Geisterschiffe vor Japan In den Tod getrieben

Ein Boot mit verwesten Leichen an Bord wurde vor Japans Küste angetrieben - es ist das 13. binnen sechs Wochen. Die sogenannten Geisterschiffe stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus Nordkorea. Warum starben die Seeleute?

Gestrandet: Wurden Boote wie dieses von Nordkorea nach Japan getrieben?
AP/ Kyodo News

Gestrandet: Wurden Boote wie dieses von Nordkorea nach Japan getrieben?

Von Ulrike Putz


Wer sie waren, wie sie starben? Die Welt wird es wohl nie erfahren.

Die vier Toten, die vor der Küste Japans im Laderaum eines gekenterten Kutters gefunden wurden, geben den japanischen Behörden Rätsel auf. Nur eins scheint klar: Ihr Tod dürfte schon eine Weile zurückliegen. Ihr 12,5 Meter langes Schiff war wohl schon länger führerlos den Kräften des Ozeans und des Wetters ausgeliefert. Darauf lasse der schlechte Zustand des einfachen Kahns schließen, sagte ein Sprecher der Küstenwache der Präfektur Aomori dem Fernsehsender CNN. Das Boot war zehn Kilometer vor dem Fischerdörfchen Sai im Norden von Japans Hauptinsel Honshu von einer Patrouille gesichtet und geborgen worden.

Der erneute Fund eines Schiffes voller Leichen wirft ein Schlaglicht auf ein jährlich wiederkehrendes Phänomen, das die japanischen Medien "Geisterschiffe" getauft haben. Jedes Jahr mit Einsetzen des Winters treiben Boote mit Leichen an Bord in japanische Gewässer.

Seit fünf Jahren registriert die Küstenwache die Kutter: Demnach wurden 2011, im ersten Jahr der Zählung, 57 Boote gefunden. 2012 waren es 47, 2013 sogar 80. 2014 wurden 65 Schiffe angespült oder vor der Küste aufgegriffen, dieses Jahr - mit dem nun entdeckten - sind es bereits 35. Davon wurden 13 allein in den vergangenen sechs Wochen entdeckt.

In den vorherigen Jahren hielt sich die japanische Küstenwache bedeckt, was Zahl und Zustand der Leichen an Bord anging. Dieses Jahr gab sie dann preis, dass sie von Bord der seit der letzten Oktoberwoche entdeckten dreizehn Schiffe insgesamt 26 Leichen geborgen hätte. Alle seien teilweise skelettiert gewesen, zwei Körper seien ohne Schädel aufgefunden worden. Auf einem anderen Schiff hätten die Beamten einen noch grausigeren Fund gemacht: Auf ihm wurden sechs skelettierte Köpfe gefunden.

Mit Todesverachtung an die Arbeit

Die Enthüllungen der Küstenwache haben in Japan aufgeregte Berichterstattung ausgelöst. Viele Experten, die zu Rate gezogen wurden, die Vorgänge zu erklären, sind sich einig, dass die Boote aus Nordkorea stammen. Die primitive Bauweise und nordkoreanische Schriftzeichen auf dem Rumpf einiger der Boote seien ein eindeutiges Indiz für die Herkunft.

Stellt sich die Frage, warum die nicht sonderlich hochseetüchtigen Fahrzeuge in See gestochen sind.

Viele Experten unterstützen die These, dass es sich bei den Leichen um nordkoreanische Fischer handelt, die vom Kurs abgekommen sind. An Bord einiger Schiffe sind Netze gefunden worden.

REUTERS
Nachdem eine Dürre in diesem Jahr große Teile der Reisernte vernichtet habe, müsse die Fischerei-Industrie die Versorgungslücke füllen, so die Vermutung. Im November berichtete die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur mehrfach über Visiten von Diktator Kim Jong Un in Fischverarbeitungsbetrieben. Dabei habe er die Arbeiter und Fangflotten zu Höchstleistungen angetrieben - in dem totalitären Staat ein Befehl, sich mit Todesverachtung in die Arbeit zu stürzen.

Leichen ohne Köpfe: Was ist passiert?

Von Oktober bis Februar ist an der Ostküste Koreas Hauptfangzeit für lokale Fische und Meeresfrüchte. Doch auch Saison für schlechtes Wetter und Stürme, die kleine, für die küstennahe Fischerei gedachte Boote aufs Meer hinaustreiben können. Für eine bessere Fangquote setze Kims Regime durchaus das Leben und die Sicherheit seiner Fischer aufs Spiel, sagte Kim Do-hoon, Professor für Fischereiwesen im südkoreanischen Busan. Die Flotten des Regimes liefen ohne moderne Navigationssysteme und mit schlechten Motoren. Manchmal fielen diese aus, die Boote trieben ab. Die Fischer seien dann hilflos und dem langsamen Hungertod ausgeliefert, sagte Professor Kim der Nachrichtenagentur Reuters.

Doch diese Überlegungen geben keine Antwort darauf, warum viele der Leichen nur in Teilen gefunden werden: Wieso fehlen einigen Toten die Köpfe, anderen die Gliedmaßen? Kam es auf den Booten zu Fällen von Kannibalismus?

Klar ist: Irgendwo in Nordkorea warten Dutzende Familien auf die Heimkehr von in See gestochenen Söhnen, Männern und Vätern, deren sterbliche Überreste ein namenloses Grab in Japan gefunden haben.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.