Gefährdete Frühchen: 980 Gramm Leben

Von Susanne Kailitz

Leonie kam als Frühchen zur Welt, winzig klein, zerbrechlich. Jede Vireninfektion bedrohte ihr Leben. Ihre ersten Monate waren von immer neuen Operationen und Klinikaufenthalten bestimmt - eine Zeit, die bis heute die Beziehung zwischen Mutter und Tochter prägt.

Frühchen: Leonies Geschichte Fotos

Als Irina Obermeier ihr Baby zum ersten Mal sah, war es in Folie eingepackt, um nicht auszukühlen. Leonie zu streicheln, dieses winzig kleine, rote Menschlein, traute sich die Mutter nicht, aus Angst, sie könne die puppenzarten Ärmchen und Beinchen verletzen. "Ich habe eigentlich nur ihre Nase angestupst", erinnert sich Irina Obermeier", und Leonie gefragt, 'Was machst du denn da mit mir?'"

Leonie kam im Dezember 2006 als Frühchen zur Welt, zwölf Wochen vor dem idealen Termin und viel zu klein und leicht, um allein überleben zu können. Mit einem Gewicht von 980 Gramm und einer Länge von 34 Zentimetern war sie in ihrem Inkubator nur eine Handvoll Leben, angeschlossen an unzählige Kabel, mit einer Sauerstoffmaske über dem Gesicht, die ihr das Atmen erleichtern sollte.

Die Sorge, das Baby könne die ersten Lebenstage und -wochen nicht überstehen, ließ die Mutter lange nicht los. "Diese Frühgeburt zu verkraften, war wahnsinnig schwer. Ich habe mir dann gesagt, dass ich jeden Tag, den ich mit Leonie habe, genießen muss."

Ungefähr 60.000 Kinder, also rund acht Prozent aller Neugeborenen, kommen in Deutschland zu früh - vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche - zur Welt. Bei Kindern mit einem Gewicht von weniger als 1500 Gramm spricht man von kleinen Frühchen, kommen sie vor der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt, gelten sie als Extremfrühchen. Weil die Mütter im Schnitt immer älter werden und es aufgrund von Hormonbehandlungen häufiger Mehrlingsschwangerschaften gibt, steigt auch die Zahl der Frühgeburten an.

"Leonies Hüfte war einfach noch nicht ausgereift"

Irina Obermeier hatte schon sechs Wochen vor Leonies Geburt liegen müssen, trotzdem immer mehr Fruchtwasser verloren. Schließlich ließ sich die Schwangerschaft nicht mehr halten. Ob sie ein Mädchen oder einen Jungen zur Welt gebracht hatte, wusste sie selbst eine Stunde nach der Geburt noch nicht. "Auch der Oberarzt hat gezögert, sich festzulegen, der hat mir gesagt, zu achtzig Prozent sei er sicher, dass es ein Mädchen ist."

Für das, was folgte, brauchte Irina Obermeier enorme Kraft. Alles, was ohnehin schwer genug ist nach einer Entbindung - langsam in einen schlagartig veränderten Alltag hineinzuwachsen, 24 Stunden am Tag für einen neuen, hilflosen und oft mysteriösen kleinen Menschen da zu sein - potenzierte sich in ihrem Fall.

Schon zwei Wochen nach ihrer Geburt infizierte Leonie sich mit Noroviren, mit sechs Wochen diagnostizierten die Ärzte einen beidseitigen Leistenbruch, der eine Operation nötig machte. Trotzdem kämpfte sich das kleine Frühchen ins Leben, nahm so gut zu, dass sie im Februar nach Hause entlassen werden konnte.

Doch das Glück darüber hielt nur kurz an. "Die Ärzte haben sehr schnell entdeckt, dass Leonie Probleme mit der Hüfte hatte - die war einfach noch nicht ausgereift." Sechsmal musste Leonie allein in ihrem ersten Lebensjahr operiert werden, steckte danach jedes Mal von der Hüfte bis zu den Zehen in Gips. Danach musste sie monatelang Schienen tragen.

Die Mutter blieb während jedes Krankenhausaufenthalts bei ihrer Tochter, "das war überhaupt keine Frage".

Nicht immer war Irina Obermeier mit der Betreuung in den verschiedenen Kliniken glücklich, "da gab es Unterschiede wie Tag und Nacht", sagt sie.

"Wir waren ängstlich - Frühchen sind für manche Sachen sehr anfällig"

Betroffenenverbände und Interessengruppen setzen sich in Deutschland schon lange dafür ein, dass besonders kleine Frühchen nur in Perinatalzentren des Levels 1 behandelt werden dürfen. Die müssen ab dem 1. Januar 2011 nachweisen, dass sie mindestens 30 Frühchen unter 1250 Gramm pro Jahr behandeln. Der gemeinsame Bundesausschuss hat die Zahl erst im Juni von 14 heraufgesetzt, nachdem sich der Krankenhausverband lange dagegen gesperrt hat. Der Bundesverband "Das frühgeborene Kind" und die Deutsche Kinderhilfe fordern sogar eine Mindestmenge von 50, weil alle Daten zeigen, dass die Überlebensrate steigt, je höher die Fallzahlen in den Perinatalzentren sind.

