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Geisterschiff in Bremerhaven: Saddams Panzerfrachter

Von Andreas Wenderoth

Seit dem Golfkrieg vor 13 Jahren liegt der irakische Frachter "Al-Zahraa" in Bremerhaven fest. Adel Jewad Kadem und Subhe Abdullah Moosa harren als Wachmänner auf dem Geisterschiff aus. Im Radio hören sie, dass wieder Krieg herrscht. Sie rufen zu Hause bei der Familie an, aber die Telefone sind tot. Sie haben Angst, sie hoffen, sie warten.

Solange die beiden Seeleute das Schiff bewachen, können sie ihre Familien in der Heimat ernähren
Jesco Denzel

Solange die beiden Seeleute das Schiff bewachen, können sie ihre Familien in der Heimat ernähren

Von hier oben, sagt Adel Jewad Kadem, sieht man die Welt ganz klar, das Leben ist nicht kompliziert, es gibt keine Nöte, alles ist geordnet und leicht. Auf einem Schaukelstuhl, den er im Inneren der "Al-Zahraa" gefunden hat, sitzt er an seinem Lieblingsplatz. Deck 3 zwischen Brücke und Hubschrauberlandeplatz: Von hier aus kann er die auslaufenden Schiffe betrachten, das Panorama der gepflegten Hafengebäude, die Passanten, die verwundert stehen bleiben, manchmal winken und dann ihren Gang mit erhöhter Geschwindigkeit fortsetzen, so, als ob der Rost des Schiffes auch von ihnen Besitz ergreifen könnte.

Es hätte ein leichter Job werden können. Ein halbes Jahr bezahltes Nichtstun und dann zurück in die Heimat. Ein halbes Jahr die einzigen Gäste auf einem Geisterschiff. Liegestuhl auf dem Deck, Tischtennis in der Offiziersmesse, schlafen, so lange man wollte. Aber dann kam etwas Un- erhörtes, etwas, das den Urlaubscharakter ihrer Mission trübte. Es kam um vier Uhr morgens, Kadem hatte wieder einmal nicht schlafen können. Als er im Radio hörte, dass die ersten Rauchfahnen über Bagdad aufstiegen, weckte er Subhe Abdullah Moosa: "Der Krieg hat begonnen!"

Die Geschichte der "Al-Zahraa" ist die eines Schiffes, das zur falschen Zeit am falschen Ort war. 1983 gebaut, transportierte der Frachter im Iran-Irak-Krieg Panzer. 1990 läuft das 6000-Bruttoregistertonnen-Schiff ohne Ladung in Bremerhaven ein, weil die Maschine repariert werden muss. Als sie gerade ausgebaut worden ist, verhängen die Vereinten Nationen ein Embargo, weil der Irak Kuwait angegriffen hat. Seither ist der 110 Meter lange Frachter im Hafen arretiert. Der irakische Eigner schickt in Halbjahresabständen zwei Leute, die das Schiff bewachen sollen. Richtige Seeleute kommen selten, streng genommen wird ja auch niemand gebraucht, der wirklich seetauglich ist. Warten müssen sie können, geduldig sein. Die Post geht immer an Herrn Haas, gegenüber. Weil ein Schiff ja keinen Briefkasten hat. Ein Schiff ist unterwegs, normalerweise. Es ist das Wesen eines Schiffes, keine Adresse zu haben. "In letzter Zeit ist keine Post mehr gekommen", sagt Haas. "Sie können ja jetzt nicht mehr den Saddam draufkleben."

