Laden für entsorgte Lebensmittel "Abartig, wie viel Essen weggeschmissen wird"

Ein Geschäft in Berlin füllt seine Regale mit Lebensmitteln, die Supermärkte nicht mehr haben wollen. Der Betreiber Raphael Fellmer hat große Ideen, die örtliche Tafel sieht seinen Plan kritisch.

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Die Salatgurken sind zu krumm, die Kartoffeln zu klein, die Möhren zu verwachsen. Was in dem Lebensmittelladen SirPlus im Berliner Stadtteil Charlottenburg in den Regalen liegt, nehmen Supermärkte den Landwirten normalerweise nicht ab. Das Gemüse landet auf dem Müll.

"Das ist eine riesige Verschwendung", sagt Raphael Fellmer, Betreiber von SirPlus. Der 34-Jährige kauft deshalb für kleines Geld non-konformes Obst und Gemüse auf verkauft es zu Dumping-Preisen weiter. Die Schale Himbeeren gibt es für 50 Cent, eine Kiste mit reifen Mangos und Kakifrüchten für fünf Euro.

Zusätzlich kauft Fellmer zu einem Bruchteil des üblichen Einkaufspreises Kekse, Nudeln, Tee, Safttüten und alle anderen möglichen Lebensmittel auf, die Großhändler, Supermärkte oder andere Firmen nicht mehr haben wollen. Er ist fortwährend auf der Suche nach neuer Ware, neuen Lieferanten. "Nach der AirBerlin-Pleite hatte die Fluggesellschaft 70.000 kleine Chipstüten übrig", sagt Fellmer und zeigt auf ein Regal. "Die stehen jetzt bei uns."

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Gerettete Lebensmittel: Kampf gegen die Verschwendung

Aktivist, "Mülltaucher", Talkshowgast

Geld verdienen mit Ausschussware - das klingt nach einer genialen Geschäftsidee. Aber Fellmer wirkt so gar nicht wie einer, der auf Gewinne aus wäre. Einige kennen den Mann, der die grauen Haare zum Zopf gebunden hat und jeden neuen Besucher mit einer Umarmung begrüßt, als Buchautor und Talkshow-Gast. Vor einigen Jahren machte er mit einem "Geldstreik" von sich reden - aus Protest gegen Auswüchse von Kapitalismus, Globalisierung und Umweltzerstörung.

Er erzählt, wie er nach Südamerika trampte statt zu fliegen. Wie er abgelegte Klamotten von Freunden trug, in leerstehenden Wohnungen wohnte und sich von Lebensmitteln ernährte, die Supermärkte aussortiert hatten. "Ich habe jahrelang nur aus der Tonne gelebt."

Der 47-Jährige machte sich den Kampf gegen die Verschwendung von Essen schließlich zur Lebensaufgabe. Mit anderen Aktivisten habe er die Foodsharing-Bewegung in Deutschland initiiert, sagt er. Die Idee: Noch genießbare Lebensmittel vor den Müllhalden der Überfluss-Gesellschaft bewahren, Lebensmittel-Retter werden.

Konsumverhalten befördert Wegwerf-Kultur

Nach Schätzungen der Deutschen Umwelthilfe landen in Deutschland jedes Jahr rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Das Bundeszentrum für Ernährung geht von elf Millionen Tonnen aus. Geschätzter Wert: mehr als 20 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte der Lebensmittel wird den Angaben zufolge in Privathaushalten weggeworfen. Der Rest entfällt auf Industrie, Handel und Großverbraucher.

Lebensmittel-Verschwendung
Produktion
Obst und Gemüse wird oft schon während der Ernte und Produktion aussortiert, etwa weil es unreif geerntet wird oder schief gewachsen ist. Entsprechende EU-Normen hat man zwar gestrichen, trotzdem nehmen beispielsweise krumme Gurken mehr Platz im Karton ein als gerade und lassen sich oft schlechter verkaufen.
Handel
Lebensmittel-Erzeuger sind nach EU-Recht verpflichtet, für die meisten verpackten Essensprodukte ein Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) anzugeben. Supermärkte fürchten, dass sie auf abgelaufener Ware sitzenbleiben, obwohl diese oft deutlich länger haltbar ist - und sortieren sie vorzeitig aus.
Käufer
Kunden wiederum werfen Lebensmittel mit abgelaufenem MHD oft vorschnell weg, weil sie davon ausgehen, dass die Ware nicht mehr genießbar ist. Viele haben sich zudem ein Konsumverhalten angewöhnt, wonach sie aus einer großen Vielfalt wählen wollen und mehr als nötig einkaufen, zumal gerade Discounter Lebensmittel oft sehr billig anbieten.

Fellmer findet die Verschwendung absurd. "Wir schmeißen auch Essen weg, das aus Ländern importiert wurde, in denen Menschen hungern. Das ist doch unerträglich." Zumal die (Über-)Produktion das Klima belaste, den Planeten in Gefahr bringe. Die Rettung von Lebensmitteln ist für ihn ein Ansatz, die Welt "ein bisschen besser zu machen".

