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Abschlussbericht zum Germanwings-Absturz: Die Verantwortung der Lufthansa

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Gedenkstätte für Opfer des Germanwings-Absturzes in Le Vernet Zur Großansicht
DPA

Gedenkstätte für Opfer des Germanwings-Absturzes in Le Vernet

Der Abschlussbericht zum Germanwings-Absturz zieht viele richtige Schlüsse aus der Tragödie - schont aber die Muttergesellschaft Lufthansa. Dabei ist mehr als fraglich, ob Co-Pilot Andreas Lubitz jemals Pilot hätte werden dürfen.

Es gibt keinen Trost für die Hinterbliebenen der Toten von Germanwings Flug 4U9525. Kein Triebwerk versagte, keine gefrierende Feuchte ließ die Flügel vereisen, kein Pilot verschätzte sich im Landeanflug. Nein, ihre Lieben wurden das Opfer eines lebensmüden Co-Piloten. Und nicht einmal trösten können sich die Angehörigen mit der Erkenntnis, dass es ein schneller Tod war. Nein, quälende sechs Minuten sahen die Passagiere zu, wie der ausgesperrte Kapitän verzweifelt die Tür zum Cockpit einschlagen wollte. Zehn Sekunden - bis zum Aufschlag um genau 9 Uhr 41 und 6 Sekunden - zeichnete der Stimmrekorder vorne in der Kanzel die Schreie der Passagiere hinten in der Kabine auf.

So steht es in dem heute in Paris vorgestellten Abschlussbericht des Germanwings-Absturzes vom 24. März 2015. Dort finden sich die technischen Parameter eines Fluges, der in die Tiefen der menschlichen Seele führte und sein Ende an einem Berghang in den französischen Alpen fand.

Nur ein Gedanke kann den Hinterbliebenen helfen, besser mit dem Wahnsinn dieses Suizids zu leben. Es ist der Gedanke, dass Lehren aus dem Tod von 149 Menschen plus dem Täter gezogen werden, damit sich ein solches Unglück nie mehr wiederholen wird.

Indirekte Kritik an Ärzten

Die Empfehlungen der französischen Flugunfallbehörde BEA heben darauf ab, einen potenziell gefährlichen Flugzeugführer rechtzeitig zu erkennen und aus dem Verkehr zu ziehen.

Zurecht fordern die Unfallermittler, dass der mentale Gesundheitszustand der Piloten künftig von psychologischen Experten strenger überprüft werden sollte. Auch soll besser definiert werden, wann Ärzte und Psychiater ihre Schweigepflicht ignorieren und die Fluggesellschaft vor einem Piloten warnen, der eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Bislang ist dies eine reine Abwägungsfrage jedes Arztes. Indirekt kritisieren die Ermittler mit dieser Sicherheitsempfehlung aber jene Mediziner, die bei Lubitz in den Wochen vor der Katastrophe eine psychotische Depression vermuteten und ihm sogar Psychopharmaka verschrieben - aber der Lufthansa keinen Hinweis gaben.

Die Regeln dazu sind in Deutschland, im Gegensatz etwa zu Kanada oder Norwegen, nicht so konkret ausgelegt, dass sie Psychiatern eine gute Orientierung bieten, wann sie Alarm schlagen sollen. Die Mediziner, die Lubitz aufsuchte, werden sich mit der moralischen Schuldfrage ihr Leben lang quälen, ob sie nicht die Airline hätten informieren sollen.

Wie konnten Mediziner Lubitz als "fit to fly" beschreiben?

Was die Unfallermittler der BEA und auch die Ermittler der Justiz bislang nicht umfassend gemacht haben: Die Rolle der Flugmedizin beim Germanwings-Mutterkonzern Lufthansa kritisch zu würdigen. Dabei stellen sich für die Ärzte im Aeromedical Center der Lufthansa drängende Fragen, etwa jene, ob Lubitz nach einer suizidalen Depression während seiner Ausbildung 2009 überhaupt wieder ins Flugtraining hätte zurückkehren können.

