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Germanwings-Co-Pilot Lubitz: Tödliche Last

Von , Düsseldorf

Gedenken am Flughafen Köln: "Eine solche Tat muss psychologische Gründe haben" Zur Großansicht
DPA

Gedenken am Flughafen Köln: "Eine solche Tat muss psychologische Gründe haben"

Noch bevor er Pilot wurde, ließ sich Andreas Lubitz wegen Selbstmordgedanken behandeln. Zuletzt besuchte er verschiedene Ärzte. Doch bei der Fluggesellschaft will niemand von einem Leiden des Piloten gewusst haben.

"The A-Team", steht auf der Titelseite der Abitur-Zeitung von Andreas Lubitz, "wir lieben es, wenn ein Plan funktioniert." Auf den knapp hundert Seiten taucht aber derjenige, der knapp acht Jahre später einen Germanwings-Airbus vorsätzlich zum Absturz gebracht haben soll, nur an wenigen Stellen auf. In den beliebten Hitlisten der "größten Schulschwänzer", der "Lautesten" oder der Schüler mit den "besten Ausreden" spielt Lubitz keine Rolle. Nur in der Rubrik "Ordentlichster" wird er geführt, auf dem dritten von drei Plätzen.

Auch als Pilot scheint Lubitz gut organisiert gewesen zu sein. Ehemalige Arbeitskollegen erinnern sich an ihn als kompetent erscheinenden ersten Offizier, der von einer Karriere als Langstrecken-Pilot der Lufthansa träumte. "Er hat das Flugzeug sehr gut beherrscht, er hatte alles im Griff", sagte Germanwings-Kapitän Frank Woiton der "Bild"-Zeitung. Woiton flog dem Bericht zufolge mehrfach mit Lubitz, ihm fiel nichts Besonderes an seinem Co-Piloten auf.

Dabei hatte der vermeintlich professionell und souverän handelnde Lubitz offenbar ernste psychische Probleme. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war er bereits vor Jahren in psychotherapeutischer Behandlung, noch ehe er seine Fluglizenz erhielt. Damals wurde auch eine Selbstmordgefährdung festgestellt. In den vergangenen Jahren habe Lubitz weitere Ärzte konsultiert, jedoch ohne dass ihm Suizidalität oder Fremdaggressivität bescheinigt worden sei, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit.

Besuche bei mehreren Ärzten

Bei der Durchsuchung seiner Düsseldorfer Wohnung hatten Beamte am Donnerstag zahlreiche medizinische Unterlagen sichergestellt, aus denen sich inzwischen eine Krankengeschichte rekonstruieren lässt. So hatte ein Psychiater den 27-Jährigen zuletzt für fast zwei Wochen krankgeschrieben. Nach Angaben der Ermittler zerriss Lubitz das Attest und trat seinen letzten Flug an.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll der Pilot zuletzt eine ganze Reihe verschiedener Ärzte aufgesucht haben. Noch vor wenigen Wochen ließ er in der Düsseldorfer Uniklinik seine Augen untersuchen, jedoch ohne dass ein körperliches Leiden festgestellt werden konnte. Die Ärzte gingen von einer psychosomatischen Störung aus, wie aus Ermittlerkreisen verlautete.

Aufschluss über die gesundheitliche Situation des Piloten erhielten die Beamten auch von Lubitz' Lebensgefährtin, die inzwischen vernommen werden konnte. Allerdings räumte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft am Montag ein, bislang keine Hinweise auf ein Motiv für den vorsätzlich herbeigeführten Absturz zu haben.

"Eine solche Tat zu begehen, muss psychologische Gründe haben", mutmaßte hingegen der französische Chefermittler Jean-Pierre Michel. Die Ermittler versuchten nun herauszufinden, "was Lubitz destabilisiert und zu einer solchen Tat gebracht haben könnte", so Michel.

"Der Job hängt bei so etwas sofort am seidenen Faden"

Und es gibt Indizien, die sich für andere Instanzen als problematisch erweisen könnten. Lubitz' Pilotenlizenz und Tauglichkeitszeugnis tragen den Hinweis SIC, der für "besondere regelhafte medizinische Untersuchungen" steht und auf eine chronische Erkrankung hindeutet. Das bestätigte der Luftfahrtbundesamt-Sprecher Holger Kasperski am Freitag der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswires. Auf Anfrage wollte seine Kollegin die Darstellung am Montag nicht wiederholen und verwies auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Bei Germanwings will man von einer psychischen Erkrankung des Angestellten nichts geahnt haben. "Wir hatten keine Chance, das nachzuvollziehen", so Germanwings-Sprecher Matthias Burkard gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Der Betreffende hätte selbst auf uns zukommen oder seinen Arzt von der Schweigepflicht entbinden müssen." Für das Unternehmen sei der Pilot Lubitz vollständig flugtauglich gewesen, so Burkard. Auch hätte ein SIC-Vermerk keine Information über die Art der Erkrankung geboten, der Datenschutz stehe dem entgegen.

Sollten sich jedoch Hinweise finden, dass Verantwortliche bei Germanwings oder im Luftfahrtbundesamt womöglich von einer Erkrankung des mutmaßlichen Todespiloten wussten, wären sie vor Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung nicht gefeit.

Video: Fliegerarzt erklärt Gesundheits-Tests für Piloten Politiker und die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO fordern inzwischen die Einführung regelmäßiger psychiatrischer Untersuchungen für Verkehrspiloten. Ihr Nutzen ist indes umstritten. "Solche Untersuchungen können leicht unterlaufen werden. Kein Pilot kommuniziert ehrlich mit einem Flugmediziner, weil immer die Gefahr im Raum steht, für fluguntauglich erklärt zu werden", sagte der Bochumer Psychologe Raphael Diepgen SPIEGEL ONLINE. Ein Flugkapitän bestätigte das: "Der Job hängt bei so etwas sofort am seidenen Faden - insbesondere wenn es um Alkoholkonsum oder Depressionen geht."

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Mit Material von AP

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