Geflügelengpass: Die Qual der Weihnachtsgänse

Von Sebastian Knauer

Mogel-Gänse auf deutschen Tellern: Auf das Etikett "aus bäuerlicher Auslaufhaltung" kann man sich nicht verlassen - tatsächlich kommen die Tiere oft aus osteuropäischen Stopfmast-Betrieben.

Hamburg - Ganz einfach ist die Falschdeklaration nicht zu erkennen - für die Verbraucher kurz vor dem Weihnachtsfest ein Ärgernis. Insbesondere aus Ungarn kommen preisgünstige "frische Bauerngänse" auf den deutschen Markt, die unter tierquälerischen Bedingungen groß wurden. Diese sogenannten "Stopflebergänse" werden zuvor zur Produktion der insbesondere in Frankreich beliebten Gänseleber mit dem zehnfachen des Tagesbedarfs zwangsernährt. Der Gänsebraten ist dann lediglich die Zweitverwertung der Tiere.

Gänse auf einem Geflügelhof: Alarm zum Fest?
AP

Gänse auf einem Geflügelhof: Alarm zum Fest?

Der Europarat hat zwar eine "Empfehlung" ausgesprochen, diese umstrittenen Mastmethoden nicht mehr anzuwenden. Doch zum Ärger deutscher Qualitätsbetriebe zögerte das Bundeslandwirtschaftsministerium jahrelang damit, die Werbung für solche Fettlebergänse zu unterbinden, die mit dem Etikett "aus bäuerlicher Auslaufhaltung" angeboten werden. Der Verbraucher werde mit Abbildungen glücklicher Gänse in einer heilen Welt getäuscht, sagt Thomas Janning, Sprecher des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft.

Trotz der Mogelgänse aus den osteuropäischen Ländern registriert der Verband dieses Jahr eine "Verknappung" des Geflügels. Schon bisher kamen 86 Prozent aller saisonal verspeisten Tiere aus Polen und Ungarn. Dabei schneiden die Ostexporte bei Geschmackstest nicht zwangsläufig schlecht ab: Der Gänsevergleich der "Berliner Zeitung" ließ den "steinharten Tiefkühlklops" aus Polen gegenüber einer Bio-Gans und einer Dithmarscher als "saftiger und schmackhafter" erscheinen.

Tatsächlich wird die polnische Gans häufig zur Federgewinnung für die Kissenindustrie noch bei lebendigem Leib gerupft. Nach Gourmet-Meinung sorgt aber nur das schonende trockene Rupfen der getöteten Gans für eine unverletzte Haut und damit für einen besseren Geschmack.

"Die deutsche Gans ist ein Kulturgut"

Für die deutsche Gans herrscht zum Fest 2006 Alarm. Nach den Zahlen der Bonner Zentralen Markt- und Preisberichtstelle für die Landwirtschaft vertilgen die Deutschen mit stabilem Trend jährlich rund 29.000 Tonnen Gänsefleisch. Nur 14 Prozent der Festgänse sind made in Germany. "Die deutsche Gans ist ein Kulturgut", sagt Janning. Oder wie Wilhelm Busch es formulierte: "Wer dann vernünftig ist und kann's sich leisten, kauft sich eine Gans." - Wenn er eine kriegt.

Für den sächsischen Züchter Lorenz Eskildsen, 42, ist "der Markt sehr nervös, nicht jeder wird dieses Jahr eine deutsche Gans bekommen." Ob Dithmarscher Freilandgänse, die normalerweise auf den saftigen Wiesen an der Nordsee ihren einzigartigen Fleischgeschmack bekommen, oder sächsische Spitzengänse aus kleinbäuerlichen Betrieben - die Vogelgrippe hat zu einem Einbruch von einem Drittel auf dem deutschen Gänsemarkt geführt. "Uns fehlen bundesweit 300.000 Tiere zum Fest", sagt Thomas Janning. Der Grund: Auch für die gemeine Hausgans (lateinisch: Anser anser domesticus) wurde nach Ausbruch des asiatischen Vogelgrippevirus, der durch Zugvögel nach Europa verschleppt wurde, eine Stallpflicht verhängt.

