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Trauer an Schule: "Wir kannten die ja"

Von , Haltern am See und Düsseldorf

DPA

16 Schüler und zwei Lehrer aus einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets waren an Bord des Unglücksfluges 4U-9525. Jetzt trauert der ganze Ort mit den Angehörigen. Ortstermin im Ausnahmezustand.

Die Mädchen und Jungen treffen sich an der Tischtennisplatte auf dem Hof, sie haben Blumen dabei. Einige Jugendliche weinen, andere starren ins Nichts, kaum einer spricht. Mit schwarzem Edding schreiben die Teenager Namen auf dicke weiße Kerzen, es sind die der Verunglückten: Ann-Kristin, Lea, Selina, Paula, Fabio und Gina. Das Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See nimmt Abschied, die ganze Stadt trauert.

16 Schülerinnen und Schüler sowie zwei Lehrerinnen waren an Bord des Germanwings-Unglücksflugs 4U-9525. Knapp eine Woche hatte der Spanischkurs in der Nähe von Barcelona verbracht, jetzt sollte die Gruppe nach Hause kommen. Ein Bus hätte die Zehntklässler vom Düsseldorfer Flughafen abgeholt, doch die Maschine stürzte über den französischen Alpen ab. "Das ist der schwärzeste Tag in der Geschichte der Stadt", sagt der Bürgermeister von Haltern am See, Bodo Klimpel, am Nachmittag auf einer Pressekonferenz im Rathaus.

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Klimpel ist ein Mann, der aussieht, als könne ihn so schnell nichts erschüttern. Doch an diesem Dienstag droht ihm die Stimme zu versagen. Seine Augen sind rot, er ringt um Fassung, das ist deutlich zu spüren. "Es ist so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann", sagt er. "Wir sind in Gedanken fest verbunden mit den Opfern und ihren Angehörigen."

Haltern am See ist keine große Gemeinde, knapp 38.000 Einwohner, gelegen am nördlichen Rand des Ruhrgebiets. Die wahrscheinlich berühmtesten Söhne der Stadt sind die Fußballspieler Christoph Metzelder und Benedikt Höwedes. Und auch die zeigen sich betroffen. Höwedes twittert am Nachmittag: "Unser Mitgefühl gilt den Opfern des tragischen Flugzeugunglücks. Jeder von uns hätte in der Maschine sitzen können." Und Metzelder, der sich auch als Vorsitzender seines Heimatvereins TuS Haltern engagiert, schreibt: "In Gedanken bei den Opfern und ihren Familien."

Die Nachricht von der Katastrophe verbreitet sich schnell in dem Ort. "Es ist so eine kleine Stadt, da kennen sich viele", sagt ein Lehrer der Nachbarschule des Joseph-König-Gymnasiums. "Wir sind unglaublich traurig. Alle." Und ein Junge mit roten Rosen in der Hand beschreibt seine Gedanken, als er von dem Unglück erfuhr: "'Das kann nicht sein', denkt man dann. Wir kannten die ja."

Aus Vorfreude wird Entsetzen

Viele Angehörige der Opfer sind am Mittag zum Flughafen Düsseldorf gefahren, um genauere Informationen zu bekommen. Bundespolizisten und Mitarbeiter des Airports schirmen die Betroffenen systematisch ab und begleiten sie in die VIP-Loge unterhalb des Flugsteigs C. "Ich will keinen Pressevertreter haben, der direkt an die Leute rankommt", herrscht ein Hauptkommissar seine Untergebenen an. Sie seien ihm persönlich dafür verantwortlich. Die Kommissare nicken beflissen.

Der VIP-Raum des Flughafens bietet Platz für hundert Personen, die Einrichtung ist gediegen: dunkle Ledersessel und viel Holz. Am Dienstagmittag müssen sich hier schreckliche Szenen abgespielt haben. Die Schreie werde er nie vergessen, sagt ein Mitarbeiter. Notfallseelsorger, Ärzte und Psychologen betreuen die Betroffenen.

Etwa 20 Menschen hatten im Ankunftsbereich des Flughafens gewartet, als gegen 11.30 Uhr die Vorfreude auf ein Wiedersehen in fürchterliches Entsetzen umschlägt. Es gibt Bilder von der Anzeigetafel, sie entstehen etwa eine Stunde später. "Ankünfte" steht da - und darunter an zweiter Position der Flug aus Barcelona. Die Felder mit der erwarteten Ankunftszeit, dem Ausgang und Status sind einfach leer.

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Ein großer Mann mit Lederjacke und zurückgegelten Haaren lässt sich etwa um diese Zeit von zwei Flughafenmitarbeiterinnen in die Lounge führen. Er tappt völlig benommen zwischen den viel kleineren Frauen her, Tränen rinnen ihm über das Gesicht. Ein Spanier, der offenbar ebenfalls auf die Maschine auf Barcelona wartet. Er versteht die Helfer erst nicht, dann folgt er ihnen - vollkommen verwirrt.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Mitarbeit: Barbara Schmid; mit Material von dpa

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Notfallnummern Germanwings-Absturz
Auswärtiges Amt
030 / 50 00 30 00
Flughafen Düsseldorf
0800 / 77 66 350
Germanwings
0800 / 11 33 55 77
Flughafen Barcelona
0034 / 900 808 890

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