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Fotos aus Knästen in Lateinamerika: Ort des Grauens, Hort des Wahnsinns

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Valerio Bispuri/ Echo

In vielen Gefängnissen Lateinamerikas herrscht das Recht des Stärkeren. Der römische Fotograf Valerio Bispuri hat das Leben der Häftlinge festgehalten, hier sind seine Bilder.

Gefängnisse in Lateinamerika - das sind oft enge, übelriechende und übervölkerte Unorte, die das Schlimmste im Einzelnen hervorkehren können.

Es gibt Folter und Morde, auch durch Sicherheitskräfte. Es gibt tödliche Brände, blutige Revolten, spektakuläre Ausbrüche.

Der italienische Fotograf Valerio Bispuri wollte in diese Welt eintauchen, verstehen, wie es sich anfühlt, dort zu leben. Mehr als 70 Gefängnisse hat der römische Fotoreporter in den vergangenen zehn Jahren abgelichtet. Im Zentrum standen immer die "Encerrados", die Eingesperrten, die dort überleben müssen: "Ich wollte wissen, wie sie ihren Tag verbringen, was sie antreibt, wovon sie träumen."

Fotos aus dem Knast: Enge, Misstrauen, Gefahr

Häftling in einem Gefängnis in der Nähe von Caracas, Venezuela: Der Knast gilt als einer der brutalsten und gefährlichsten im Land, nirgendwo kursieren mehr Waffen als hier. Dementsprechend groß ist die Skepsis der Inhaftierten gegenüber Unbekannten - in diesem Fall dem römischen Fotografen Valerio Bispuri, der den finster dreinblickenden Mann abgelichtet hat.

"Es ist eine fremde und sehr komplexe Welt, in der Gewalt und Missbrauch Teil des Lebens sind", sagt Bispuri über die insgesamt 74 Strafanstalten, die er in zehn Jahren besuchte. Hier ist der Gefängnishof der Stafvollzugsanstalt 1 in Chiles Hauptstadt Santiago zu sehen. Es ist der älteste und größte Knast im Land, er wurde 1843 gebaut.

Im Zellentrakt dokumentierte Bispuri, wie ein Wachmann einem Gefangenen mit einem Baseballschläger droht. In den Gefängnissen Lateinamerikas sterben täglich Menschen. Manche aufgrund jahrelanger Fehl- oder Unterernährung sowie unbehandelter Krankheiten. Andere verlieren ihr Leben, weil jemand sie nicht mochte oder sie irgendjemandem im Weg standen. Weil sie Pech hatten und bei einer Auseinandersetzung zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Oder weil sie Teil der mafiösen Systeme sind und "im Krieg fallen".

Hoffnungslose Blicke im Gefängnis Nummer 1 von Santiago: Ohnmacht und Tatenlosigkeit zeigen sich nicht nur im Knast selbst, sondern auch an höchster Stelle: Chiles konservativer Ex-Staatspräsident Sebastián Piñera bezeichnete die Verhältnisse im Gefängnis San Miguel von Santiago einst als "unmenschlich". Dort waren bei einem Brand 81 Häftlinge ums Leben gekommen.

Im August 2014 kündigte die chilenische Regierung an, vier neue Gefängnisse mit Kapazitäten für 6300 Insassen bauen und dafür 430 Millionen Dollar bereitstellen zu wollen. Die alten Strafanstalten sind aber weiter überbelegt. "Die Häftlinge versuchen mit aller Kraft, sich Raum, einen Rückzugsort zu schaffen. Sie wollen ihre Würde bewahren. Doch das fällt angesichts der herrschenden Enge schwer", sagt Bispuri.

In Santiago gibt es ein einziges Bad für etwa 70 Häftlinge - Intimsphäre ist etwas, das sich nur freie Bürger erlauben können. "Gewalt und Machtmissbrauch innerhalb des Knasts sind eine direkte Folge der fatalen Überbelegung", sagt der Fotograf.

Sanitäre Anlagen im Gefängnis von Santiago: In Chile sind den Behörden zufolge derzeit rund 43.000 Menschen in Haft. Die Belegrate in den 103 Gefängnissen liegt offiziell bei nur knapp 111 Prozent. Das ist noch wenig im Vergleich zu Ländern wie Venezuela, wo sie fast 270 Prozent beträgt.

Erfindungsgeist ist gefragt, wenn man die endlosen Tage und Nächte im Knast ohne psychische Dauerschäden überstehen will. Im kolumbianischen Cómbita trainiert ein Insasse mit selbst gefertigten Gewichten. Immer wieder kommt es in Kolumbien zu spektakulären Gefängnisausbrüchen wie im Frühjahr 2015, als ein vierfacher Kindermörder aus der Haftanstalt Las Heliconias floh. Möglich werden solche Ausbrüche durch korrupte Staatsbedienstete, die für Geld mit Verbrechern kooperieren.