Das solle aber nicht mehr in einer Nische wie beim "Containern" oder "Mülltauchen" passieren, sondern "mainstreamfähig" werden. Auch deshalb der Laden. Fellmer hat ihn im Sommer gegründet und im Januar zusätzlich einen Onlineversand gestartet. "Wir wollen alle erreichen." Bisher sieht das gut aus. Fellmer spricht von mehr als 600 Kunden pro Tag. Das Geschäft ist an einem gewöhnlichen Freitagvormittag gerammelt voll. Die Kundschaft ist vielfältig.

Raphael Fellmer
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Raphael Fellmer

Dass das Sortiment bei SirPlus längst nicht so vielfältig ist wie in einem normalen Supermarkt, stört offenbar nicht. "Ich finde abartig, wie viel Essen weggeschmissen wird, und deshalb kaufe ich auch nicht das, worauf ich gerade Bock habe, sondern das, was es gerade gibt", sagt Bea, 22.

Verzicht auf Vielfalt - das ist für Bea ein Beitrag, um Verschwendung zu stoppen. Netter Nebeneffekt: Sie und ihr Freund können sich im Laden für gerettete Lebensmittel Dinge leisten, die im Supermarkt nebenan unerschwinglich für sie wären. Das gilt auch für andere Kunden, die sich hier - anders als bei der Berliner Tafel - nicht als "arm" ausweisen müssen.

"Die Preise sind Nebensache"

Kathleen, 34, und Patrick, 44, sind durch die halbe Stadt gefahren, um den Laden kennenzulernen. Die Preise seien eher Nebensache. "Es geht darum, den Lebensmitteln ihren Wert zurückzugeben", sagt Kathleen. Ihr gefällt auch, dass Obst und Gemüse nicht in Plastik verpackt sind.

Egal wen man in der langen Schlange vor der Kasse fragt - fast alle Kunden sagen, es sei ihnen wichtig, "bewusst" einzukaufen. Dafür nehmen sie eine Wartezeit von gut 30 Minuten in Kauf, kommen ins Gespräch, tauschen Rezepte aus. Fast keiner meckert. Nur eine Frau schert entnervt aus der Reihe aus - und ruft damit Kopfschütteln hervor.

Die Kundschaft fühlt sich offenbar vereint in dem Bewusstsein, dass es hier um mehr geht als ums Einkaufen - es geht auch um Entschleunigung, Miteinander und Protest etwa gegen Verpackungswahn oder Lebensmittelverschwendung.

Kundin im Lebensmittelretter-Laden in Berlin
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Kundin im Lebensmittelretter-Laden in Berlin

Für Fellmer gehört das zum Erfolgsrezept des Ladens: "Viele Menschen haben das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft etwas falsch läuft. Sie wollen das ändern, wissen aber nicht wie. Bei uns haben sie eine konkrete Möglichkeit." Er sagt: "Nach bio, vegan und Fair Trade wird 'gerettet' der neue Trend." Ist das zu weit gedacht?

Immerhin hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Mehrere Supermärkte bieten abgelaufene Ware zu Schnäppchenpreisen an. Großmärkte wie Metro verpflichten sich, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Das Bundesministerium für Ernährung will unter anderem mit der Rezepte-App "Zu gut für die Tonne" Deutschlands Ziel näherkommen, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren. Restaurants packen Gästen übriggebliebenes Essen in "Beste Reste"-Boxen für zu Hause ein. Die Foodsharing-Initiative, gegründet 2012, zählt nach eigenen Angaben mehr als 25.000 Freiwillige. Daneben gibt es den Berliner Verein "Restlos Glücklich", der Kochkurse mit geretteten Lebensmitteln anbietet. Oder den Kölner Laden "The Good Food".

"Unser Hauptansatz ist, zur Nachernte auf die Felder in der Region zu gehen und Gemüse mitzunehmen, dass die Landwirte sonst unterpflügen würden", sagt Gründerin Nicole Klaski. "Die Landwirte sagen uns, dass sie das nicht verkauft bekommen, nicht mal in ihrem Hofladen, aber bei uns freuen sich Kinder über Möhren mit zwei Beinen."

Die Kunden legten meist selbst fest, welchen Preis sie für die Waren zahlen. "Ganz viele Leute helfen mit, so trägt sich der Laden selbst", erzählt Klaski am Telefon. "Ich sitze gerade im Auto eines Kunden, der mich spontan zu einem Supermarkt bringt, um eine Palette Paprika zu retten."

