Germanwings-Absturz in den Alpen An der Felswand zerschellt

Kurz nach 10 Uhr hob Flug 4U-9525 in Barcelona ab - weniger als eine Stunde später stürzte der Airbus von Germanwings in den französischen Alpen ab. Die bisher bekannten Fakten zum Germanwings-Absturz im Überblick.

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Wie verunglückte das Flugzeug?

Der Airbus A320 mit der Flugnummer 4U-9525 startete leicht verspätet um 10.01 Uhr in Barcelona mit dem Ziel Düsseldorf. Um 10.45 Uhr erreichte die Maschine ihre Reiseflughöhe von rund 12.000 Metern. Schon etwa eine Minute später ging das Flugzeug in einen Sinkflug. Um 10.53 Uhr verschwand die Maschine vom Radar, als sie sich in einer Höhe von nur noch rund 2000 Metern befand. Während des Sinkflugs gab es offenbar keine Kommunikation zwischen der Flugsicherung und der Crew. Die Piloten setzten nach Angaben der französischen Flugaufsicht auch keinen Notruf ab.

Ein französisches Mirage-2000-Kampfflugzeug hat laut Medienberichten noch nach dem abgestürzten Airbus A320 gesucht, als der Kontakt mit der Germanwings-Maschine abgebrochen war. Das Militärflugzeug sei dem Reglement entsprechend in Orange aufgestiegen, berichtete der Sender BFMTV. Die Mirage 2000 habe aber keine Spur des gesuchten Flugzeugs gefunden.

Wo befindet sich der Absturzort?

Der Airbus ist in den französischen Alpen im Département Alpes-de-Haute-Provence etwa hundert Kilometer nördlich von Nizza abgestürzt. Nach Angaben der Rettungskräfte vor Ort zerschellte das Flugzeug auf 1500 Meter Höhe unter dem Massiv von Estrop im Tal von Blanche. Andere Quellen nannten eine geringere Höhe.

Wer sind die Opfer?

An Bord waren 150 Menschen: 144 Passagiere, zwei Piloten und vier Crewmitglieder. Germanwings-Chef Thomas Winkelmann sagte, es seien vermutlich 67 Deutsche an Bord gewesen. Das Auswärtige Amt konnte die Zahl noch nicht bestätigen, die Opfer müssten erst identifiziert werden. Zu ihnen zählten 16 Schüler und zwei Lehrer eines Gymnasiums im westfälischen Haltern, die auf dem Rückweg von einem Austausch waren. Nach Angaben der spanischen Regierung fanden sich auf der Passagierliste 45 Reisende mit spanischen Nachnamen.

Die Nationalitäten der Opfer seien noch nicht abschließend geklärt, sagte Lufthansa-Managerin Heike Birlenbach auf einer Pressekonferenz am Flughafen Barcelona. Auf der Passagierliste stünden nur deren Namen. Derzeit würden die Personalien der Angehörigen aufgenommen.

Die spanische Polizei hat in Barcelona unterdessen mit der Überprüfung der Videoaufzeichnungen vom Einstieg der Passagiere in die Unglücksmaschine begonnen, hieß es aus Polizeikreisen. Die Auswertung solle dazu beitragen, möglichst viele Details zu beschaffen, die Klarheit über das Unglück bringen könnten.

Wie werden die Angehörigen betreut?

Am Flughafen Barcelona werden die Angehörigen von einem Krisenstab betreut, mit Hilfe von Ärzten und Psychologen. Derzeit versucht der Krisenstab am Flughafen zu prüfen, ob und wann es möglich ist, Angehörige an den Ort des Absturzes zu bringen. "Die Witterungsbedingungen sind im Moment widrig", sagte Ignacio Rubio del Pino, Präsident des spanischen Luftverkehrsverbandes.

Auch am Flughafen Düsseldorf kümmerten sich am späten Dienstagabend weiterhin Betreuer um Hinterbliebene der tödlich verunglückten Fluggäste des Germanwings-Flugs. "Aktuell sind noch 16 in der VIP-Lounge", sagte ein Sprecher des Flughafens. Zeitweise seien etwa 45 bis 50 Menschen gleichzeitig betreut worden.

Germanwings plane einen Flug nach Südfrankreich, um den Angehörigen einen Besuches in der Nähe der Unfallstelle zu ermöglichen, sagte Airline-Geschäftsführer Thomas Winkelmann im "Heute Journal" des ZDF. In der Sporthalle des Alpenortes Digne sollten 800 Betten aufgebaut werden, berichtete die Zeitung "La Provence" in ihrer Online-Ausgabe.

