Katastrophe in Genua Wie Italien seine Brücken verschleißen lässt

Die Regierung hat nach dem Brückeneinsturz den Notstand für Genua ausgerufen. Viele Italiener sind verunsichert, denn laut Fachleuten sind etliche Brücken und Tunnel in einem eher alarmierenden Zustand.

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Noch immer werden Opfer aus den Trümmern der Brücke gezogen, die am Dienstagmittag in Genua einstürzte. Mindestens 39 Menschen haben ihr Leben verloren, die Suche nach Vermissten dauert an, mehrere Verletzte sind in Lebensgefahr.

Es sind bewegende Bilder, die Italiens Zeitungen und Fernsehstationen am Tag nach der Katastrophe zeigen. Etwa das Selfie von Roberto, 44, Informatiker, mit seiner Frau Ersilia, 41 und Samuele, 8 Jahre alt. Das Bild zeigt eine fröhliche Familie auf dem Weg zur Fähre nach Sardinien, in den Urlaub. Auf dem Weg zum Hafen ist sie in den Trümmern der Morandi-Brücke gestorben. Oder Bruno, 57. Er räumte mit zwei Kollegen Müll und Gestrüpp tief unter der Brücke weg. Seit Längerem arbeitslos, hatte er sich über den Job als Urlaubsvertretung mächtig gefreut.

Und es gibt diese Geschichten, die an Wunder grenzen. Die vom Feuerwehrmann Davide. Der 33-Jährige stürzte im Auto in die Tiefe - "wie viele andere Autos neben mir" - und überlebte unverletzt.

Oder Luigi, 38, der Fahrer des grünen Lkw, der kurz vor der Abrisskante stehen blieb. Luigi sah, wie ein Auto, das ihn gerade überholte, vor ihm verschwand. Er bremste und brachte den Lastwagen zum Stehen, im allerletzten Augenblick.

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Schon lange machten die Autobahnbrücken hoch über Genua, vor allem die gigantische Morandi-Brücke, den Menschen durchaus Angst. Denen darunter, die voller Sorge nach oben schauten. Und denen, die droben fuhren: Viel Verkehr, viele Lkw auf dem Weg zum oder vom Hafen, enge Kurven, der Beton teilweise rissig, manche Metallteile rostig.

Schon kurz nach der Einweihung 1967 begannen die Reparaturen am "Polcevera-Viadukt", das die Genueser nach ihrem Erbauer immer schon Morandi-Brücke nannten. Die Arbeiten endeten nie. Zuletzt wurden im April Sanierungsaufträge für 20 Millionen Euro ausgeschrieben.

Die Sicherheit des kolossalen Bauwerks wurde seit Langem diskutiert. Anfang der Neunzigerjahre warnte Genuas Bürgermeister Claudio Burlando, das in Beton eingepackte Eisen könne rosten, ohne dass man es merke. Wenig später argwöhnte Infrastrukturminister Antonio Di Pietro, die Brücke "halte nicht ewig".

Auch Fachleute mahnten wiederholt, die Brücke sei nicht für so viel Verkehr konzipiert, sie könne irgendwann verschlissen sein. So gab es in den vergangenen 30 Jahren immer wieder Ansätze für ein neues Autobahnnetz mit neuen Brücken, auch um die alte Morandi-Brücke abreißen oder zumindest entlasten zu können. 2017 fuhren mehr als 25 Millionen Fahrzeuge über das Bauwerk, viermal so viele wie einst bei der Inbetriebnahme vor 50 Jahren.

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Alle Pläne wurden politisch begraben. Manchmal von links, meist durch Bürgerinitiativen, auch unterstützt von der 5-Sterne-Bewegung. Ausgerechnet die stellt heute den für den Straßenbau zuständigen Minister Danilo Toninelli - und der empörte sich vorsorglich gleich nach der Katastrophe, wer jetzt polemisch nachtrete, sei ein "Aasgeier".

"Das Märchen vom bevorstehenden Zusammenbruch"

Bis Dienstag aber stand auf dem 5-Sterne-Blog für Genua ein Eintrag über das "turnusmäßig aufgewärmte Märchen vom bevorstehenden Zusammenbruch der Morandi-Brücke" aus dem Jahr 2013. Nun ist genau dieses vermeintliche Märchen zum Albtraum geworden.

Ein Jahr zuvor hatte der damalige 5-Sterne-Kommunalpolitiker Paolo Putti das Projekt zur Entlastung der Morandi-Brücke in der Ratsversammlung mit dem Argument vernichtet, der Autobahnbetreiber habe versichert, dass "die Brücke noch in 100 Jahren steht". Es seien "die Mächtigen", so Putti damals, die solche Großprojekte haben wollten.

Bis in den Wahlkampf dieses Jahres, berichtet die Tageszeitung "La Repubblica", hätten 5-Sterne-Politiker alle Pläne rund um die Morandi-Brücke abgelehnt.

Zuletzt, nach der gelungenen Wahl, haben die in Rom mitregierenden Sterne sämtliche auf den Weg gebrachten, finanzierten und mit der EU-abgestimmten Maßnahmen der vorigen, sozialdemokratischen Regierung zur Entlastung der umstrittenen Brücke gestoppt. Man müsse alle Großprojekte der Vorgänger unter Kosten-Nutzen-Aspekten neu prüfen, hieß es.

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Brückeneinsturz in Genua: "Eine tiefe Wunde für ganz Italien"

Aber es sind ja nicht nur die Hochstraßen über Genua, die offenbar gefährlich sind. Fachleute bescheinigen mindestens 300 Brücken und Tunnel in Italien einen eher alarmierenden Zustand.

Sinkende Ausgaben für Straßenbau

Etwa 70 Prozent der etwa 15.000 Autobahnbrücken und -Tunnel sind älter als 40 Jahre. Während der Verkehr auf ihnen zunimmt, sinken die Mittel für Reparaturen. Gab Italien 2007 - vor der Finanzkrise - etwa 14 Milliarden Euro für den Straßenbau aus, waren es 2010 weniger als vier Milliarden, 2015 wurde es dann etwa eine halbe Milliarde mehr.

Immer wieder kam es in Italien zu Brückeneinstürzen. Zuletzt:

  • am 28. Oktober 2016 in Mailand, ein Toter, drei schwerverletzte Kinder
  • am 9. März 2017 nahe Ancona, zwei Tote, zwei Verletzte
  • am 18. April 2017 in der Provinz Cuneo, eine Rampe fällt auf ein Carabinieri-Auto, die Insassen waren Sekunden vorher ausgestiegen

Einen Anteil an der Misere könnte auch eine besondere Eigenart der öffentlichen Auftragsvergabe in Italien haben. Früher war es nicht unüblich, den Auftrag, den eine Firma per Ausschreibung bekam, weiterzureichen. Heute ist das System der Unter-Ausschreibung stark limitiert, damals war es ziemlich locker: Firma A bekommt zehn Millionen für einen Bauauftrag, gibt ihn für acht oder neun Millionen weiter und der Erwerber sucht einen dritten, der die Sache vielleicht für fünf Millionen macht. Die Folge: Der Staat zahlt zehn Millionen, bekommt aber eine Arbeit im Wert von fünf Millionen. Der Ausführende spart am Zement, am Stahl oder woran auch immer. So entsteht versteckter Pfusch am Bau.

Ob so etwas beim Einsturz der Brücke in Genua eine Rolle spielte, ist bislang völlig unklar. Die Suche nach der Ursache - und nach Verantwortlichen - hat erst begonnen.

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