Germanwings-Absturz EU-Arbeitsgruppe fordert Bluttests für Piloten

Das Blut von Piloten soll auf Spuren von Alkohol und Drogen untersucht werden - das empfiehlt die europäische Flugaufsichtsbehörde als Reaktion auf den Germanwings-Absturz. Zudem soll eine Datenbank für Flugmediziner geschaffen werden.

Gedenkstätte nahe des Unglücksortes: 150 Menschen starben bei Germanwings-Absturz
AFP

Gedenkstätte nahe des Unglücksortes: 150 Menschen starben bei Germanwings-Absturz

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Bei Flugzeugabstürzen gab es bislang eine gewisse Routine: Ermittler werteten den Flugschreiber aus und wurden meist schnell fündig: ein Pilotenfehler, ein technisches Versagen oder eine fatale Kombination aus beidem. Der Absturz des Germanwings-Airbus am 24. März dieses Jahres stellt die Behörden vor eine ganz neue Herausforderung.

Sie müssen die Ursache in dem Kopf des Co-Piloten suchen, in der psychiatrischen Krankengeschichte des Andreas Lubitz, der das Flugzeug absichtlich gegen ein Felsmassiv in den französischen Alpen steuerte. Keine Handvoll anderer solcher Fälle kennt die Luftfahrtgeschichte, und so kümmern sich eine ganze Reihe von Arbeitsgruppen um die Frage, wie in Zukunft lebensmüdes Cockpit-Personal entdeckt werden könnte, bevor die Katastrophe passiert.

Eine dieser Arbeitsgruppen unter der Leitung der Europäischen Flugaufsichtsbehörde EASA legt nun ihren Zwischenbericht vor, in dem sie sechs konkrete Forderungen aufstellt, was dringend zu tun ist. Die wohl konkreteste Maßnahme sind Bluttests bei Piloten, die unangemeldet stattfinden sollen. Dabei soll nach Spuren von Alkohol und Drogen gesucht werden. Missbrauch von Suchtstoffen, so die Hoffnung der EASA, könnte bereits ein Hinweis auf psychische Probleme sein.

Derzeit diskutieren die EASA-Verantwortlichen auch die Möglichkeit, das Blut nach Spuren von Psychopharmaka zu kontrollieren. "Dabei müssen wir natürlich sehr vorsichtig sein, um nicht die Persönlichkeitsrechte der Piloten zu verletzen", sagt EASA-Direktor Patrick Ky zu SPIEGEL ONLINE. Der Behördenchef ist allerdings guter Hoffnung, eine einvernehmliche Lösung zu finden, auch nach diesen Stoffen im Blut der Piloten fahnden zu können.

Pilotenvereinigung will Drogen- und Alkoholtests mittragen

Die Fachleute versuchen dabei, eine Lehre aus der Erkenntnis der Staatsanwaltschaft zu ziehen, wonach Lubitz offensichtlich mindestens ein Antidepressivum in den Monaten vor seiner Tat eingenommen hat.

Die europäische Pilotenvereinigung European Cockpit Association (ECA), die mit einem Mitglied in der Arbeitsgruppe vertreten war, will die Drogen- und Alkoholtests mittragen. "Es gibt positive Erfahrungen mit dieser Maßnahme unter anderem in Schweden", sagt ECA-Pilot Paul Reuter zu SPIEGEL ONLINE.

Die EASA-Arbeitsgruppe wird in ihrem Maßnahmenkatalog wesentlich deutlicher als ein ähnliches Expertengremium, das auf Initiative des Bundesverkehrsministeriums in Deutschland eingesetzt wurde. Diese Gruppe hatte ihre Ergebnisse vergangenen Monat an Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) übergeben. So knöpft sich die EASA auch die derzeit geltende Praxis der medizinischen Flugtauglichkeitsuntersuchungen vor, die sich im Fall Germanwings als unzureichend herausgestellt hat.

Demnach konnte Lubitz zu einer ganzen Reihe von Ärzten und Psychiatern gehen, ohne dass diese bei den Luftaufsichtsbehörden Alarm schlugen. Dabei hätte die Diagnose einer Depression oder einer anderen psychischen Beeinträchtigung ausgereicht, ihm die Lizenz zu entziehen. Denn psychische Leiden wirken sich negativ auf die Konzentration, die Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit von Piloten aus.

Die EASA-Expertengruppe fordert deshalb unter anderem die Einsetzung einer zentralen europäischen Datenbank. Darin sollen Flugmediziner nachschauen können, ob Piloten, die sich ihre Flugtauglichkeit bescheinigen lassen, in anderen EU-Ländern mit gesundheitlichen und psychologischen Problemen aufgefallen sind. "Ein Pilot, der eine medizinische Diagnose verbirgt, kann derzeit medizinischen Rat und Behandlung in einem anderen Land suchen, oder aber Medizin im Ausland oder über das Internet beziehen", warnt die EASA-Taskforce in ihrem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Medizinische Daten werden nicht dem individuellen Piloten zugeordnet

Der Informationsaustausch zwischen Flugmedizinern in Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besonders kompliziert. Eine nationale Datenbank existiert nicht. Informationen über gesundheitliche Probleme von Piloten liegen nur in sogenannter pseudonymisierter Form beim zuständigen Luftfahrtbundesamt (LBA) vor. Das heißt, medizinische Daten werden nicht dem individuellen Piloten zugeordnet und abgespeichert.

Stellt sich ein Pilot bei einem neuen Flugmediziner vor, dann muss dieser erst bei dem Kollegen anrufen, der den Piloten zuvor behandelt hat, um zu erfahren, ob es ein etwaiges Problem in der Vergangenheit gegeben hat.

In Deutschland hatte der Bundesdatenschützer auf ein anonymisiertes System gedrungen, bei dem die medizinischen Daten ohne den Namen des betreffenden Piloten an das LBA gemeldet werden. Weil angeblich kein Computersystem den Schutz der Patientendaten garantieren kann, ist bislang auch noch keine Datenbank eingerichtet worden - ein Umstand, den die europäische Flugaufsichtsbehörde bei einer Überprüfung des deutschen flugmedizinischen Systems im Herbst letzten Jahres bemängelt hat.

Die EU-Kommission hat deshalb ein Anhörungsverfahren gegen die Deutschen eingeleitet. Erst nach der Germanwings-Katastrophe prüft das Bundesverkehrsministerium nun, wie Flugmediziner in Deutschland medizinische Daten über Piloten von ihren Fachkollegen einfacher erhalten können, damit eine psychische Erkrankung früher erkannt werden kann.

EASA-Direktor Ky möchte, dass in Deutschland künftig auch Allgemeinärzte eine Information an die flugmedizinische Aufsichtsbehörde geben können, wenn sie bei einem Piloten ein gesundheitliches oder psychologisches Problem diagnostiziert haben. "Der deutsche Gesetzgeber hat dafür im vergangenen Jahr erste Verbesserungen beschlossen", sagt der Behördenchef, hält diese aber bislang noch nicht für ausreichend, einen besseren Informationsfluss zwischen Medizinern und Aufsichtsbehörden sicherzustellen.

"Die Nationalstaaten müssen einen Blick darauf haben, dass die Persönlichkeitsrechte von Piloten und die Belange der öffentlichen Sicherheit in einer richtigen Balance sind", so EASA-Direktor Ky.

SPIEGEL TV Reportage

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