Gentrifizierung in Leipzig Lofts aus Liebe

In Leipzig zogen Kreative in Industriebrachen, schufen außergewöhnlichen Wohnraum, ein lebendiges Viertel entstand. Nun werden die Bewohner zu Verlierern ihres eigenen Engagements: Das Quartier hat Investoren angelockt.

Von Björn Menzel, Leipzig

Björn Menzel

Wenn Ariane Jedlitschka ihre Wohnungstür öffnet, fällt der Blick auf eine Kochinsel in der Mitte des Raumes, der mehr Halle als Zimmer ist. Auf einem Podest weiter hinten steht ein Doppelbett. Wer darin schläft, blickt durch ein bodentiefes Fenster auf einen Fluss. Die Räume sind riesig und etwa vier Meter hoch. Hier befand sich einmal eine Karosseriewerkstatt, bis einige Enthusiasten sie als Lofts für Wohnzwecke herrichteten. Doch nun ist der Traum vom Wohnen mit dem Charme eines altes Industriegebäudes für die 35-Jährige so gut wie vorbei.

Die Frau gehörte mit ihrer Familie, wie etwa 20 andere Mietparteien, zu einer Wohngemeinschaft im Westen Leipzigs. Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die Stadtteile jenseits der Weißen Elster als Industriegebiete entstanden. Baumwollspinnereien, Gerbereien, Wäschefabriken. In ihrem roten Backstein stehen die Gebäude aus der Gründerzeit heute zum Teil unter Denkmalschutz. Nach der Wiedervereinigung allerdings interessierte sich kaum jemand für sie. Die Industrie lag brach, die Hallen verrotteten. Es waren Leute wie Jedlitschka, die mit viel Engagement und Eigeninitiative die Brachen erschlossen.

Immobilieninvestoren haben die Quartiere für sich entdeckt

Heute sitzt die junge Frau zusammen mit ihren Mitbewohnern Steffen Balmer, 52, und Angela Seidel, 45, und diskutiert darüber, was sie falsch gemacht haben könnten. Denn so absurd es klingt: Die Künstler und Kreativen, die einst die Stadtteile aufwerteten, sind nun zu Verlierern ihres eigenen Engagements geworden. Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht mehr los.

Immobilieninvestoren haben die Quartiere der Künstler für sich entdeckt. Aus der ehemaligen Karosseriewerkstatt, in der Jedlitschka wohnt, sollen moderne und hochpreisige Lofts werden. Die Kündigungen liegen seit Monaten auf dem Tisch.

Vor 15 Jahren stand die ehemalige Karosseriewerkstatt leer. Jedlitschka, Balmer und andere zog es in den Stadtteil. Die freien Räume hatten es ihnen angetan. Sie gründeten Stadtteilvereine, organisierten Straßenfeste, kümmerten sich um das Miteinander und waren künstlerisch tätig. Und sie begannen damit, sich die großen Brachen für Wohnzwecke auszubauen. Dem damaligen Eigentümer war das recht. Er schloss Mietverträge mit günstigem Zins, die mittlerweile unbefristet sind. Traumhafte Lebensbedingungen entstanden. Ende 2012 allerdings hat die KSW GmbH, eine Leipziger Immobilienfirma, das Gebäudeensemble gekauft. Das Fabrikgebäude solle saniert und "entmietet" werden, teilt ein Unternehmenssprecher mit.

Der Kampf ums Bleiben der bisherigen Mieter ist mittlerweile fast aussichtslos geworden. "David gegen Goliath", sagt Jedlitschka. Erst wurden die Mieten erhöht, es flatterte eine Modernisierungsankündigung ins Haus. Dann kamen Bautrupps und demontierten Türen, dann ganze Wände. Dann sollte komplett saniert werden. Die Mieten nach einer Luxussanierung können sich Jedlitschka und ihre Mitbewohner nicht leisten.

Bewohner erzählen, der Investor habe eine Entschädigung für den Auszug angeboten. Einige hätten die 5000 bis 9000 Euro angenommen und seien gegangen. Etwa die Hälfte kämpfte weiter. Bis heute.

"Wir hätten Genossenschaften gründen sollen"

Doch nun sieht es so aus, als sei der Kampf verloren. Das Bauordnungsamt der Stadt hatte keine Wahl und musste das Wohnen in der Immobilie untersagen. Am 8. Mai entschied die Behörde, dass das Gebäude innerhalb eines Monats zu räumen sei. Am Sonntag läuft die Frist nun ab. Grund ist laut Schreiben an die KSW der fehlende Brandschutz.

Allerdings: Nicht die Behörde ist darauf gekommen, die Brandschützer zu rufen, sondern die Immobilienfirma selbst. In diesem Zusammenhang stellte sich auch noch heraus, dass die ehemalige Karosseriewerkstatt nie zu Wohnzwecken vom Voreigentümer angemeldet war. Die Mieter wohnen in einer Gewerbeimmobilie. Das ist in Deutschland verboten. "Unser Rauswurf gleicht einem Drehbuch", sagt Jedlitschka.

