Brückeneinsturz Der Abgrund von Genua

Mehr als 20 Menschen starben beim Einsturz einer Autobahnbrücke über Genua. Italiens Transportminister äußert nur Stunden nach dem Unglück einen Verdacht: War die Brücke nicht korrekt gewartet?

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Der erste Anruf ging um 11.37 Uhr bei der zentralen Notrufnummer 112 ein. Sergio Caglieris, der Diensthabende, gab sofort Alarm, hoffte aber, wie er später der Lokalzeitung "Il Secolo XIX" erzählte, "dass es nur ein Scherz wäre". Dann brach "ein Telefon-Inferno über uns nieder und wir haben begriffen": Es war kein Scherz - sondern eine Katastrophe.

Ein mehr als 100 Meter langes Brückenstück der Autobahn A10 (im EU-Verbund E 80 genannt), die von Genua Richtung Frankreich führt, ist im Stadtgebiet von Genua, zwischen den Vierteln Sampierdarena und Cornigliano, eingestürzt. Zahlreiche Fahrzeuge wurden rund 40 Meter in die Tiefe gerissen.

"Oh mein Gott, oh mein Gott", rief der Besitzer des Handys, das just in dem Moment auf die Brücke gerichtet war. Andere Augenzeugen weinten oder liefen in Panik weg. "Ich bin mit dem Auto ins Leere geflogen", erzählte ein Überlebender den Rettungskräften, "keine Ahnung wieso ich noch lebe!"

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Brückeneinsturz in Genua: "Entsetzliche Tragödie"

Die genaue Opferzahl ist Stunden nach dem Unglück noch unklar. Die Angaben schwanken zwischen mindestens 20 und 35 Toten. Es seien mindestens 35 Menschen ums Leben gekommen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa und berief sich auf die Feuerwehr. Offiziell bestätigt sind bislang 26 Todesopfer, wie die Region Ligurien am Abend mitteilte. 15 seien verletzt, neun davon in sehr kritischem Zustand. Doch die Zahlen dürften steigen. Womöglich liegen viele weitere Opfer unter den gewaltigen Trümmerbergen. Von den vielen Verletzten schweben einige in Lebensgefahr.

Auf der Brücke, erzählten Augenzeugen, hätten Dutzende Pkw und Lastwagen auf der Spur zur Ausfahrt Genua West im Stau gestanden. Teile der Brücke sind auf der Via Fillak a Rivarolo niedergegangen, auf und zwischen Wohnhäusern. Auch Werkhallen des größten italienischen Elektroturbinenherstellers, Ansaldo Energie, wurden von Trümmerteilen getroffen. Die 3400 Beschäftigten waren glücklicherweise nicht dort - sondern im Betriebsurlaub.

In welchem Zustand war die Brücke?

Schon kurz nach dem Unglück ist eine Debatte über den Zustand dieser und vieler anderer Brücken in Italien ausgebrochen. Eigentlich heißt die innerstädtische Autobahnbrücke in Genua "Polcevera-Viadukt", doch die Genueser nennen sie schlicht Morandi-Brücke, nach ihrem Architekten, dem Ingenieur Riccardo Morandi, der überall in der Welt Brücken gebaut hat.

Morandis Entwürfe galten in den sechziger und siebziger Jahren als Meilensteine einer neuen, preiswerten Großbrückenbauweise aus Spannbeton. In Libyen zum Beispiel hat Morandi 1971 eine gebaut: 172 Meter hoch, 477 Meter lang über das Wadi al-Kuf. Diese Brücke musste 1999 überholt werden, nachdem Bodenbewegungen ihre mittlere Spanne beeinträchtigt hatten.

Auch in Sizilien, in Agrigento, gab es Probleme mit einer 1970 erstellten Morandi-Brücke. Sie ist seit geraumer Weile gesperrt, warte auf eine Generalüberholung, so heißt es.

Auch die Morandi-Brücke in Genua, so schrieb vor zwei Jahren der Ingenieur Antonio Brencich in einer Fachzeitschrift, habe "von Anfang an Probleme gemacht". Es ist eine so genannte Schrägseilbrücke, die vierspurige Fahrbahn hängt an drei circa 90 Meter hohen Pylonen und überspannt 42 Meter über Grund einen Rangierbahnhof, Wohnblocks, Gewerbe- und Industriegebäude und ein Flüsschen.

"Schon seit den frühen 1980er Jahren", schrieb Brücken-Experte Brencich, habe die Brücke immer wieder an manchen Stellen gehoben, an anderen abgesenkt werden müssen, um sie "halbwegs horizontal" zu halten.

Am Nachmittag verschärfte der neue Minister für Infrastruktur und Verkehr, Danilo Toninelli, in einem Fernsehinterview den Verdacht, dass die Brücke womöglich nicht im besten Zustand war. "Die ersten Informationen scheinen zu belegen, dass die Wartungsarbeiten ausgeführt wurden", so der Politiker der 5-Sterne-Bewegung, "das kann aber nicht sein."

Sonst wäre es ja nicht zu dieser Katastrophe gekommen, so der Standpunkt Toninellis. Wartung und Instandhaltung müsse vor allem anderen stehen. Und nahezu "alle Brücken, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren gebaut wurden, brauchen regelmäßige Wartung". Es tue ihm leid, "feststellen zu müssen, dass diese regelmäßigen Reparaturarbeiten "offenbar nicht ausgeführt wurden".

Andere erinnern sich freilich, dass es die 5-Sterne-Bewegung war, die vor ein paar Jahren den Bau einer neuen Brücke zum Ersatz der Morandi-Brücke ablehnte, mit dem Argument, die alte halte noch hundert Jahre.

Die Betreibergesellschaft Autostrade teilte hingegen mit, der Zustand der Brücke sowie der Fortgang der Renovierung seien immer wieder kontrolliert worden. Erst wenn ein gesicherter Zugang zur Unfallstelle möglich sei, könne Näheres über die Ursachen des Einsturzes gesagt werden.

Spielte womöglich auch das Wetter eine Rolle? Es hatte heftig geregnet, es gab kräftigen Wind. "Schon am Morgen tanzte die Brücke", erzählte Maurizio Ruggiero der Lokalzeitung. Er fahre fast täglich über die Brücke und sei daran gewöhnt, "dass sie häufig schwingt". Aber heute kam es ihm besonders heftig vor. Hin, als er sie stadtauswärts überquerte, auf dem Weg zu seiner Baustelle, und zurück, als er stadteinwärts fuhr, nach Hause. Eine viertel Stunde ehe der "Polcevera-Viadukt" zerbrach und in die Tiefe stürzte.

Mit Material von dpa



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