Haas ist Chef des Schiffsausrüsters Weser Shipstores, sein Büro ist gleich neben jenem traurigen Kasten Stahl, der so heißt wie die Tochter des Propheten Mohammed: "Al-Zahraa", die Rose. "Eine verblühte Rose", sagt Haas und blickt auf die irakische Flagge, die jetzt nur noch in Fetzen am Stock hängt. Haas hat den Verfall des Schiffes erlebt, das Abplatzen der weißen Farbe, den Wildwuchs des Rostes, die wechselnden Wachmannschaften. "Schon die erste Besatzung verkaufte sofort, was nicht niet- und nagelfest war." Die nächsten Besatzungen wollten auch ihre Geschäfte machen, und weil man Kumpel nicht anschwärzt, wurden die Inventarlisten eben nahtlos weitergeführt. Laut Liste fehlte nie etwas, aber Haas hat schon damals gedacht: "Die letzten beiden werden bestimmt geköpft."

Adel Jewad Kadem und Subhe Abdullah Moosa sind die Letzten. Am 21. August 2002 waren sie mit dem Auto zwölf Stunden von Bagdad nach Amman gefahren, von dort nach Frankfurt und dann nach Bremen geflogen und irgendwann erschöpft auf jenem mit 15 Seilen vertäuten Schiff gelandet, das dort im Licht des zunehmenden Mondes lag. Kadem zog in die Kapitänskajüte, Moosa in die Kammer des früheren Chefingenieurs, voneinander getrennt durch einen schmalen, mit zerschlissenen Teppichresten ausgelegten Flur. Das war ihre neue Welt.

In der Kapitänskajüte, die ihnen als Wohnzimmer dient, steht ein Tresor ohne Inhalt, ein defektes Radio, eine chinesische Schwanenuhr ohne Batterie, eine zerschlissene Ledergarnitur. An der Wand Koranverse, handgeschrieben, "betrifft Gott", erklärt Kadem, und ein Apothekenkalender, auf dem er immer zehn Tage im Voraus abstreicht. Moosa ist in der Küche, das heißt in jenem Raum des Zweiten Offiziers, den sie sich als Küche hergerichtet haben. Die frühere Küche betreten sie nicht. Dort hat der Staub von 13 Jahren irgendwann selbst die Maden in ihren Essensresten erstickt.

Moosa bereitet Reis vor, kocht Tomaten und Hühnerbrust. Vor Jahren schrieb jemand über den Herd: "Al-Zahraa, weine nicht, eines Tages werden wir zurückkehren." Moosas Frau hat ihm das Kochen beigebracht. Es macht ihm Spaß, und da es in der Regel mit der Ehre eines arabischen Mannes schwer vereinbar ist, hat er es manchmal heimlich gemacht. Hier kocht er jeden Tag. Am Fenster stehen einige Töpfe, in denen Moosa Zwiebeln zieht.

Die "Al-Zahraa": Vor 20 Jahren transportierte sie Panzer für den Krieg, heute blüht der Rost
Jesco Denzel

Die "Al-Zahraa": Vor 20 Jahren transportierte sie Panzer für den Krieg, heute blüht der Rost

Moosa kocht, Kadem macht die Einkäufe und den Abwasch. Kadem sagt: "Wir glauben aneinander, wir respektieren uns." Im Irak, sagt Moosa, sei er verantwortlich für Frau und fünf Kinder. "Jetzt nur für mich." Dann blickt er zu Kadem. "Und für ihn." Kadem liegt im Bett und blättert in einem Bildband "Schönes Deutschland". Kadem trägt einen dünnen Oberlippenbart und ist eher kühl, Moosa trägt keinen Bart und kann mit der Wärme, die er ausstrahlt, eine ganze Kajüte beheizen. Moosa ist stets freundlich, Kadem nur dann, wenn ihm danach ist. Moosa hat europäische Philosophen gelesen und könnte sich ein Leben außerhalb des Iraks vorstellen. Kadem liest den Koran und will im Irak leben und sonst nirgendwo.