Sie und die anderen verbliebenen Bewohner kämpfen für ihren Wohnraum weiter. Sie haben sich an die Politik gewandt, möchten sich mit dem Investor an einen Tisch setzen. Außerdem wollen sie auch juristisch ihre Möglichkeiten prüfen. Was bisher bleibt, ist jedoch auch eine Erfahrung. "Mittlerweile müssen wir uns unser Eigenverschulden eingestehen", sagt Steffen Balmer. Engagierte und Künstler hätten sich bereits vor zehn Jahren daransetzen müssen, jene Freiräume, die sie erschlossen haben, auch für sich zu sichern. "Der Trend war absehbar. Wir hätten etwa Genossenschaften gründen sollen, um selbst zu investieren", sagt Balmer. "Nun ist es zu spät."

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
yellowsnake 07.06.2014
1. passiert...
Zitat von sysopNiklas J. HoffmannIn Leipzig zogen Kreative in Industriebrachen, schufen außergewöhnlichen Wohnraum, ein lebendiges Viertel entstand. Nun werden die Bewohner zu Verlierern ihres eigenen Engagements: Das Quartier hat Investoren angelockt. http://www.spiegel.de/panorama/gentrifizierung-in-leipzig-investoren-vertreiben-bewohner-a-973423.html
...leider ständig und fast überall. Scouts suchen Brachflächen, alte Gewerbeimmobilien und altbauten mit guter Substanz in mittleren und guten Lagen, kaufen die Flächen im groißen Stil auf und versuchen die Mieter mit Zt skandalösen Methoden loszuwerden. In Leipzig hat sich unter anderem die berüchtigte CG Gruppe einen Namen gemacht und die Politik schaut billigend und wissend zu. Man muß sich von Beginn an konzentriert und unter frühzeitiger Hilfe guter Anwälte vom Typ Terrier zu wehren wissen.
germane28 07.06.2014
2. Kreative
Menschen sind das Salz der Zivilisation. Ohne sie geht gar nichts. Sie schaffen dort Lebensraum, wo nichts war, sie erfinden, schaffen Träume, an denen sich Generationen orientieren, doch genau diese Kreativen haben den wenigstens Schutz in einem Staat wie Deutschland. Im Gegenteil, sie werden belächelt für ihre Naivität, für ihre fehlende Vorausschau. Deutschland belohnt mit seinen Gesetzen und Vorschriften nur diejenigen, die die Arbeit und Kreativität anderer ausnutzen. Diese Investoren schaffen nichts, sie setzen sich in ein gemachtes Nest und schwärmen in "Künstlervierteln" vom Ambiente und haben statt Ideen nur ihr Geld, mit dem sie dann alles kaufen können. Zumindest glauben sie das. Doch sie kaufen nur die Fassaden. Wie am Prenzlauer-Berg. Das einstige Viertel ist zum lässigen Touri-Schaufenster verkommen. Oder sieht man sich Montmartre in Paris an. Überall die gleiche Entwicklung. Mit Geld bekommt man eben nur die Fassaden, denn der Scharm dieser Viertel war, dass die Menschen dort mit sehr wenig, viel geschaffen haben und vor allem wussten sie wie man mit wenig zufrieden leben kann. Das glauben diese Investoren nur mit Geld kaufen zu können, was ein Widerspruch in sich ist. Nach dem Motto, ich kaufe mir mit Geld einen Life-Style genügsamer kreativer Menschen.
gesundheitssystem 07.06.2014
3. Investoren, Heuschrecken, Hedge-Fonds
einfach zum Ko...n. Diese Menschen haben sich um ihre Stadt gekümmert und sie mit eigenen Ideen und Kreativität einer neuen Nutzung zugeführt und was passiert jetzt ??? Sie werden von den stupfen Geldgeiern die nur auf einem Gebiet kreativ sind, ihres Schaffens beraubt. Dass aber die Bewohner einen Großteil des Flairs dieser Wohngegenden ausmachen vergessen die Damen und Herren Investoren. Aber das interessiert ja auch nicht...einfach schnell das fette Geld abschöpfen...fertig. Ob ein solcher Stadtteil sein Flair, welches ihn erst so bewohnenswert macht, verliert ist doch egal. Die Menschen werden es nie lernen.....
lasterfahrer 07.06.2014
4. huch.
richtig so, wer kein geld hat in einer luxusimmobilie zu wohnen sollte da auch nicht wohnen dürfen. und dass diese bruchbuden mal saniert werden müssen ist ja wohl sonnenklar, schon alleine um den bewohnern der nachbarimmobilien diesen trostlosen anblick zu ersparen. das muss man sich mal vorstellen, da bewohnt man eine wohnung die mit dem label "luxus" versehen ist, und dann muss man in unmittelbarer nachbarschaft so einen schandfleck ertragen. die jetzigen bewohner die unbedingt billig mit grossen räumen wohnen wollen können sich ja mal richtung eisenbahnstrasse umorientieren, nur so als geheimtip, dort gibt es ein haus mit einem extrem grossem raum, bestimmt günstig anzumieten, in diesem sinne, lasterfahrer.
Highthink 07.06.2014
5. Vorsorge und Mitdenken ist gut
Diejenigen, die über genügend Mut und Konsequenz verfügten, kauften sich die Immobilien zu einem günstigen Preis. Die Klugen können dann heute entscheiden, ob sie die Gewinnspanne mitnehmen, oder wohnen bleiben wollen. Diejenigen, die allerdings Gebäude "kreativ" besetzten und sich nun angegriffen fühlen, sind selbst schuld. Und alle dazwischen haben gelernt für die nächste Runde.
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