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Gedenken an Erdbeben-Katastrophe: Tausende Japaner marschieren gegen die Atomkraft

Es ist ein trauriges Jubiläum: Vor drei Monaten wurde Japan von Erdbeben und Tsunami großflächig verwüstet. Das Land gedenkt nun der Opfer - und diskutiert über die Zukunft der Stromversorgung. Tausende protestierten gegen die Atomkraft - und erhöhen so den Druck auf die Regierung. 

Japan: Zerstörtes Land, wütende Bürger Fotos
REUTERS

Tokio - Drei Monate ist es her, das in Japan die Erde gebebt hat und anschließend ein schwerer Tsunami die Küste des Landes heimsuchte. Zwei Themen bestimmen nun das traurige Jubiläum: das Gedenken an die Opfer - und die Debatte um die Zukunft der Atomkraft im Land. Schließlich war die Naturkatastrophe auch Auftakt für die Pannenserie der Reaktoren in Fukushima, die die Welt bis heute in Atem hält.

In Tokio gingen am Samstag mehrere tausend wütende Menschen am Firmensitz des Kraftwerksbetreibers Tepco gegen Atomkraft auf die Straße. In Sprechchören bezichtigen Demonstranten die Firma der Lüge. "Es ist Zeit, auf erneuerbare Energiequellen umzusteigen", sagte der Chef von Greenpeace International, Kumi Naidoo, vor Demonstranten im Yoyogi-Park in der japanischen Hauptstadt. Der Massenprotest lähmte den Verkehr in Teilen Tokios. Auch in rund hundert weiteren japanischen Städten gab es Medienberichten zufolge Demonstrationen, darunter in Hiroshima, das 1945 von einer US-Atombombe zerstört wurde. Für japanische Verhältnisse eine erstaunlich große Bewegung gegen die Kernenergie.

Die Demonstranten in Tokio riefen Anti-Atomkraft-Parolen und trugen bunte Transparente mit Aufschriften wie: "Stoppt sofort alle Arten der Nutzung von Atomkraft und schaltet die Kraftwerke ab." Seit dem Beben habe er erkannt, dass die Nutzung der Atomkraft einfach zu gefährlich sei, sagte einer der Demonstranten, der 32-jährige Takeshi Terada. Die 45-jähirge Mika Obuchi erklärte, sie mache sich vor allem Sorgen um die Kinder.

Seit den Ereignissen von Fukushima hat die in Japan zuvor eher unscheinbare Anti-Atomkraft-Bewegung an Bedeutung gewonnen. Doch die Zahl ihrer Anhänger ist weit geringer als beispielsweise in Deutschland. "Die Menschen in Japan haben zwar auch ihre eigene Meinung", sagte der Demonstrant Reo Komazawa. "Aber sie sind nicht so daran gewöhnt wie die Deutschen, sie öffentlich zeigen."

Die jüngsten Proteste könnten trotzdem den Druck der Öffentlichkeit weiter erhöhen, der bereits zum Stillstand eines Großteils der japanischen Atomkraftwerke geführt hat. Im ganzen Land wurden zahlreiche Reaktoren nach turnusgemäßer Wartung nicht wieder ans Netz gebracht, weil zunächst strengere Sicherheitsauflagen umgesetzt werden sollen. Derzeit laufen 19 der 54 AKW, die vor Fukushima in Betrieb waren.

"Ich möchte, dass meine Kinder draußen spielen können"

Vor der Katastrophe wurden rund 30 Prozent des benötigten Stroms in Japan von Atomkraftwerken geliefert. Der Anteil sollte bis 2030 auf 50 Prozent ausgebaut werden. Die Regierung ist inzwischen aber von diesem Vorhaben abgerückt. Nun sollen erneuerbare Energien verstärkt gefördert werden.

Kritiker eines Anti-Atom-Kurses warnen allerdings vor Stromengpässen, und viele Experten halten einen vollständigen Atomausstieg in Japan für wirtschaftlich riskant. Diese Position wird von den AKW-Gegnern in Frage gestellt: "Die Atomlobby sagt, dass die Kosten für umweltfreundliche Energie zu groß seien", sagte der 59-jährige Ingenieur Yonosuke Sawada. "Dabei ist es viel teurer, dieses Chaos zu beseitigen, und die Wahrscheinlichkeit weiterer lebensbedrohlicher Unfälle ist viel höher." Die 28-jährige Kindergärtnerin Yu Matsuda kam mit ihren beiden kleinen Kindern zur Tepco-Zentrale. "Ich möchte, dass meine Kinder draußen spielen können, ohne dass ich mir Sorgen machen muss", sagte sie.

Im Gedenken an die Opfer von Erdbeben- und Tsunamikatastrophe legte Ministerpräsident Naoto Kan bei einem Besuch in Kamaishi in der mit am schwersten zerstörten Provinz Iwate um 14.46 Uhr Ortszeit - dem Zeitpunkt, als am 11. März das Beben der Stärke 9,0 das Land heimsuchte - eine Schweigeminute ein. Für die Hilfsmaßnahmen müsse zusätzliches Geld eingeplant werden, sagte Kan. Die Opposition sowie einige Vertreter im eigenen politischen Lager werfen ihm Missmanagement in der Krise vor und fordern seinen unverzüglichen Rücktritt vom Amt des Premiers.

