Rettungspilot Xavier Roy Fähnchen im Trümmerfeld

Der Anblick fordert selbst erfahrene Rettungspiloten heraus: Die in Frankreich abgestürzte Germanwings-Maschine ist in extrem kleine Teile zerbrochen. Jetzt markieren Retter die Position der Opfer im Trümmerfeld.

Von Sara Maria Manzo und , Seyne-les-Alpes

Rettungspilot Xavier Roy: "Die Priorität heute ist die zweite Blackbox"
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Rettungspilot Xavier Roy: "Die Priorität heute ist die zweite Blackbox"


Für die Menschen in den Bergen des Départements Alpes-de-Haute-Provence ist der Klang von Rettungshubschraubern nichts Besonderes. Die Landschaft mit ihren derzeit noch schneebedeckten Mittelgebirgsgipfeln ist rau und ursprünglich. Das macht sie für Touristen und Freizeitsportler so interessant - aber eben auch gefährlich. So sind immer wieder verletzte Wanderer oder Skifahrer auf dem Luftweg in Sicherheit zu bringen. Manchmal stoßen auch Kleinflugzeuge gegen die Felsen. Dann sind die Opfer zu bergen.

Auch Zivilschutz-Rettungspilot Xavier Roy kennt solche tragischen Fälle. Doch das Unglück, das seine Kollegen seit gut 24 Stunden beschäftigt, ist anders. Es ist unfassbar viel größer.

Nein, "in dieser Form" habe er so etwas noch nicht gesehen, sagt Roy. Der hochgewachsene Mann mit aschblondem, langsam zurückweichendem Haar steht am Rand des Flugfelds von Seyne-les-Alpes im kalten Wind. Er trägt den roten Overall der Zivilschutz-Flieger, darüber eine warme rote Jacke. Immer wieder rattern die blauen Helikopter der Gendarmerie nur wenige Meter über der Szenerie. Nur drei Flugminuten sind es von hier in das zu Fuß so schwer zugängliche Berggebiet, in dem Flug 4U-9525 niedergegangen ist.

Normalerweise starten vom Flugfeld in Seyne bei passendem Wetter Segelflieger zu ihren Rundflügen. Aber was ist hier noch normal? Seit Dienstag ist das Areal die Basis für die Rettungshubschrauber auf dem Weg zum Absturzort des Germanwings-Fluges. Rund ein halbes Dutzend Maschinen sind derzeit im Einsatz.

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Absturz von Germanwings-Airbus: Einsatz in den französischen Alpen
"Man hat nicht den Eindruck, ein Flugzeug zu sehen", beschreibt Roy den Anblick des Trümmerfeldes an dem steilen Geröllhang, an dem der Airbus A320 am Dienstagvormittag aus bisher noch ungeklärter Ursache zerschellte. Bis auf wenige Ausnahmen, ein Fahrwerksteil zum Beispiel, ist die Maschine durch die Wucht des Aufschlags in sehr kleine Teile zerbrochen. Deren Bergung wird quälend viel Zeit beanspruchen. "Das wird deutlich länger dauern als bei einem Unfall auf einem Flughafen."

"Die Priorität heute ist die zweite Blackbox", sagt der Rettungsflieger. Denn die fehlt bisher noch. Am Dienstag war aber zumindest der Stimmenrekorder aus dem Cockpit der Maschine gefunden worden. Die Flugunfallermittler unter Leitung des französischen Bureau d'Enquêtes et d'Analyses (BEA), hoffen darauf, in dem beschädigten Gerät auf Hinweise darüber zu stoßen, was an Bord der Maschine vorgefallen ist. Am Mittwochnachmittag wollen die Ermittler auf einer Pressekonferenz in Paris den Stand ihrer Arbeit erläutern. Auch ein Team von drei deutschen Experten ist bei den Untersuchungen vor Ort.

Die Bergung weiterer Trümmerteile werde wohl noch warten müssen, sagt Xavier Roy. Zurzeit würde alles am Unglücksort dokumentiert. Das trifft auch auf die Körper der Opfer zu. Ihre Lage würde jeweils mit einem Fähnchen markiert, dann nehme man die GPS-Koordinaten auf und mache ein Foto. Das sei wichtig für die Gerichtsmedizin und die Arbeit der Staatsanwaltschaft Marseille, die wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Der zuständige Staatsanwalt ist vor Ort in Seyne. Auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wird ein Todesermittlungsverfahren aufnehmen.

Hilfskräfte bei der Bergung: Fundstellen mit Fähnchen markieren
DPA

Hilfskräfte bei der Bergung: Fundstellen mit Fähnchen markieren

Ob denn die Körper der Opfer überhaupt identifizierbar seien, wird Xavier Roy gefragt. "Mit den Mittel, die heute zur Verfügung stehen, wird das wohl möglich sein."

Einmal geborgen, sollen die Körper der Absturzopfer ins dafür vorbereitete Jugendzentrum von Seyne gebracht werden. Dort sollen auch die betroffenen Familien begrüßt werden. Damit das einigermaßen in Ruhe passiert, schickte die Polizei am Mittwochvormittag die anwesenden Journalisten weg. Doch ruhig dürfte es deswegen trotzdem kaum werden, Frankreichs Präsident François Hollande, Kanzlerin Angela Merkel und Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy haben sich angekündigt.

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