Viele der 6500 kleinbäuerlichen Mastbetriebe für Gänse verzichteten daraufhin schon im Frühjahr auf die Bestellung der Gänseküken - das Elend nahm seinen Lauf. Ohne Küken keine Masttiere. Zudem fehlten häufig geeignete Ställe zur Aufzucht der bewegungsfreudigen Tiere. Nach Ansicht der Züchter ließ sich Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer zu viel Zeit, eindeutige Regelungen für die Aufzucht des Federviehs in Zeiten des Virus zu erlassen. Für die Pharmaindustrie, die derzeit Impfstoffe gegen die Vogelgrippe entwickelt oder Grippepräparate wie Tamiflu verkauft, ist die Seuche ein Segen. Allein der Tamiflu-Hersteller Roche hatte in den ersten drei Quartalen für dieses Medikament ein Umsatzplus von 88 Prozent auf 1,6 Milliarden Schweizer Franken zu verbuchen. Dagegen verblassen die Interessen von mittelständischen Gans-Züchtern, die vorsichtshalber ihre Bestände dezimierten.

VIP-Gans "Doretta" überlebt auch dieses Weihnachten

Die medial angefachte Vogelgrippen-Aufregung legte sich erst Mitte des Jahres. Im Mai 2006 wurde die Stallpflicht modifiziert - zu spät für Gans & Co. Weidegründe am Rande von größeren Wasserflächen, Flussufer, die durchziehende Virusträger beheimateten, oder eben die Küstenregionen, Heimat der Dithmarscher Gänse, blieben für das Geflügel gesperrt.

Schon während ihres Hausarrests Ende 2005 und im Frühjahr 2006 zeigten die eingesperrten Tiere bald Auffälligkeiten im Paarungsverhalten, sagen erfahrene Hobby-Züchter. "Die Ganter waren ganz verrückt im Kampf um die Hennen", sagt die Gänsemutter Marianne Burwick aus dem niedersächsischen Wischhafen. Aus "Mitleid" um die zwangskasernierten Tiere, die nach dem Verdikt aus Berlin nicht mehr auf die Weide durften, hatte sie das scharfe Messer angesetzt und den Bestand im Dezember vorzeitig geschlachtet. "Das war bitter", sagt Burwick.

Wegen der Gänseknappheit rechnen die Experten mit steigenden Preisen. Im Einzelhandel wird die deutsche Gans mit über neun Euro für das Kilogramm rund 60 Cent mehr kosten als im vergangenen Jahr. Auch die Importware aus Osteuropa ist teurer als 2005.

Weiterhin ungerupft bleibt Deutschlands VIP-Gans "Doretta". Von Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Frau Doris 2000 auf Wunsch der Tochter Klara begnadigt, überlebte "Doretta" Vogelgrippe und Journalistenansturm auf dem Hof der Firma Landschaftspflege GmbH im brandenburgischen Lenzen. Nachdem ein Scheck zur Fütterung der Schröder-Gans ausblieb, weder Angela Merkel Interesse an der Pflege des zweibeinigen Bürgergeschenks zeigte noch der russische Konzern Gasprom einen Job für "Doretta" hatte, musste für die Ex-Kanzler-Gans eine neue Unterbringung gesucht werden.

Für den Verein "Leben mit Tieren" in Berlin-Zehlendorf versieht "Doretta" jetzt neben Eseln, Kaninchen und Schweinen ihren Dienst in einer Art Streichelzoo. Die Kanzlergans habe sich "gut eingelebt" und vertrage sich mit jedem, ist auf der Webseite des Vereins nachzulesen. Nur ließe sich "Doretta" nicht von jedem streicheln. Bei einem Tag der offenen Tür skandierten die Besucher vor dem Gänsegatter: "Schröder, Schröder, Schröder."

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