Katastrophe in Genua Regierung macht Brückenbetreiber für Einsturz verantwortlich

Nach der Katastrophe von Genua macht die italienische Regierung den Betreiber der Brücke verantwortlich - dabei ist noch unklar, weshalb das Bauwerk einstürzte.

Vigili Del Fuoco / AP / DPA

Der italienische Verkehrsminister Danilo Toninelli hat wegen des Brückenunglücks von Genua den Rücktritt der Führungsriege des Brückenbetreibers gefordert. Dem Unternehmen Autostrade per l'Italia solle die Lizenz zum Betrieb der Straße entzogen werden, sagte Toninelli dem Sender Rai 1. Es könnte zudem mit Strafzahlungen von bis zu 150 Millionen Euro belegt werden.

Auch Innenminister Matteo Salvini machte die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich. Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, "alles bezahlen, teuer bezahlen", teilte er mit.

Der frühere Verkehrsminister Graziano Delrio sagte laut Nachrichtenagentur Ansa, es sei respektlos gegenüber den Opfern, politische Spekulationen aufzuwerfen. Bislang ist nicht klar, was die Katastrophe auslöste. An der Brücke wurden Bauarbeiten durchgeführt, zudem zog ein Unwetter über Genua hinweg.

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Brückeneinsturz in Genua: "Eine tiefe Wunde für ganz Italien"

Der Brückenbetreiber weist die Vorwürfe zurück. Man habe die Brücke auf vierteljährlicher Basis entsprechend den gesetzlichen Vorgaben kontrolliert, erklärte Autostrade per l'Italia. Man habe auch zusätzliche Prüfungen vorgenommen unter Nutzung modernster Technologien und der Hinzuziehung eines externen Expertenrates. Das Ergebnis dieser Kontrollen sei Basis für das von der Regierung abgesegnete Wartungs- und Unterhaltungsprogramm gewesen.

Mitglieder der Fünf-Sterne-Bewegung - der Regierungspartei, der auch Verkehrsminister Toninelli angehört - hatten Medienberichten zufolge noch 2013 prognostiziert, die Morandi-Brücke werde weitere hundert Jahre halten. Mit dieser auf dem offiziellen Parteiblog veröffentlichten Begründung hatten sie damals den Bau einer Entlastungsstraße in Genua abgelehnt, wie unter anderem der Sender Rai berichtet.

Der Polcevera-Viadukt auf der Autobahn 10 war am Dienstagnachmittag eingestürzt. Nach Angaben des Zivilschutzes waren etwa 35 Autos und drei Lastwagen auf der vierspurigen Morandi-Brücke im Westen der Großstadt unterwegs, als diese auf einem etwa hundert Meter langen Stück in etwa 45 Metern Höhe zusammenbrach.

"Eine tiefe Wunde für ganz Italien"

Mindestens 38 Menschen kamen ums Leben, wie Innenminister Matteo Salvini am Vormittag mitteilte. Die Präfektur in Genua meldete 39 Todesopfer, der zuständige Staatsanwalt Francesco Cozzi sprach von 42 Toten. Von den 16 Verletzten befinden sich den Angaben zwölf in kritischem Zustand. Unter den Opfern sollen auch drei Minderjährige im Alter von acht, zwölf und 13 Jahren sein.

"Man kann nicht wissen, ob es weitere Überlebende gibt", sagte der Einsatzleiter der Feuerwehr, Emanuele Gissi. Die Suche werde mehrere Tage andauern. Die leicht zugänglichen Bereiche seien bereits durchsucht werden, sagte Gissi. Nun würden größere Betontrümmer bewegt, um die Suche auch auf schwer erreichbare Orte auszuweiten. Etwa 400 Mitglieder der Berufsfeuerwehr seien im Einsatz.

Regierungschef Giuseppe Conte kündigte größere Anstrengungen bei der Kontrolle der Infrastruktur an. "Das, was in Genua passiert ist, ist nicht nur für die Stadt eine tiefe Wunde, sondern auch für Ligurien und ganz Italien", schrieb Conte auf Facebook.

Er versprach, dass die Regierung einen außerordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen werde. "Die Kontrollen werden sehr streng sein, denn wir können uns keine weiteren Tragödien wie diese erlauben." Im Laufe des Tages will Conte nach eigenen Angaben Verletzte in den Krankenhäusern der norditalienischen Hafenstadt besuchen.

Der 1967 eingeweihte Polcevera-Viadukt steht bereits seit seiner Inbetriebnahme wegen hoher Bau- und Instandhaltungskosten in der Kritik. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren laut der Betreibergesellschaft Autostrade per l'Italia Bauarbeiten an der 1182 Meter langen Brücke im Gange.

