Germanwings-Absturz Frankreichs Justiz ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Warum verlor Unglücksflug 4U-9525 so schnell an Höhe? Warum setzten die Germanwings-Piloten keinen Notruf ab? Viele Fragen zum Airbus-Absturz sind ungeklärt. Frankreichs Justiz hat deshalb Ermittlungen eingeleitet.

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Marseille - Die Staatsanwaltschaft von Marseille hat nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U-9525 Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Derzeit konzentriere sich die Justiz auf die Befragung von acht Zeugen, sagte Staatsanwalt Brice Robin. Genauere Angaben dazu machte er nicht.

"Es ist natürlich noch viel zu früh, um die Unfallursache zu benennen", sagte Robin dem Fernsehsender BFM TV. "Wir wissen nur, dass dieses Flugzeug sehr schnell an Höhe verloren hat und von 12.000 Meter Höhe auf 2000 Meter herabgesackt ist." Dieser Sinkflug sei bislang ebenso unerklärlich wie die Tatsache, dass es währenddessen keinen Funkkontakt mit dem Cockpit gab.

Ein Teil der Blackbox des Airbus A320 werde bereits in Paris ausgewertet. Dabei soll es sich um den Stimmenrekorder handeln. Der Flugschreiber wird derzeit noch in dem unwegsamen Absturzgebiet in den französischen Alpen gesucht. Das Trümmerfeld habe eine Fläche von ungefähr zwei Hektar. Staatsanwalt Robin hat für den Mittwochvormittag weitere Informationen angekündigt.

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Absturz von Flug 4U-9525: Schwarze Tage für Seyne-les-Alpes
Die spanische Polizei prüft derweil Videoaufzeichnungen vom Einstieg der Passagiere in die Unglücksmaschine. Dies gehöre zu den Ermittlungen im Zusammenhang mit der Katastrophe, hieß es aus Justizkreisen. Die Auswertung der Sicherheitskameras solle dazu beitragen, möglichst viele Details zu beschaffen, die Klarheit über das Unglück bringen könnten.

Zuvor hatte bereits Frankreichs Premierminister Manuel Valls erklärt: "Keine Hypothese kann derzeit sicher ausgeschlossen werden." Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge gibt es bislang aber keinen Hinweis auf einen terroristischen Anschlag. Auch das Weiße Haus in Washington geht von einem Unfall aus.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr rechnet mit raschen Erkenntnissen: "Ich gehe davon aus, dass wir sicherlich relativ schnell erste Informationen bekommen werden, was die Absturzursache wahrscheinlich war. Die detaillierte Auswertung wird dann länger dauern", sagte Spohr der ARD. Er sprach vom "schwärzesten Tag in der 60-jährigen Geschichte unseres Unternehmens". Dieses habe erstmals eine Maschine im Reiseflug verloren.

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Fotostrecke: Trümmerfeld in den Alpen
"Das Flugzeug war in hervorragendem technischen Zustand", versicherte der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende. Über die Piloten der Unglücksmaschine sagte Spohr: "Wir hatten die Kompetenz im Cockpit, für die unser Unternehmen steht." Die Germanwings-Piloten würden auch bei Lufthansa ausgebildet und der Pilot habe mehr als 6000 Flugstunden gehabt, darunter den größten Teil im Airbus A320.

Die Bergungsarbeiten in der Nähe des Bergorts Seyne-les-Alpes wurden am Mittwochmorgen fortgesetzt. Rund 30 Gendarme der Hochgebirgseinheit brachen in der Nacht zum schwer zugänglichen Absturzort auf, außerdem hätten sich 65 Einsatzkräfte bereits am Dienstagabend auf den Weg gemacht, um einen Zugang zu Fuß zu finden, teilte die Polizei mit. Fünf Beamte blieben demnach über Nacht vor Ort. Bis die gesamte ausgedehnte Absturzstelle durchkämmt sei, werde es "mindestens eine Woche" dauern, sagte ein Sprecher der Gendarmerie.

Insgesamt waren nach Angaben von Germanwings 150 Menschen an Bord, unter ihnen 67 Deutsche. Zudem hatten auch Menschen aus Spanien, der Türkei, Großbritannien, Dänemark, Australien, Israel, Mexiko, Kolumbien, Japan und Argentinien den Flug von Barcelona nach Düsseldorf gebucht.

Am Mittwochnachmittag wird Angela Merkel am Unglücksort erwartet. Sie will die Absturzstelle zusammen mit Frankreichs Staatschef François Hollande und dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy besuchen. Bereits am Dienstag waren Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zu der Unglücksstelle gereist.

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syd/AFP/dpa/AP/Reuters

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