Wer die 6000-seitige Akte der französischen Strafermittler liest, der wird auf einen verstörenden Umstand treffen. Lubitz litt an einer sogenannten reaktiven Depression, behaupteten jedenfalls seine Ärzte damals. Das bedeutet, es gibt keine körperlichen oder genetischen Ursachen. Auslöser der Depression waren bestimmte, vorübergehende belastende Lebensumstände wie der Tod eines nahen Angehörigen oder ein Unfall.

Bei Lubitz allerdings konstatierten die Mediziner fast ausschließlich solche Auslöser, die mit dem Beruf des Piloten eng verbunden sind: Es war angeblich der Umzug des Flugschülers nach Bremen und der damit verbundene Stress, der Lubitz schwermütig machte; es war angeblich die laute, vierspurige Straße, an der seine Wohnung lag und die ihm den Schlaf raubte.

Doch bringt der Pilotenberuf mit sich, häufige Ortswechsel zu bewältigen. Auch Schlafmangel, Dienstzeiten, in denen andere Menschen im Bett liegen, prägen das Berufsbild. Wie konnten die Flugmediziner davon ausgehen, dass Lubitz in seiner späteren Laufbahn nicht wieder mit solchen Situationen konfrontiert wäre und seine Krankheit erneut auslösen würden? Wie konnten sie ihn schon kurze Zeit nach Beendigung seiner Psychotherapie, und einem massiven Einsatz von Psychopharmaka, als "fit to fly" schreiben?

Und wie konnte es sein, dass sie nach der vermeintlich als überwunden geglaubten Krankheitsphase Lubitz nie mehr von einem Psychiater untersuchen ließen?

Lufthansa-Verantwortliche hätten vorsichtiger sein müssen

Dabei kann man der Lufthansa nicht unbedingt vorwerfen, sie hätte seine Suizidabsichten erkennen müssen. So etwas ist ein extrem seltener Fall in der Luftfahrtgeschichte. Aber depressive Piloten müssen auch aus einem anderen Grund unbedingt aus dem Cockpit ferngehalten werden. Denn depressive Piloten sind in gefährlichen Flugsituationen überfordert, weil sie eine eingeschränkte Wahrnehmung haben und im Stress mental zusammenbrechen würden. Wegen dieses Risikos hätten die Verantwortlichen im Konzern vorsichtiger sein müssen.

Lubitz hatte einen Eintrag in seiner Pilotenlizenz, die auf seine psychiatrische Vorgeschichte verwies. Warum sollten sich Piloten wie er in Zukunft nicht regelmäßig einem Psychiater vorstellen müssen? Schließlich ist der Spezialist versierter darin, einen Depressiven zu erkennen, der seine Krankheit vor den flugärztlichen Prüfern zu verbergen versucht - so wie es Lubitz tat. Flugmediziner, so wie jene, die Lubitz noch fünf Mal zwischen seiner Genesung und der Katastrophe untersuchten, sind darin jedenfalls nicht ausreichend geschult.

Piloten mit depressiver Vorgeschichte dürften kein Problem mit einer Untersuchung durch einen Fachmediziner haben, zumindest dann nicht, wenn sie über ihren mentalen Gesundheitszustand kein Geheimnis machen müssen.

Die Lufthansa allerdings weist jede Mitverantwortung im Fall Lubitz von sich. Möglich, dass der Konzern damit verhindern will, in den jetzt anstehenden Schmerzensgeldprozessen juristisch schlecht dazustehen. Eine Taktik, die scheitern könnte. Denn schon bald werden die Opferanwälte Klage in den USA einreichen. Kommt es dort zu einem Prozess, werden sie vor den Geschworenen Psychiater auflaufen lassen, die die flugmedizinische Historie des Andreas Lubitz auseinandernehmen werden.

Es bleibt die Hoffnung, dass die Lufthansa - und auch alle anderen Airlines - die flugmedizinischen Verfahren bereits selbst gründlich überprüft und ohne viel Aufsehen verändert haben. Das ist der Konzern nicht nur seinen Hunderttausenden Kunden schuldig, sondern vor allem den Toten von Germanwings-Flug 4U9525.


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