Co-Pilot des Unglücksflugs Der Unscheinbare

Nett, lustig, vielleicht ein bisschen ruhig - letztlich ein Mann ohne Auffälligkeiten. So beschreiben Menschen, die ihn kannten, den Ersten Offizier Andreas Lubitz. Eine Annäherung.

Von , Düsseldorf

Cockpit des A320: "Ich weiß nicht, was im Kopf dieses Co-Piloten vorgegangen ist"
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Cockpit des A320: "Ich weiß nicht, was im Kopf dieses Co-Piloten vorgegangen ist"


Die Straße im Düsseldorfer Osten, in der Co-Pilot Andreas Lubitz lebte, ist eine verkehrsberuhigte Sackgasse. Sie endet im satten Grün eines bewaldeten Hangs. Am Donnerstagmittag, es ist kurz nach zwei Uhr, fahren hier Polizisten vor, sie tragen Uniformen, Schutzwesten und machen ernste Gesichter. Später werden sie die Wohnung des 27-Jährigen durchsuchen.

Lubitz war Erster Offizier auf dem Germanwings-Unglücksflug 9525. Und wenn sich der Verdacht der Ermittler bestätigen sollte, war er auch dafür verantwortlich, dass die Maschine mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen zerschellte. "Es sieht so aus, als ob der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört hat", sagte der Staatsanwalt Brice Robin in Marseille. Und er fügte hinzu: "Ich weiß nicht, was im Kopf dieses Co-Piloten vorgegangen ist."

Im Video: Die wichtigsten Aussagen des Staatsanwalts

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Nach Erkenntnissen der französischen Behörden hatte der Pilot Patrick S. das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Als er zurückkehrte, war demnach die Tür verriegelt. Er hämmerte dagegen, rief: "Lass mich rein!" Ganz zuletzt schrien auch Passagiere. So beschreibt Staatsanwalt Robin das Szenario, das der Stimmenrekorder aufgezeichnet hat. Der Erste Offizier habe bis zuletzt ruhig atmend im Cockpit gesessen, so Robin, und auf eine Ansprache der Flugsicherung nicht reagiert.

Blick ins Cockpit eines A320. Klicken Sie zum Vergrößern bitte auf das Bild.
[M] DPA, Airbus, SPIEGEL ONLINE

Blick ins Cockpit eines A320. Klicken Sie zum Vergrößern bitte auf das Bild.

Wer tut so etwas - und warum?

Bislang gibt es keine Erklärungen für das Geschehen. Die Sicherheitsbehörden schließen einen terroristischen Hintergrund aus, Lubitz war nach allem, was man bislang über ihn weiß, kein Extremist, kein religiöser oder politischer Fanatiker. Auch hat sich bislang keine Organisation zu der Tat bekannt. Nach Angaben der zuständigen Bezirksregierung Düsseldorf verlief die letzte von insgesamt drei Sicherheitsüberprüfungen für Lubitz ohne Auffälligkeiten, das war im Januar.

"Flugtauglich ohne jegliche Einschränkungen"

Lubitz stammt aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur, sein Elternhaus ist ein schiefergedecktes Einfamilienhaus mit weißer Fassade. Seine Mutter arbeitet als Organistin. "Er hatte gute familiäre Hintergründe", zitiert die "FAZ" die Mutter einer Klassenkameradin. Jedoch habe er sich vor Jahren eine Auszeit von seiner Pilotenausbildung genommen und sich wegen Depressionen behandeln lassen, sagte die Frau dem Bericht zufolge.

Die Lufthansa bestätigte eine Unterbrechung der Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule in Bremen. Lubitz sei jedoch zuletzt "flugtauglich ohne jegliche Einschränkungen" gewesen, so Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Im September 2013 hatte Andreas Lubitz bei Germanwings als Pilot angefangen und seither 630 Flugstunden absolviert.

Seine Liebe zur Fliegerei entdeckte Lubitz im Luftsportclub (LSC) Westerwald. Bereits als Jugendlicher sei er dort Mitglied gewesen, ein freundlicher Kerl, "lustig und vielleicht manchmal ein bisschen ruhig", wie sein Vereinskamerad Peter Rücker sich erinnert. Er sei beliebt und gut integriert gewesen, habe Freunde gehabt, kein Einzelgänger, ein ganz normaler Typ, unscheinbar. "Ich bin einfach nur sprachlos. Ich habe keine Erklärung dafür", sagt Rücker. "Es ist einfach nicht möglich, es sei denn, er wurde von al-Qaida trainiert." Was man ausschließen kann.

Video: Bekannte beschreiben Co-Pilot als "netten, jungen Mann"

Von der Liebe zur Luftfahrt abgesehen, weiß man bislang nicht viel über Andreas Lubitz 2007 machte er sein Abitur am Mons-Tabor-Gymnasiums in Montabaur. Außerdem war er wohl ein begeisterter Läufer.

Seine inzwischen abgeschaltete Facebook-Seite zeigte einen schmalen, jungen Mann mit braunen Haaren und offenem Gesicht vor der Golden-Gate-Bridge in San Francisco. Er bekundete dort seine Vorliebe für elektronische Musik, den Lufthansa-Halbmarathon, einen Kletterwald und ein Bowlingzentrum. Aber erklärt das etwas?

Seine Vereinskameraden vom LSC veröffentlichten, kaum hatte sich die Nachricht vom Absturz der Germanwings-Maschine verbreitet, einen kurzen Nachruf auf ihrer Internetseite: "Andreas starb als Erster Offizier im Einsatz auf dem tragischen Flug", hieß es dort zunächst. Er habe als Segelflugschüler begonnen und es bis zum Piloten auf einem Airbus A320 geschafft. "Er konnte sich seinen Traum erfüllen, den Traum, den er jetzt so teuer mit seinem Leben bezahlte." Und sie schlossen mit den Worten: "Wir werden Andreas nicht vergessen."

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Mit Material von dpa und Reuters

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