Eine junge Mutter kuschelt sich im Frauengefängnis von Guayaquil in Ecuador an ihren Sohn. In einigen Strafanstalten Lateinamerikas können verurteilte Frauen ihre Kinder mit in die Haft nehmen, wenn die Kleinen jünger als vier Jahre sind. Die Behörden rühmen sich, mit dem Gefängnis von Guayaquil eines der modernsten des Landes zu haben. Anti-Drogen-Kampagnen, Theateraufführungen, Musik und Rehabilitation durch Ausbildung sollen laut Justizministerin Ledy Zuñiga eine neue Ära einläuten.

Skeptisch schaut eine Insassin des Frauengefängnisses von Guayaquil in die Kamera: Der Alltag im Knast ist geprägt von Auseinandersetzungen, aber auch von Langeweile und Untätigkeit. In Ecuador sind 7,7 Prozent der Insassen Frauen. Ende 2013 gab die Regierung die Parole aus, die Überbelegung der Strafanstalten werde 2014 beseitigt werden. Kurz zuvor waren 55 Insassen eines Hauptstadtgefängnisses ausgebrochen. Die Zahl der Inhaftierten steigt weiter, fast die Hälfte von ihnen sind Untersuchungsgefangene.

Im Frauengefängnis von Guayaquil: Zwei Frauen ruhen sich in ihrer Zelle aus. Über ihren Betten hängen Plastiktüten mit dem Wenigen, was ihnen an persönlichem Besitz geblieben ist.

Ein Mann verlässt nach mehr als 20 Jahren das Gefängnis von Cordova in Argentinien. Er zeigt die Narben, die er davongetragen hat.

Weit über 10.000 Menschen sind in Perus größtem Gefängnis San Pedro zusammengepfercht. Der Knast ist eigentlich für 2500 Insassen konzipiert, beherbergt aber viermal so viele Menschen. Er liegt im Distrikt San Juan de Lurigancho nahe der Hauptstadt Lima. San Pedro gilt als eine der gefährlichsten Haftanstalten in ganz Lateinamerika.

Unterversorgung und Korruption in den staatlichen Gefängnissen sind so virulent, dass 2012 sogar der Notstand in den Haftanstalten des Landes ausgerufen wurde. Peruanische Gefangene berichteten Amnesty International davon, dass sie für Bettwäsche und einen Schlafplatz zahlen mussten, ebenso für Wäsche, Essen und Zugang zu Telefonen. In manchen Knästen mangelt es an sauberem Trinkwasser, die medizinische Versorgung ist desolat. Die Dauer der Untersuchungshaft ist in Peru überdurchschnittlich lang – viele Angeklagte warten Jahre auf ihren Prozess. Im August 2010 machte die Haftanstalt San Pedro mit einem gruseligen Verbrechen aus Leidenschaft Schlagzeilen: Der Drogenhändler erdrosselte seine Freundin, während sie ihn besuchte. Die 22-Jährige wollte sich offenbar von ihm trennen. Der Täter bewahrte die Leiche der Frau in seiner Zelle auf und versuchte, sie dort notdürftig zu begraben. Erst der Verwesungsgeruch rief die Wärter auf den Plan.

Das älteste Gefängnis von Ecuador befindet sich im historischen Zentrum der Hauptstadt Quito: Ausländische Gefangene sind in lateinamerikanischen Knästen keine Seltenheit, die meisten von ihnen sitzen wegen Kokainhandels ein. So hoch wie der Profit sind auch die Haftstrafen bei Entdeckung.

Im kolumbianischen Medellín telefonieren weibliche Gefangene vom Festanschluss des Frauengefängnisses mit ihren Familien. Der Gebrauch von Mobiltelefonen ist verboten.

Auch in Uruguay sind viele der insgesamt gerade mal 28 Gefängnisse überfüllt: Hier ist eine Zelle mit gut gelaunten Gefangenen in einem Knast in Montevideo zu sehen. In der Strafanstalt Punta de Rieles wird derzeit mit alternativen Strukturen im Strafvollzug experimentiert. 200 Beamte arbeiten hier, von denen viele ausgebildete Psychologen, Sozialarbeiter oder Menschenrechtler sind. Die Mehrzahl der Beamten sind unbewaffnete Frauen. Der Gefängnisdirektor Rolando Arbesún sagt: "Wir stellen uns diese Einrichtung wie ein Dorf vor, mit denselben Alltagsdynamiken, die man auch draußen findet." Dazu gehören eine Bücherei, ein Computerzentrum, eine Bäckerei, ein Süßigkeitengeschäft - und sogar ein Yoga-Workshop.

