, und der Präsident, der ihn kriegte - vereint, wo ihr geteiltes Schicksal begann.

Auch Obama berührt die Namen mit der Hand. "Eindrucksvoll", sagt er zu seinem Vizesprecher Josh Earnest. Dann umarmt er Hinterbliebene.

"Zehn Jahre sind verstrichen", sagt Debra Epps, die ihren Bruder Christopher verlor. "Und es ist, als sei es gestern gewesen." Christopher Epps und sein bester Freund Wayne Russo saßen bei der Brokerfirma Marsh & McLennan nebeneinander. Nebeneinander sind ihre Namen jetzt auch am Memorial eingestanzt.

"Der perfekte, blaue Morgen wurde zur dunkelsten Nacht"

Feuerwehrleute und Cops entrollen das legendäre, zusammengeflickte Sternenbanner, das das 9/11-Inferno überstand, wochenlang über den Trümmern wehte und später an Bord des Space Shuttles "Endeavor" sogar ins All flog. Der Brooklyn Youth Chorus singt die Nationalhymne, a capella. Ihre kobaltblauen Uniformsakkos schimmern im Sonnenlicht.

"Zehn Jahre sind vergangen", sagt Bürgermeister Michael Bloomberg, "seit der perfekte, blaue Morgen zur dunkelsten Nacht wurde." Der Star-Cellist Yo-Yo-Ma spielt Bach, später singt Paul Simon "Sounds of Silence".

Um punkt 8.46 Uhr verstummt die Stadt. Eine Glocke markiert den Moment, da der erste Jet hier einschlug. Obama neigt das Haupt. Fünf weitere Schweigeminuten folgen: 9.03 Uhr, 9.37 Uhr, 9.59 Uhr, 10.03 Uhr, 10.28 Uhr.

"Nordturm stürzt", flackert über die großen Videomonitore. Der Countdown der Tragödie.

Damit keine neue Tragödie geschieht, sind in Manhattan mehrere tausend Cops im Einsatz. "Downtown meiden", warnen Leuchtschilder. "New York ist wahrscheinlich die sicherste Stadt der Welt", sagt Bloomberg dem Network CBS. "Sie müssen sich keine Sorgen machen."

Unterdessen haben auch am Pentagon die Trauerfeiern begonnen. Hier starben damals 184 Menschen. Verteidigungsminister Leon Panetta, Vizepräsident Joe Biden und Admiral Michael Mullen, Amerikas ranghöchster Soldat, verharren mit gefalteten Händen und gebeugten Häuptern auf der 9/11-Gedenkstätte vor dem komplett wiederhergestellten Westflügel des Gebäudes, in den Terroristen vor exakt zehn Jahren den Jet steuerten.

Anders als die Erinnerungsorte am Ground Zero und in Shanksville, wo United-Airlines-Flug 93 abstürzte, ist das Pentagon-Memorial bereits vor drei Jahren eröffnet worden. 184 polierte Granit-Bänke wachsen dort aus dem Boden und erinnern an die Getöteten. Jede trägt einen Namen und den Geburtsjahrgang.

Von der mit Edelstahl markierten Null-Linie - "11. September, 9.37 Uhr" - schreitet man über Kies und unter Bäumen zuerst zu der Bank, die an Dana Falkenberg erinnert. Die Dreijährige war mit ihren Eltern und ihrer Schwester an Bord von Flug 77 nach Los Angeles. Ganz am Ende des Areals schließlich die Bank für John Yamnicky, geboren 1930, ein Marine-Veteran, der ebenfalls im Todesjet saß.

"Neue Generation von Patrioten"

Vor dieser Kulisse hält Biden eine kämpferische Rede. Die Terroristen hätten geglaubt, sie könnten Amerika brechen: "Aber eine neue Generation von Patrioten ist herangewachsen, die 9/11-Generation." Biden meint jene 2,8 Millionen Männer und Frauen, die sich seit den Anschlägen im Jahr 2001 zum US-Militär gemeldet und in den Kriegen in Afghanistan und im Irak gekämpft haben. Die Terroristen hätten einen schlafenden Giganten geweckt.