Um was für eine Maschine handelt es sich?

Der A320 gehört mit derzeit rund 6000 im Dienst befindlichen Maschinen zu den am weitesten verbreiteten Mittelstreckenflugzeugen. Das verunglückte Flugzeug hatte 1990 seinen Jungfernflug, 1991 war es an die Lufthansa übergeben worden. Vor dem Absturz hatte der A320 auf 46.700 Flügen fast 58.300 Flugstunden absolviert. Mit 24 Jahren hatte die Maschine zwar ein fortgeschrittenes Alter, ungewöhnlich ist dies aber nicht: Die A320-Flotte von Germanwings hat ein Durchschnittsalter von 23,5 Jahren.

Airbus A320 von Germanwings: 46.700 Flüge und fast 58.300 Flugstunden
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Airbus A320 von Germanwings: 46.700 Flüge und fast 58.300 Flugstunden

Was weiß man über die Absturzursache?

Bisher kann man über die Gründe nur spekulieren. Das Unglück erinnert zwar an eine Beinahe-Katastrophe mit einem Airbus A321: Im November 2014 war die Maschine auf dem Weg von Bilbao nach München, als Sensoren falsche Daten über den Anstellwinkel lieferten und der Bordcomputer daraufhin einen steilen Sinkflug einleitete.

Die am Dienstag abgestürzte A320 aber hatte nach Angaben des Germanwings-Chefs Winkelmann einen neuen Bordcomputer, der für das Problem nicht anfällig gewesen sei. Aufschluss könnte die Blackbox liefern: Einer der Flugschreiber wurde am späten Nachmittag am Absturzort gefunden. Die Lufthansa selbst geht beim Absturz von einem Unfall aus. Dies sagte Lufthansa-Managerin Birlenbach in Barcelona. Alles andere wäre "Spekulation".

Wie läuft die Bergung ab?

Die Absturzstelle ist nur sehr schwer zu erreichen. Sie befindet sich in einem steilen Gebirgsmassiv. Die Rettungskräfte werden nach Angaben der Gendarmerie von Helikoptern aus abgeseilt. Andere Rettungskräfte sollen zu Fuß zu den Trümmern gelangen. Die Bergung wird allerdings vorerst durch schlechtes Wetter beeinträchtigt: An der Absturzstelle dürfte es bald regnen oder schneien, sagte Gendarmerie-Chef David Galtier. Damit werde die Aufgabe erschwert, den Unglücksort für die Ermittlungen abzusichern.

Bei Einbruch der Dunkelheit mussten die von Frankreich eingesetzten zehn Helikopter die Suche am Absturzort für die Nacht einstellen. Sie sollten nach Sonnenaufgang ihre Flüge wieder aufnehmen, teilten die Behörden mit. Allerdings seien zuvor noch Beamte für die Nacht im Absturzgebiet abgesetzt worden, teilte die Gendarmerie mit - um die Unglückstelle zu bewachen.

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Wie reagierten Politiker?

"Es ist ein Schock, der uns, die Franzosen und die Spanier in tiefe Trauer stürzt", sagte Kanzlerin Angela Merkel. Sie sagte am Dienstag vorerst alle Termine ab. Am Mittwoch wird sie vor Ort in Frankreich erwartet. Bundespräsident Joachim Gauck brach seine Südamerika-Reise ab und machte sich auf den Weg zurück nach Berlin. Er dankte allen, "die nun an verschiedensten Stellen Hilfe leisten und den Betroffenen zur Seite stehen". Das spanische Königspaar Felipe VI. und Letizia brach seinen gerade begonnenen Staatsbesuch in Frankreich ab. Am Mittwoch will der französische Präsident François Hollande mit Merkel und Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy an der Absturzstelle zusammenkommen.

Was bedeutet der Absturz für die Lufthansa?

Für jede Airline ist ein Absturz ein Desaster, die Lufthansa aber profitierte besonders von ihrem Ruf einer sehr sicheren Airline. Das galt auch für ihre Tochter Germanwings: Der Absturz über Frankreich ist der erste Totalverlust eines Flugzeugs. Der letzte tödliche Unfall einer Lufthansa-Maschine geschah vor über 20 Jahren: Im September 1993 starben zwei Menschen, als eine A320 in Warschau über die Landebahn hinausschoss.

Der Aktienkurs der Lufthansa gab nach dem Absturz zeitweise deutlich nach. All das trifft den Konzern in einer Zeit des Umbruchs, bei dem Germanwings eine bedeutende Rolle spielt.

bim/bos/AFP/Reuters/AP/dpa

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