Nach dem Unglück rückten Hunderte Rettungskräfte aus, in der Nähe des Unglücksorts wurden nach dem Einsturz vorsichtshalber Gebäude geräumt. Mehr als 400 Menschen seien deshalb obdachlos, erklärte Verkehrsstaatssekretär Edoardo Rixi.

Rixi zufolge werde der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse. Das werde "schwerwiegende Auswirkungen" auf den Verkehr haben und so Probleme für Bürger und Unternehmen mit sich bringen.

mxw/dpa/AFP/Reuters



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panzerknacker 51 15.08.2018
1. Es
ist ja nichts neues, daß Spannbeton etwas "problematisch" ist. Außerdem wurde in den 1960er und -70er Jahren ja gern mal der Beton mit etwas Sand "gestreckt".
bigroyaleddi 15.08.2018
2. Wie soll man hier eine Meinung haben?
HKöchstens die, dass man doch bitte - bei aller Trauer und verständlicher Wut - die tatsächlichen Ursachen ermitteln muss. Wir sind hier doch ganz weit weg vom Fenster. Und wenn ich mir die gestrige SPON anschaue, gibts bei uns auch jede Menge Brücken, welche auch nicht so hundertprozent sind. Ich glaube, wir sind da generell mit unseren Bauwerken Leichtfüße. Ich mag gar nicht dran denken was passiert, wenn die Tektonik wieder etwas zu arbeiten anfängt. Das was wir Menschen als ruhig und sicher betrachten, ist erdgeschichtlich gesehen alles aber nicht statisch. Ich will ja keine Verschwörungstheorien verbreiten, aber die Privatisierung von öffentlichen Verkehrswegen kann nicht der Wirtschaftlichkeit letzter Schluß sein. Und denken wir doch einfal mal ein paar Hundert Kilometer nach Istambul. Was glaubt ihr was da los ist, wenn es in unserer guten Mutter Erde wg. Bauchweh mal wieder dezent anfängt zu grummeln.
Profdoc1 15.08.2018
3. Ämh....
In dem Moment, in dem das Leid am größten, nichts geklärt und noch keine Untersuchungen begonnen haben, populistische Schuldzuweisungen rauszuhauen, ist unerträglich. Der Verkehrsminister Toninelli sollte sich darum kümmern für Aufklärung zu sorgen, statt Unterstellungen zu verbreiten. Für Salvini gilt gleiches - hier war nichts anderes zu erwarten.
MannAusmNorden 15.08.2018
4. @ Nr1
Das Problem ist nicht nur der gestreckte Beton, Problem ist vor allem die Armierung, die oftmals zu dicht unter der Oberfläche liegt und so zu gammeln anfängt. Und das wurde gerade in den 70ern gerne falsch gemacht. Dann rostet der Stahl, der Beton bröckelt weg, legt mehr Stahl frei (frei genug für mehr Wasser...)
nils1966 15.08.2018
5. Ursachenforschung, esrte Eindrücke
Aus einer Anzahl von außen erkennbaren Details kann man sich vielleicht schon eine erste Hypothese zum Hergang machen: 1.) Ein interessantes Bild ist Nr. 9/14, wo ein Teil wirkt wie ein Querträger (Architraph). Das ist aber KEIN Träger, sondern offenkundig ein Bruchteil des Pylons, der sich hier ungewöhnlich perfekt quer auf den Aufsatz gelegt hat, wo bis dahin die vier Abgänge V-Abstützung saßen. 2.) In einer Luftübersicht sieht man, daß die Pylon-Überreste sich gehäuft auf der (nach Südosten) rechten Fahrseite befinden. 3.) Die Fahrbahnstücke: das eine westliche, in den Fluß gefallen, ist eindeutig im spitzen Winkel aufgeprallt (Asphaltdecke nach Süden, flußabwärts, zeigend). Das östliche Gegenstück (in die Gleisanlagen) wirkt, als wäre es waagerecht heruntergekommen. 4.) die Hohlkastenträger des Pfeilers scheinen aus der Mittellage in die Richtung der Gleisanlagen versetzt (Mit Vorbehalt: kann nur soweit wie erkennbar angenommen werden). Mir scheint es als hätte ein Defekt an der südlichen Schrägseilverbindung zu westlichen Fahrbahn zum Abschmieren diese Teils geführt. Die Zugkräfte des mit der abstürzenden noch verbundene Schrägseiles zogen Pylone quer zur Fahrbahn nach Süden. Nach Einsturz der Pylonen sackte der Westlich Teil der Fahrbahn in voller Länge ab. Da also nach dieser Hypothese die Seilverbindung ursächlich erscheint, ist also demnach Korrosion als Grund des Bauteilversagens möglich.
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