Ambitioniertes Minusgeschäft

"Das Bewusstsein ändert sich", sagt Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel, die sich seit mehr als zwanzig Jahren für die Rettung von Lebensmitteln einsetzt. Sie findet allerdings, dass die Politik viel aktiver werden müsste und beispielsweise neue Regeln zum Mindesthaltbarkeitsdatum durchsetzen soll. Die Industrie habe - strukturell betrachtet - bisher wenig Anlass, Verschwendung zu stoppen. "Die produziert nicht für den Bedarf, sondern so viel, wie sie verkaufen kann. Je mehr, desto besser."

Das Konzept von SirPlus sieht Werth kritisch. "Da können auch Normalverdiener einkaufen. Wir dagegen verteilen die geretteten Lebensmittel nur an Bedürftige." Viele arme Menschen könnten sich zum Beispiel Bioprodukte nur bei der Tafel leisten und nicht regulär im Supermarkt. "Deshalb finde ich es aus politischen Gründen wichtiger, Arme zu unterstützen. Der Bedarf ist riesig."

Fellmer dagegen glaubt, dass man sich gegenseitig keine Konkurrenz macht - weil auch das Angebot an weggeworfenen Lebensmitteln riesig sei. Bisher hat das Unternehmen mit mehreren Festangestellten allerdings einen Haken: Es wirft keinen Gewinn ab. Zahlen will Fellmer nicht nennen. Nur so viel: "Wir haben den Umsatz der ersten Monate zwar verdreifacht, aber bisher ist das unterm Strich noch ein Minusgeschäft." Und das, obwohl er dank Unterstützern keine Pacht zahlen muss.

Entmutigen lässt er sich nicht. "Es geht ja nicht darum, große Gewinne zu machen, sondern möglichst viele Lebensmittel zu retten." Fellmer will über einen Kredit bald in einen zweiten Laden investieren. Am liebsten hätte er irgendwann eine ganze Handelskette - ein Lebensmittel-Retter-Imperium.

Im Video: Frisch aus der Tonne - Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung

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whitewisent 03.03.2018
1.
Alter Wein wird in neuen Schläuchen bekanntlich nicht besser. In einer Marktwirtschaft gibt es weder für solche Konzepte noch diese Waren eine langfristige Nachfrage und wohl auch das Angebot, um es wirtschaftlich zu decken. Denn nicht die reine Ware macht den Handel damit problematisch, sondern eben Miete, Nebenkosten, Lagerung, Personalkosten - aber auch die Entsorgung von überhaupt nicht mehr handelbaren Lebensmitteln. So erinnert es eher an einen weiteren Restpostenmarkt mit sozialem Etikett. Der in bestimmten Berliner Stadtvierteln vieleicht temporär funktioniert. Bis die Kunden daheim das erste Mal ne Magenverstimmung bekommen, und es auf die Ware schieben. Dann ist das Geschrei groß, und das Ordnungsamt zur Stelle. Übrigens nen Tip für die Journalisten, Osloer Straße/Ecke Schweden Straße, ein Fachhändler mit ähnlichem Angebot, direkt vom Großmarkt. Der ist jedoch so ehrlich, es auch als 2.Wahl zu deklarieren, ohne Sozialetikett, mit normaler Miete und Gehältern. Solchen Händelern schaden derartige "unterstützte Projekte" nämlich, welche schon immer die Kaskade von Qualitäten und Nachfrage als Nische füllten.
taglöhner 03.03.2018
2. Restposten
Und? Überall gibt es Läden für gerettete Klamotten etc.
albatross507 03.03.2018
3. Nach Südamerika trampen?
Wie geht das, trampen über den Atlantik?
spon-spezi 03.03.2018
4. zu kurz gedacht
wenn Frau Nicole Klaski zur Nachernte mit dem Auto fährt und nur ein paar Paletten Gemüse mitbringt hat sie der Umwelt aber keinen Gefallen getan
Onkel Drops 03.03.2018
5. absolut neu noch nie dagewesen und Berlin hat es entdeckt...
gähn Fruchthalle Heisenberg in Lage /NRW kenne ich seid 10 Jahren als genau das was hier so superneu genannt wird. nichtverkauftes vom Großmarkt oder Fehlproduktionen. Einkaufstüte Paprika je nach Saison 1-2 Euro,original Dr Oetker Pizza ohne Kartons 6 für 5euro und da findet jeder etwas wie Mozzarella sticks/chili mit Käse tiefgefroren aber Bruchware oder 2-3 kleben zusammen das Kilo für 2,50. 1-2 mal im Monat ist das schon Pflicht und Muttern schont ihre 1200er Rente. der Inhaber macht mittlerweile mehr mit 2. Wahl im Vergleich zu dem Handel mit Südfrüchten. Besuch aus Köln stand vor Jahren staunend in der Halle 5Liter Eimer Erdbeerquark 3 Tage haltbar zwei Euro ?bei denen in Köln gibts tolles Internet über 6mbit aber kein Heisenberg. da nimmt man 15-20 km Anfahrt gerne in Kauf...
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