Bispuri reiste durch Chile, Kolumbien, Peru, er war in Uruguay, Argentinien und Venezuela. An manche Türen musste er lange und andauernd klopfen, andere öffneten sich schon nach wenigen Tagen. "Natürlich sind die Leute verzweifelt. Aber nicht alle."

Oft wurde Bispuri freundlich aufgenommen. Manchmal aber auch nicht. "Für einige Häftlinge war ich eine willkommene Abwechslung, andere betrachteten mich mit Neid, wieder andere mit Verachtung, weil sie davon ausgingen, dass ich nur da war, um mit ihrem Elend Geld zu verdienen."

Einmal habe ihn jemand mit einer Plastiktüte voller Urin beworfen, erinnert er sich. Ein anderes Mal sei er mit einer Spritze bedroht worden, die angeblich infiziertes Blut enthielt. Irgendwann habe ihm jemand ein Messer an den Hals gedrückt. Verstört hat das den Fotografen durchaus, aber er ist nicht nachtragend: "Die Welt der 'Encerrados' ist eine abgeschlossene, jenseits der Realität, es gelten andere Regeln."

In Ländern, in denen das organisierte Verbrechen schon jenseits der Knastmauern stark ist, entfaltet sich in den Strafanstalten bisweilen ein hochkompliziertes Machtgefüge, in dem Beamte und Banditen auf Kosten von Mitgefangenen kooperieren.

In vielen Gefängnissen ist das Gesetz außer Kraft, regieren aggressive mafiöse Gruppen. In Venezuela etwa werden geschätzt drei Viertel der Knäste von Gangbossen, den "Pranes", kontrolliert. Das hat zur Folge, dass bestimmte Knastbereiche nur mit Genehmigung der Verbrecher betreten werden können. Ein System im System.

Mehr als 51.000 Menschen sind in 32 venezolanischen Einrichtungen zusammengepfercht, obwohl nur für 19.000 Platz ist. In den Statistiken steht dann: Belegrate 269,8 Prozent. Die Enge fordert ihren Tribut: Im Jahr 2013 starben 506 Insassen, 616 wurden verletzt.

Für das vergangene Jahr meldete die Gefängnisbeobachtungsstelle OVP einen Rückgang auf 309 Tote. Dies sei allerdings nur darauf zurückzuführen, dass die Gefangenen inzwischen "fast den ganzen Tag eingeschlossen bleiben". Von denen, die tatenlos, fehlernährt und oft krank in ihren Zellen sitzen, ist nur etwa ein Drittel überhaupt verurteilt worden. Der Rest sind Untersuchungsgefangene, die mitunter Jahre auf einen Prozess warten.

Wie kommt der Mensch klar mit dem Primat der Instinkte, der Natur über die Kultur? "Es gibt durchaus Kultur im Gefängnis", sagt Bispuri. In Argentinien habe er einmal drei Insassen beim Mate-Trinken beobachtet. "Sie saßen wohlerzogen beisammen und redeten über Fußball, es war wie in einem netten Straßencafé."

Es gebe außerdem nicht nur Drogendealer und Mafiosi in den lateinamerikanischen Gefängnissen, sondern auch solche, die "einfach einen Blackout in ihrem Leben hatten, so wie es jedem von uns passieren könnte". Zum Beispiel den freundlichen Universitätsprofessor in Peru, der in einem Moment der Eifersucht seine Frau tötete und dafür 15 Jahre absitzen muss. "Er hat sich mit seiner Strafe abgefunden, er hat eine akzeptable Stellung in der Hierarchie, wird von den Mitgefangenen aufgrund seiner Bildung sehr geschätzt."

Der Überlebenswille der Männer und Frauen hinter Gittern sei beeindruckend, sagt Bispuri. Nicht aufgeben, weitermachen, lautete die Devise der meisten. Im Gespräch mit den Gefangenen habe er beobachtet, dass es offenbar drei Phasen in einem Gefängnisleben gebe: "Am Anfang rebelliert man gegen das Schicksal, die Ungerechtigkeit, das Pech, dort gelandet zu sein. Danach kommt die Depression, die Erkenntnis, dass man nicht rauskommt." Irgendwann jedoch fingen die meisten an, sich aufs Weiterleben zu konzentrieren. "Dann versuchen sie, sich möglichst viele kleine Freuden im Alltag zu verschaffen." Ein bisschen wie im ganz normalen Leben.

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