Deutscher Experte nach Einsturz in Genua "Unsere Brücken verrotten gefährlich"

Die Katastrophe in Genua rückt deutsche Brücken in den Fokus: Ein Einsturzrisiko könne auch hier nicht ausgeschlossen werden, sagt ein Experte. Vor allem der Werkstoff Beton sei ein Problem.

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Nach dem verheerenden Einsturz im italienischen Genua mit vielen Toten hat ein Experte Zweifel an der Stabilität von Autobahnbrücken in Deutschland geäußert. "Unsere Brücken verrotten gefährlich, ein Einsturzrisiko kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden", sagte der Bauingenieur und Architekt Richard J. Dietrich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Dietrich, der dem Bericht zufolge selbst zahlreiche Brückenbauten verantwortet, sieht vor allem im überwiegend verwendeten Werkstoff Beton ein Problem: Schäden würden erst spät, wenn nicht gar zu spät sichtbar. "Wenn der Beton Risse hat, durch die Feuchtigkeit eindringt, löst sich irgendwann der Zement auf, dadurch rostet die freigelegte Stahlbewehrung, und spätestens dann leidet die Stabilität."

Stahlbrücken sind deutlich langlebiger

Dietrich sprach sich für die Rückkehr zu Stahlbrücken aus, die deutlich langlebiger und weniger anfällig für Schäden seien. Doch dafür müssten Verantwortliche in Deutschland umdenken und das gestalte sich nach Dietrichs Eindrücken schwierig.

Die Betonindustrie sei ein gut funktionierendes Kartell in Deutschland, sagte er. Selbst an den Universitäten würden angehende Ingenieure nur noch mit diesem Werkstoff bauen lernen.

Unterdessen rückt in Genua die Frage nach der Ursache für die Brückenkatastrophe weiter in den Fokus. Die Suche nach Überlebenden in den Trümmern ging auch in der Nacht weiter.

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Weltweit: Schwere Brückenunglücke in den vergangenen 20 Jahren

Die Zahl der Opfer stand noch nicht endgültig fest. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete von 35 Toten. Innenminister Matteo Salvini sprach von "rund 30 bestätigten Todesopfern und vielen Schwerverletzten". Regierungschef Conte, der am Abend am Unglücksort eintraf, nannte eine vorläufige Zahl von 25 Toten und 16 Verletzten, darunter neun Schwerverletzte. Italienische Medien zitierten in der Nacht Kreise des Innenministeriums, wonach 31 Menschen ums Leben kamen, von denen fünf noch nicht identifiziert seien. 16 Menschen wurden demnach verletzt, zwölf davon schwer.

Salvini machte die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich. Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, "alles bezahlen, teuer bezahlen", sagte er.

300 Brücken und Tunnel in Italien marode

Der frühere Verkehrsminister Graziano Delrio sagte laut Nachrichtenagentur Ansa, es sei respektlos gegenüber den Opfern, solche politischen Spekulationen aufzuwerfen.

Die Katastrophe lässt auch in Italien die Alarmglocken schrillen. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" sind um die 300 Brücken und Tunnel marode. Grund dafür seien die veraltete Infrastruktur und die lückenhafte Instandhaltung.

sen/dpa/AFP

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