Drei Monate nach Beginn der Katastrophe sind bislang rund 15.400 Tote geborgen worden, rund 8100 Menschen gelten weiter als vermisst. Mehr als 90.000 Menschen leben noch immer in Notunterkünften. Bisher wurden nach Berichten japanischer Medien rund 28.000 Behelfsunterkünfte gebaut. Noch immer herumliegende Trümmerberge erschweren dabei die Neubauten.

Fast 120.000 Menschen in den mit am schwersten betroffenen Provinzen Miyagi, Iwate und Fukushima haben in Folge der Katastrophe ihren Arbeitsplatz verloren, berichtet der Fernsehsender NHK. Es gebe derzeit jedoch nur 49.000 Jobangebote.

In der Atomruine in Fukushima kämpfen Reparaturtrupps weiter gegen Millionen Liter von verseuchtem Wasser, mit dem die Reaktoren gekühlt werden sollen. Die Kernschmelze, so viel scheint mittlerweile festzustehen, war wohl schlimmer als zunächst befürchtet. In Regierungsberichten heißt es, möglicherweise seien die Brennstäbe dreier Reaktoren geschmolzen und hätten sich am Boden der Reaktorkerne gesammelt. Von dort sei dann zum Teil strahlende Masse in das Innere der sie umgebenden Sicherheitsbehälter gelaufen.

Noch immer gibt es Sorge vor der weiter austretenden radioaktiven Strahlung. Es dürfte noch mehrere Monate dauern, bis die Situation in dem havarierten Atomkraftwerk unter Kontrolle ist. Zuletzt war bekannt geworden, dass auch in grünem Tee in Japans größter Teeanbau-Provinz Shizuoka - 370 Kilometer südwestlich von der Atomruine Fukushima - erhöhte radioaktive Strahlung gemessen wurde.

chs/dpa/AFP/dapd/Reuters

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insgesamt 76 Beiträge
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1. Schätze, Japan wird
geistigmoralischewende 11.06.2011
Zitat von sysopEs ist ein trauriges Jubiläum: Vor drei Monaten wurde Japan von Erdbeben und Tsunami großflächig verwüstet. Das Land gedenkt nun der Opfer - und diskutiert über die Zukunft der Stromversorgung. Tausende protestierten gegen die Atomkraft -*und erhöhen so den Druck auf die Regierung.* http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,768057,00.html
keine 40 Jahre benötigen. Man kann auf deutsche Erfahrungen zurückgreifen! Made in Germany von seiner besten Seite!
2. So kann man es auch nennen.
lalito 11.06.2011
"... Schließlich war die Naturkatastrophe auch Auftakt für die Pannenserie der Reaktoren in Fukushima,..." Na dann, Wagenheber wieder runter und weiterfahren? Da fliegen den armen Leutchen drei Reaktoren um die Ohren und schmelzende wie geschmolzene Kerne werden nur noch durch "Containments", wenn überhaupt, von der Biosphäre ferngehalten. Die Beschwichtiger und Halb-so-wild-Lamentierer freuen sich angesichts solch zurückhaltender Wortwahl. Die Investments in die Lohnschreiber rentieren sich immer noch wie es scheint.
3. schätze
mrempf 11.06.2011
Japan wird anders als Deutschland Schritt für Schritt den Ausstieg durchführen während der teusche Michel dank der Ökofa...erh ökopopulisten mehr und mehr an industrieller Bedeutung verliert da man nichts durchdacht hat. Hauptsache Ausstieg hört sich gut an gell, sagt der Bub zu seinem 68´ Opa Ja ich bin stolz hauptsache anti atom, wie ist doch scheißegal haben wir schon damals gesagt. Keine Pläne für Nord Süd Strom transfer, keine Pläne für Speicherkraftwerke. Atomausstieg schön und gut aber bitte durchdacht.
4. ---
manta 11.06.2011
Und wie soll man so ein kleines Land anders als mit Kernenergie versorgen ohne fossile Energie zu verheizen ? Windkraft lass ich mir ja eingehen, könnt nur ein bisschen eng werden. Aber bitte kommt mir nicht mit Wellen oder Photovoltaik oder solchem Gedöns...es braucht hohe Energiedichten und muss bezahlbar bleiben, da scheidet das meiste aus.
5. Angst made in Germany, Die Angst ein Meister aus Deutschland
law1964 11.06.2011
Zitat von geistigmoralischewendekeine 40 Jahre benötigen. Man kann auf deutsche Erfahrungen zurückgreifen! Made in Germany von seiner besten Seite!
Ja Angst haben kann die Welt von uns lernen, Angst vor allem, ob Atomkraft, private Waffen oder sonst was wir verbieten einfach alles und schon sit die Welt in Ordnung
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Fotostrecke
Japan: Das Krisen-AKW Fukushima

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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