Moosa ist 15 Jahre älter als Kadem und behandelt ihn ein wenig wie seinen Sohn. Kadem ist schlagfertiger und lässt sich nicht gern als Sohn behandeln. Nicht von Moosa. Sonst verstehen sie sich gut. Vor sechs Monaten installierte ihnen ihre Firma eine Satellitenschüssel. Sie können jetzt 778 Kanäle empfangen, was eigentlich ausreichend ist, um den Tag zu füllen. Sie kriegen nicht viel Geld, aber sie müssen auch nicht viel tun. Hin und wieder die Vertäuung überprüfen, ein paar Dinge nach links tragen oder, wenn das Frischwasser zur Neige geht, aus dem Hydranten am Ufer die Kanister befüllen. Ansonsten: nur Zeit totschlagen, warten auf den Rückruf, der schon ein halbes Jahr fällig ist und nie kam, weil ihrem Land die Regierung weggebombt worden war und sich plötzlich niemand mehr so richtig zuständig fühlte. Plötzlich war es kein leichter Job mehr. Nun saßen sie vor dem Fernseher und weinten.

Auf allen Kanälen nur noch Krieg: Verwundete, die nach Schmerzmitteln schrien, die es nicht gab; verbrannte Autos, zerbombte Häuser, durch die sie so oft gegangen waren. "Manchmal", sagt Moosa, "mussten wir ausschalten, weil wir es nicht mehr aushalten konnten." Es waren nicht die Bilder allein, nicht der Sturz des Saddam-Denkmals, den sie begrüßten wie eine Befreiung von langer Krankheit. Es war die Ungewissheit um ihre Familien. So wie das Staatsfernsehen plötzlich nicht mehr zu empfangen gewesen war, waren auch die Telefonleitungen zusammengebrochen. Sechs Wochen hörten sie nichts von ihren Familien, lebten wie in einem Tunnel, von dem sie nicht wissen konnten, ob er je wieder ins Licht führt. Sie beteten, und die Zeit lastete auf ihnen wie ein schwerer Mantel auf einem Ertrinkenden. Dann kam der Anruf. "Wir leben." "Das war", sagt Moosa, "wie vier Jahreszeiten an einem Tag." Kadem musste noch sechs weitere Wochen warten, dann kam auch für ihn die Entwarnung. Schwierig war die Zeit bis dahin.

Herr Haas hat ihnen ein Fahrrad geschenkt. Vor Kadem und Moosa, sagt er, waren viele Spinner dabei und politische Hardliner, mit denen er nicht gern zu tun hatte. Sie waren zurückhaltend und wenig mitteilsam, wenn es um private Dinge oder die Lage in ihrem Land ging. Saßen da unter ihren Saddam-Porträts und dachten schlecht über die westliche Welt, wenn auch die Verlockungen der Prostitution und des Alkohols ihr Weltbild zuweilen aufweichten. Die "pussy women", von denen auch Kadem und Moosa so schwärmen wie Kinder vom Weihnachtsmann. Haas geht manchmal mit den beiden aus, sie dürfen ein bisschen an der Welt schnuppern und bei ihm auch ins Internet. Haben ja so etwas noch nie gesehen. Herr Haas ist ihr Freund.

Am Anfang stöberten sie noch die Kabinen durch, doch was irgendwie nützlich hätte sein können, war schon entfernt. Einige Gänge betraten sie nie, weil hinter den Türen alles von Feuchtigkeit zerfressen ist. "Nicht gut für die Gesundheit." Weil auch die Crews vor ihnen zumeist in zwei Räumen lebten, ist der Rest des Schiffes zur Abfallhalde geworden. Im Laderaum liegen aufgerissene Rettungsinseln herum. Die Vorgänger haben die Pakete mit dem Notfallproviant längst aufgegessen. "Manchmal", sagt Kadem, "müssen wir auch etwas reparieren." Er zeigt auf ein Rohr, um das ein Tuch gewickelt ist, damit es nicht zu stark leckt. Es sind Reparaturen mit begrenztem Einsatz.

  • 1. Teil: Saddams Panzerfrachter
  • 2. Teil
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