Die 9/11-Generation sei bereit gewesen, "Osama Bin Laden bis zum Tor der Hölle zu verfolgen", sagt Biden: "Und sie haben ihn geschnappt." Man werde nun nicht ruhen, bis al-Qaida völlig zerstört sei, verspricht er den Angehörigen der 9/11-Opfer am Pentagon.

Obama verlässt Ground Zero um kurz nach neun, um nach Shanksville in Pennsylvania weiterzureisen, der nächsten Gedenk-Etappe. Als er und die First Lady dort erscheinen und einen Kranz niederlegen, applaudieren die Menschen, rufen: "USA! USA! USA!"

Die Absturzstelle von Flug 93 auf einem einsamen Feld stand stets im Schatten der Erinnerung an den Anschlag auf New York. Dies soll sich mit diesem Jahrestag ändern.

Am Samstag erst haben Biden sowie Bush und dessen Vorgänger Bill Clinton die Gedenkstätte eröffnet. Es ist eine Heldengeschichte, die hier erzählt wird: Als die Passagiere von United 93 erkannten, dass sie im vierten Terror-Flugzeug saßen, hinderten sie die Entführer an ihrem teuflischen Plan - die Boeing 757 stürzte ab.

Die Verlesung der Namen in New York dauert Stunden. Die Politiker sind längst fort, geblieben sind die Familien. "Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander gehabt", ruft eine Frau ihrem Vater hinterher. Und der zehnjährige Michael Licciardi, der seinen Vater Ralph Licciardi verlor, sagt: "Ich war doch erst neun Monate alt, als er starb."

Die Sonne hat sich jetzt hinter einer dichten Wolkendecke verkrochen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
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1. Up the stairs
Leeuw 11.09.2011
I need your kiss, But love and duty called you some place higher. Somewhere up the stairs, Into the fire. May your strength give us strength May your hope give us hope May your faith give us faith May your love give us love. Bruce Springsteen, The Rising.
2. Der Tod ...
47/11 11.09.2011
... eines jeden Menschen ist eine Tragödie und ein Verlust . Trotzdem darf man nicht vergessen, dass täglich mehrere tausend Kinder durch Unterernährung , Krieg und Gewallt sterben . Gründe, die durch reiche " Supermächte " und ihre unersättliche Habgier verursacht werden .Das ganze Elend auf diesem Planeten rührt daher, dass wenige mit guter Ausbildung immer mehr haben wollen und es der Mehrheit der übrigen Menschen an Bildung und Auskommen fehlt .Erst wenn dieser Misstand behoben ist, wird ein friedliches Nebeneinander der Völker möglich . Doch die Habgierigen werden nicht freiwillig auf ihr vermeintlich rechtlich erworbenes Vermögen verzichten. Ich fürcht, es werden noch viele Häuser brennen müssen, bis die Gerechtigkeit siegt .!!
3. Typisch
rmorg 11.09.2011
Die Trauer der Betroffenen ist verständlich und ganz normal. Daß sich aber ein Staat, der Hunderttausende von Toten zu verantworten hat(Hiroshima, Hamburg, Dresden, Vietnamkrieg, Irakkrieg usw. usw.)nicht beruhigen kann, ist typisch für diesen Staat, der sich anscheinend überhöht und nicht begreift, daß in unserer Zeit Rache ein Unwort und eine Untat ist.
4. Alles fake.
Meskiagkasher 11.09.2011
Die Tränen werden nicht über den Schock des Angriffs an sich vergossen, sondern über den Schock, dass die lange arrogant angenommene Unangreifbarkeit nicht existiert. Der Schock, dass Amerikaner eben nicht höhere Menschen sind als der "Rest der Welt" (den viele Amerikaner für eine Insel vor North Carolina halten).
5. Traurig, unglaublich traurig
seungjeon@mytum.de 11.09.2011
... sind die Bilder, die mittlerweile überall zu sehen gibt. Um so trauriger ist es, wenn man den Angehörigen der zahllosen Opfer nicht einmal genau sagen kann, wie diese Katastrophe zustande kam und wer eigentlich/wirklich verantwortlich ist. Je öfter man 9/11 Report durchliest, die Tatsachen und die Umstände betrachtet, desto fragwürdiger wirkt die ganze Geschichte. Traurig, wirklich traurig.
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Mein Leben nach 9/11

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11. September 2001


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