"Es gab eine Klinik", erzählt Irina Obermeier, "da haben die Schwestern mit mir gemeinsam überlegt, wie man die Kleine am besten wickeln kann, wenn beide Beine komplett eingegipst sind. In einem anderen Krankenhaus hat Leonie sich Rota-Viren eingefangen und dabei natürlich den Gips total eingesaut. Die Reaktion war, dass die Krankenschwestern das Jugendamt informiert haben und ich von der Sozialstation gefragt wurde, ob ich nicht vielleicht überfordert wäre."

Über den Zwischenfall in der Klinik kann Irina Obermeier heute lachen, damals aber geriet sie ständig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Denn zur Sorge, ob Leonie die ständigen Narkosen gut verkraften würde, gesellte sich auch die Angst, ihr Kind könne weitere Folgeschäden von seiner Frühgeburt zurückbehalten haben.

"Wir waren sehr ängstlich, dass sie vielleicht Probleme mit den Augen haben könnte. Außerdem hatte sie immer wieder Mittelohrentzündungen und Bronchitis - Frühchen sind für solche Sachen ja so anfällig."

Bis zu fünfmal musste Irina Obermeier in diesen Phasen nachts aufstehen, um Leonie inhalieren zu lassen, "und natürlich hatte ich immer eine Heidenangst davor, dass wir sie wieder ins Krankenhaus bringen müssten. Während Leonies erster beider Lebensjahre war ich mit ihr öfter im Krankenhaus als zu Hause."

Auch die Ehe von Irina und Oli Obermeier war während dieser Zeit einer enormen Belastung ausgesetzt. "Trotzdem hat uns die Angst um Leonie ungeheuer zusammengeschweißt", sagt Irina Obermeier. "Wir haben uns immer gegenseitig aus dem Tief geholt - wenn der eine down war, hat der andere ihn wieder aufgebaut. Dieses Enge, das hat bis heute angehalten."

"Wir können uns nur schlecht voneinander trennen"

Die Vernetzung in ihrer Familie empfand Irina Obermeier ebenfalls als große Unterstützung: "Als wir diesen Ärger im Krankenhaus wegen der Rota-Viren hatten, hat meine Mutter denen einen bitterbösen Brief geschrieben. Das hätte ich damals selbst nicht gekonnt."

Wichtiger als alle Unterstützung von außen aber war, dass Leonie alle schlechten Prognosen Lügen strafte. Kaum waren der Gips und die Schienen verschwunden, lernte das kleine Mädchen laufen. Auch wenn die Dreijährige heute gemessen an den Tabellen der Kinderärzte mit 13 Kilogramm und 90 Zentimetern immer noch zu klein und zu dünn ist: Ihren schweren Start sieht man Leonie nicht mehr an, wenn sie mit ihrer Puppe Luzi durch den Garten tollt oder ganz cool mit Sonnenbrille auf dem Dreirad sitzt.

Seit gut einem Dreivierteljahr geht Leonie in den Kindergarten. Auch wenn sie sich mit den Gleichaltrigen dort gut versteht, wurde in der Phase der Eingewöhnung klar, dass das kleine Mädchen eine ganz besonders enge Bindung an seine Mutter hat.

"Ich war ja immer dabei, im Krankenhaus, bei den Ärzten, bei der Physiotherapie. Dadurch hatte Leonie zwar nie Angst und hat sich nie allein gelassen gefühlt - aber es hat auch dazu geführt, dass wir uns nur ganz schlecht voneinander lösen können."

Leonies erste Worte waren "Mama, schmusen", bis heute ist das Verhältnis der beiden extrem innig. "Wenn ihr Papa mit ihr schimpft, reagiert sie schon mal beleidigt. Mir ist sie eigentlich nie böse."

"Wir wissen ja nicht, was noch auf uns zukommt"

Leonie auch nur stundenweise in die Hände Dritter zu geben, sei ihr sehr schwer gefallen, sagt Irina, "ich habe geheult wie ein Schlosshund". Auch die Kleine habe immer wieder Phasen, in denen sie lieber zu Hause "bei Mama bleiben" wolle als in den Kindergarten zu gehen. "Aber ich sehe ja, dass es ihr guttut. Sie ist in diesen Monaten viel frecher geworden und kann sich besser durchsetzen. Ihr Selbstbewusstsein ist enorm gewachsen."

Dass sie nach all den anstrengenden Monaten ein bisschen mehr Freiraum hat, tut auch Irina Obermeier gut. Nach drei Jahren Anspannung kann sie jetzt durchatmen, ihren Alltag wiederentdecken.

Die Angst um Leonie ist vorsichtigem Optimismus gewichen - man plant mit Bedacht. So würde sich Irina zwar über ein zweites Kind freuen, "aber wir sind uns einig, dass wir lieber die Kleine gesund groß bekommen. Wir wissen ja nicht, was noch auf uns zukommt. Wir wollen unser Glück lieber nicht überreizen".

Glück erfährt Irina Obermeier heute vielleicht ein wenig anders als andere Mütter. Wenn Leonie beispielsweise keine Lust hat, ihr Zimmer aufzuräumen und "Nein Mama, mach alleine" sagt, ist das ein kleiner Triumph.

Immer wieder testet das kleine blonde Mädchen aus, wie viel Widerstand sie sich bei ihrer Mutter erlauben kann. Diese Trotzphasen machen Irina Obermeier euphorisch, sie zeigen ihr, dass ihre Tochter ein ganz normales kleines Kind ist. Dass das so sein würde, war am Anfang von Leonies Leben schließlich alles andere als sicher.

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