Germanwings-Unglück Ein Stipendium zum Gedenken

Noch sind nicht alle Opfer des Germanwings-Absturzes bestattet, es gibt noch kein Entschädigungsangebot an die Hinterbliebenen. Familie und Freunde einer Toten planen jetzt eine Künstlerförderung in ihrem Namen.

Von Andreas Dieste und Marie Groß


Juliane Noack wurde 30 Jahre alt. Die Künstlerin aus Halle/Saale starb am 24. März, als Co-Pilot Andreas Lubitz den Germanwings-Flug 9525 mit 150 Insassen an Bord abstürzen ließ. In ihrem Namen sollen künftig Nachwuchskünstler gefördert werden. Das zumindest wünschen sich Familie und Freunde der jungen Frau, die ein entsprechendes Projekt auf den Weg gebracht haben.

"Es geht um ein Gedenken, das nicht nur in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft strahlt. Jungen Künstlern an dem Punkt helfen, an dem auch Juliane gerade stand", beschreibt ihr Lebensgefährte David Nowak das Ziel im Gespräch mit SPIEGEL TV. Erste Kontakte zu Institutionen und Politikern gebe es bereits. Auch die Lufthansa habe Interesse an dem Projekt gezeigt, erzählt der Geschichts- und Theologiestudent. Er hoffe, so Nowak, dass man das auch ernst meine. "Wir sind auf der Suche nach Sinn, denn dieser Flugzeugabsturz hat keinen Sinn."

Hinter David Nowak und den anderen Angehörigen der Germanwings-Opfer liegen quälend lange Wochen des Wartens. Bis heute sind nicht alle Insassen des Airbus beigesetzt. Immer wieder gab es Verzögerungen, auch bei den Rückführungen der sterblichen Überreste. "Für die Familien war das unheimlich schwer, sie waren auf diese Termine fixiert", sagt Anwalt Elmar Giemulla, der Hinterbliebene vertritt. Sie hätten sich als Spielball höherer Mächte gefühlt. Verzögerungen bei den Rückführungen soll es unter anderem wegen Schreibfehlern in den Sterbeurkunden gegeben haben.

Für die Urkunden waren einige wenige Bedienstete eines Provinz-Rathauses in Frankreich zuständig - auch sie waren von einer Tragödie dieses Ausmaßes überfordert.

Schreibfehler in den Sterbeurkunden

In Prads-Haute-Bléone in den südfranzösischen Alpen musste Dorfbürgermeister Bernard Bartolini 2014 gerade einmal vier Sterbe-, Geburts- und Hochzeitsurkunden ausfüllen. Dann kam der 24. März, und Bartolini hatte plötzlich 150 Todesfälle innerhalb seiner Gemeindegrenzen. Zweieinhalb Tage habe ihm der leitende Staatsanwalt aus Marseille gegeben, um die Sterbeurkunden samt Kopien und Übersetzungen in 18 verschiedene Sprachen anzufertigen. Bartolini holte sich Helfer aus der Nachbargemeinde, sie arbeiteten bis spät in die Nacht. Doch der Zeitdruck führte zu Fehlern. Das sei unter den Bedingungen nachvollziehbar, rechtfertigt sich der Bürgermeister: "Das sind Schreibfehler, ein e statt ein a, das passiert nun mal."

Arbeiter an der Absturzstelle in den französischen Alpen
AFP

Arbeiter an der Absturzstelle in den französischen Alpen

Einige Kilometer vom Rathaus in Prads-Haute-Bléone entfernt liegt die Absturzstelle. Fabrice Rouve steht unweit der steilen Hänge, wo der Airbus zerschellte. Der Gendarm und Bergretter war der erste, der von einem Helikopter aus zu der Stelle abgeseilt wurde. "Was mich am meisten mitgenommen hat, waren die vielen sterblichen Überreste, die überall verteilt lagen." Nach stärkeren Regenfällen müssen die Einsatzkräfte noch immer das Areal nach möglicherweise freigespülten Leichenteilen absuchen.

Spätestens wenn alle Opfer des Absturzes beigesetzt sind, wird die Frage der Entschädigung in den Fokus rücken. Bislang gibt es dazu vom Germanwings-Mutterkonzern Lufthansa kein Angebot. Opferanwalt Christof Wellens fordert, dass man sich hier an internationale Standards halten müsse. "Das deutsche Recht ist sicherlich keine Basis für eine Einigung", sagt der Jurist, der bereits nach dem Concorde-Absturz Hinterbliebene vertrat. Er rechnet mit langen Verhandlungen. Erste Signale von Seiten der Versicherungen seien eher abwartend bis ablehnend.

Für Pere Bahí spielt das alles derzeit keine Rolle. Der Katalane aus der Kleinstadt Olot hat seine Frau Mireia verloren. Sie saß in der Germanwings-Maschine in der zweiten Reihe, war auf dem Weg zu einer Messe in Köln, als der Airbus abstürzte. Pere Bahí ist jetzt mit seiner sechsjährigen Tochter Mar allein. Das Wichtigste für ihn ist nun das Kind.

"Ich muss versuchen, dass Mar ein glücklicher Mensch wird, so wie Mireia es gefallen hätte", sagt der Vater. Er versucht, pragmatisch zu handeln, es ist seine Art, mit dem Verlust und dem Schmerz umzugehen. Das sei er seiner toten Frau schuldig, sagt Pere Bahí.


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