Gedenkfeier für Diana Geeinte Trauerfront des Hochadels

Wer sich von der Diana-Gedenkfeier ein schaurig-schönes Melodram erwartet hatte, für das die Briten Spezialisten sind, wurde enttäuscht. Ökonomisch und unsentimental wurde der Prinzessin gedacht - und eine klare Botschaft in die Welt geschickt.

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London - Kein Pomp, kaum Circumstance. Der Gedenkgottesdienst für die vor zehn Jahren verstorbene Prinzessin Diana, Kernzeremonie der diesjährigen Retrofeiern, zeichnete sich durch genau den schlichten Duktus aus, den Dianas Söhne, Ausrichter und Gastgeber des Gottesdienstes, wollten.

Statt Hysterie, nationaler Schockstarre und symbolträchtiger Bilder fehlte diesmal jede Spur von Melodram.

Düpierte von zehn Jahren Dianas Bruder, der Earl Spencer, die Queen und die Medien mit einer Brandrede, so stand er heute handzahm mit seinen Neffen am Portal der - im Vergleich zur Westminster-Kathedrale geradezu spartanischen - "Guards Chapel", um die Gäste der Gedenkfeier zu begrüßen. Man lächelte, gab einander Küsschen - der britische Hochadel zeigte der Diana-Fangemeinde eine geeinte Front.

Dem jüngeren der Brüder, Harry, fiel es in einer kurzen Ansprache zu, deutlich zu machen, welches Image ihrer Mutter die Prinzen gerne bewahrt sehen möchten: "fröhlich, großzügig, bodenständig und total aufrichtig" sei Diana gewesen, und, im privaten Umfeld weit weg vom Medien-Geschrei, "ganz einfach die beste Mutter der Welt".

Der Prinz zeigte damit, was die jungen Windsors von Enthüllungen, Biografien und Berichten halten, die andere Seiten Dianas zeigen, ihre Psychosen, ihre Schwächen, ihre Eitelkeiten: gar nichts. Das eindimensionale Bild der Toten als Philanthropin, als Ikone der Armen, Außenseiter und Kranken, gehört konserviert. Kritik? Thanks, but no, thanks.

Die Zwistigkeiten der britischen Königsfamilie, über die Boulevard-Medien am liebsten spekulieren - die Queen hasste Diana, Diana hasste Charles - wirkten durch die von der neuen Windsor-Generation erdachte Gottesdienst-Choreographie wie Spukgebilde: Harry würdigte Thronfolger Charles als guten Vater, und zum Abschluss sang die Gemeinde "God save the Queen".

Einer musste draußen bleiben: Mohammed al-Fayed, Urheber und Gralshüter der Verschwörungstheorien, die sich um den Tod Dianas ranken, war gezwungen, der verstorbenen Prinzessin und seines Sohnes Dodi, der am 30. August ebenfalls bei dem Unfall starb, anderweitig zu gedenken.

Der millionenschwere Sozial-Streber al-Fayed, der in der britischen Königsfamilie ungefähr so beliebt ist wie bei Zahnarztpatienten eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung, ordnete in seinem Kaufhaus "Harrods" zwei Schweigeminuten an, unmittelbar vor Beginn des Trauergottesdienstes. Vor einer Bronze-Statue der Getöteten - übrigens ein monströses Monument totaler Geschmacklosigkeit - hielt Fayed selbst inne. Vor zehn Jahren hatte der Unternehmer noch zu den geladenen Trauergästen in der Westminster Abbey gehört. Dass ihn heute die nachwachsende Generation des britischen Establishments mit derselben unerbittlichen Konsequenz ignoriert wie die alte Garde, muss den Haudegen verbittern. Man meint es ihm anzusehen.

Hat Diana dieses Land verändert, fragte heute die BBC. Die Frage scheint gerechtfertigt, vergleicht man den totalen Stillstand der Metropole London bei den Trauerfeierlichkeiten für Diana am 6. September 1997, als Millionen Menschen die Straßen säumten, mit den wenigen Versprengten, die sich zehn Jahre später im St. James Park zusammendrängten.

Die Antwort auf die Frage nach Dianas Tiefenwirkung bleibt vage. Die Statistik besagt, dass unmittelbar nach ihrem Tod die Zahl der Selbstmorde im Land anstieg - bei den Frauen der Altersgruppe, die sich besonders mit der Prinzessin identifizierten, den 25- bis 44-Jährigen, sogar um 45 Prozent. Eine erhöhte Selbstmordrate ist jedoch immer zu verzeichnen, wenn eine populäre Berühmtheit aus dem Leben scheidet.

Sehr wohl konstatiert der Psychiater Raj Persaud ein verändertes soziales Verhalten in der britischen Gesellschaft, was den Umgang mit Emotionen anbelangt. "Die Menschen sind heute extrovertierter, offener", sagte Persaud der BBC. Also doch ein Diana-Effekt? Die Prinzessin brach ein Tabu, als sie im Fernsehen über Selbstmordgedanken, Bulimie und Fremdgehen sprach.

Doch der Wissenschaftler verneint: Mit Diana habe die neue Lust am Gefühlsbetonten gar nichts zu tun.

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