Gerettete Bergsteiger "Wir sahen gleich, dass wir Karl nicht mehr helfen konnten"

Sie sind in Sicherheit: Simon Kehrer und Walter Nones ist der Abstieg vom Nanga Parbat gelungen. In die Freude mischt sich Trauer, weil der dritte Mann zurückblieb. Erstmals schilderten die beiden Geretteten, wie Karl Unterkircher über eine Eiswand abstürzte.

Von Anna Yvonne Duda


Enneberg - Die Erleichterung nach Tagen der Sorge kam wie ein Schock für Elisabeth Kehrer. Ihre Stimme zittert leicht: "Ich hatte immer die Hoffnung, dass sie das schaffen. Ich hatte eine unglaubliche Kraft", sagt die Mutter des geretteten Bergsteigers Simon Kehrer zu SPIEGEL ONLINE.

Neun Tage lang schwebten ihr Sohn und sein Bergkamerad Walter Nones am Nanga Parbat in Lebensgefahr. Am Donnerstag erreichte die Angehörigen und die Weltöffentlichkeit die Nachricht, dass beide Männer den sicheren Abstieg aus 7000 Metern Höhe geschafft haben.

Die 54-jährige Elisabeth Kehrer erfuhr am Arbeitsplatz von der Rettung ihres Sohnes: "Ich habe heute Vormittag normal gearbeitet, meine Tochter hat mich benachrichtigt", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Kehrer und Nones sollen nun mit dem Hubschrauber in die Stadt Gilgit rund 570 Kilometer nördlich von Islamabad geflogen werden. Gilgit verfügt über einen Flughafen. Dort sollen die beiden in ein Krankenhaus gebracht und medizinisch untersucht werden. Am Freitag können die beiden Männer die Heimreise antreten.

Kehrer und Nones: "Das waren keine schönen Tage"

Per Internet-Videokonferenz schilderten die beiden Alpinisten nach ihrer Rettung ihre dramatischen Tage auf dem Berg. "Das waren keine schönen Tage, aber dank unserer Kraft haben wir es geschafft, gesund und sicher ins Basislager zu gelangen", sagte Nones in der Schaltung aus seinem Hotel im pakistanischen Gilgit, wo er und Kehrer sich zunächst ausruhen wollten.

Bei der Videokonferenz waren sie live mit dem Team "Everest-K2-Cnr" verbunden, das die Rettung von Italien aus koordiniert hatte.

Nones und Kehrer erzählten auch vom Unfall ihres Kletter-Kollegen Karl Unterkircher, der bei der Besteigung des 8126 Meter hohen Nanga Parbat im Himalaya über die bisher noch nicht erklommene Rakhiot- Eiswand abgestürzt war. Unterkircher sei im tiefen, weichen Schnee etwa 15 Meter tief in eine Felsspalte gefallen, sagten sie.

"Dabei ist er mehrmals gegen die Felsen geschlagen. Wir haben ihn fast sofort gefunden, aber wir sahen gleich, dass wir ihm nicht mehr helfen konnten."

Die Leiche Unterkirchers wird nach den Worten von Agostino da Polenza, der von Italien aus die Rettung geleitet hatte, am Nanga Parbat bleiben. "Wir müssten andere Leben riskieren, um ihn zu bergen und das ist unmöglich. Ich bin sicher, dass auch Karl es so gewollt hätte."

Der erste Gedanke galt Karl Unterkircher

Simon Kehrer kommt aus Enneberg, einer kleinen Gemeinde in Südtirol mit knapp 2800 Einwohnern. Man sei froh, heißt es in der Gemeindeverwaltung, dass die Bergsteiger Kehrer und Nones "heil aus dieser Sache herausgekommen" seien. Simon Kehrer ist in dem kleinen Ort bekannt, arbeitet auch als Bergführer. Seit 16 Jahren ist der 28-Jährige im Bergrettungsdienst in den Dolomiten aktiv.

Zwar sei "die Freude groß", dass Kehrer wieder lebend aus dem Berg heraus" sei, sagte ein Mitglied der Gemeindeverwaltung zu SPIEGEL ONLINE. Ein offizieller Empfangsakt sei jedoch bislang nicht geplant, der Gemeindeausschuss wolle noch darüber beraten. Denn in die Freude mischt sich auch in Enneberg Trauer um Karl Unterkircher.

Der erste Gedanke Simon Kehrers und Walter Nones' nach ihrer Rettung habe dem Verunglückten gegolten; sie wollten eine Gedenkfeier abhalten, berichteten Mitglieder des Rettungsteams.

"Die Freude ist groß"

"Simon wird vielleicht in keiner guten psychischen Verfassung sein, er hat es schon zwei Mal mitgemacht, dass er Freunde am Berg verloren hat", sagte Elisabeth Kehrer SPIEGEL ONLINE. "Ich glaube nicht, dass er seine Rückkehr an die große Glocke hängen wird."

Zu Hause in Enneberg warten nun seine Eltern und seine Freundin. Das Wichtigste sei, dass es ihm gut gehe und er in Sicherheit sei. "Die Freunde, alle, die haben so mitgezittert, die Freude ist groß", so Elisabeth Kehrer.

Wie Simon Kehrer hat auch der 36-jährige Walter Nones bereits einen Bergkameraden verloren, bei einer Expedition im Jahr 2003. Dennoch, glaubt ein enger Freund des zweifachen Familienvaters, wird auch Nones wieder neue Herausforderungen in den Bergen suchen. "Es ist immer traurig und schwierig, wenn man auf einer Tour einen Freund verliert", sagt Franco Varesco, 36, aus Nones' Heimatort Cavalese in Südtirol zu SPIEGEL ONLINE. "Aber als Bergsteiger möchte man das Ziel erreichen. Das ist bei einem Bergsteiger einfach im Blut."

Die Männer sind im selben Bergführerverein. "Es ist halt die Leidenschaft, eine Wand zu ersteigen", sagt Varesco. "Man ist schon vorsichtig, man weiß um die Gefahren, aber man glaubt nie, dass man abstürzt."

Varesco ist sicher: "Walter ist eine große Persönlichkeit, einer, der gerne ein Team leitet. Der Walter wird wieder eine Expedition durchführen."

mit Material von dpa

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