Germanwings-Absturz Ermittler sichern Audiodatei aus Stimmrekorder

Französischen Ermittlern ist es gelungen, Aufzeichnungen aus dem Cockpit-Rekorder zu gewinnen. Erkenntnisse zum Absturz der Germanwings-Maschine lassen sich daraus allerdings noch nicht ableiten.


Paris - Warum zerschellte Flug 4U9525 am Dienstagvormittag an einem Hochgebirgsmassiv in Südfrankreich? Erkenntnisse darüber, was in den acht Minuten vor dem Absturz geschah, in denen die A320 fast 10.000 Meter Höhe verlor, erhoffen sich die Ermittler von dem bereits geborgenen Stimmenrekorder aus dem Cockpit.

Die französische Untersuchungsbehörde BEA hat auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber sicherstellen können. Es sei aber noch nicht möglich, irgendeine Erklärung für den Absturz zu geben, teilte die BEA in Paris mit. In ihrem letzten Kontakt hätten die Piloten des Airbus 320 eine Routine-Mitteilung gemacht.

BEA-Direktor Rémi Jouty sagte, trotz einiger Probleme sei es gelungen, eine nutzbare Audiodatei auszulesen - das sei "eine gute Nachricht". Es sei aber viel zu früh, Schlussfolgerungen aus den Stimmen und Geräuschen zu ziehen. Die Analyse daure an. Der Sprachrekorder sei am Dienstagnachmittag gefunden und versiegelt nach Paris gebracht worden. Am Mittwochvormittag um 9.45 Uhr sei die Box geöffnet worden.

In die Ermittlungen seien neben BEA-Experten auch Fachleute der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung eng eingebunden, ebenso wie Experten von Airbus und des Triebwerksherstellers General Electric, sagte Jouty. Die Ermittler seien in drei Teams aufgeteilt. Das erste kümmere sich um die Geschichte des Flugzeugs, insbesondere um Wartungen. Gruppe zwei sei für die Systeme an Bord zuständig, insbesondere die Auswertung der Flugschreiber. Und Team drei kümmere sich um die Betriebsbedingungen der Maschine während des Fluges.

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Absturz von Germanwings-Airbus: Einsatz in den französischen Alpen
Man sei derzeit nicht in der Lage, eine Erklärung oder Interpretation für den Verlauf des Fluges bis zum Absturz zu liefern und versuche, aus der Verteilung der Trümmer Rückschlüsse zu ziehen, sagte Jouty. Sicher sei lediglich: "Das Flugzeug ist bis zum Schluss geflogen", es habe keine Explosion gegeben.

Viele Fragen sind damit offen: Was genau ist zu hören? Sprachen die Piloten Englisch oder Französisch? Wie lange ist die Aufzeichnung? Sind bis zuletzt Stimmen zu hören? Falls ja: Was wird gesagt?

"Wir müssen Geduld haben"

Die Suche nach der zweiten Blackbox dauert an. Der Behälter, in dem sich der Datenschreiber befunden habe, sei gefunden worden, sagte Frankreichs Präsident François Hollande, aber nicht das Gerät selbst.

"Ich denke an die Familien, ihre Angehörigen und ich möchte im Namen Frankreichs an Angela Merkel und Mariano Rajoy unsere tiefsten Gefühle des Beileids ausdrücken", sagte Hollande auf einer Pressekonferenz. Er dankte allen Einsatzkräften - Feuerwehr, Polizei, Freiwilligen.

"Ich möchte Ihnen versichern, dass wir alles uns Mögliche tun werden, um den Familien der Opfer die Leichen zur Verfügung stellen zu können", sagte Hollande. Er sei bewegt, wie er sehe, wie die Leute zusammenstünden, um die Familien der Opfer zu empfangen. "Wir tun alles, um Licht in die Umstände dieser Katastrophe zu bringen." Das sei nicht einfach, auch die Analyse des Cockpit-Sprachrekorders nicht. "Wir müssen Geduld haben."

Die Staatsanwaltschaft von Marseille nahm Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung auf. Die Flugüberwachung habe kurz vor dem Unglück vergeblich versucht, Kontakt zu dem Airbus herzustellen, sagte Staatsanwalt Brice Robin.

Düsseldorfer Staatsanwälte übernahmen die deutschen Ermittlungen. Experten der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sind in Frankreich im Einsatz. Das Bundeskriminalamt bereitete sich darauf vor, bei der Identifizierung der Opfer mitzuhelfen.

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Germanwings-Absturz: Merkel dankt Helfern in Südfrankreich
Bundeskanzlerin Angela Merkel war am frühen Nachmittag in Begleitung von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in der Nähe der Absturzstelle in Seyne-les-Alpes eingetroffen. Gemeinsam mit Hollande und Rajoy gedachten sie der Opfer. Zudem wollten die Politiker mit Hinterbliebenen sprechen, die inzwischen die Unglücksregion erreicht haben.

"Es ist eine wahrhafte Tragödie, das hat uns der Besuch heute noch einmal vor Augen geführt", sagte Merkel. "Nicht nur meine Gedanken sind bei den Angehörigen und Freunden der Opfer, sondern die Gedanken der Franzosen und der Menschen in der Region." Diese leisteten mit unglaublichem Engagement Hilfe.

Die Angehörigen und Freunde der Opfer seien willkommen, wenn sie an den Ort der Tragödie kommen wollten, sagte Merkel. Dafür sei alles vorbereitet. Man werde alles tun, um zu verstehen, was passiert sei - auch wenn das eine Weile dauern werde, weil die Absturzstelle in einem schwierigen geografischen Gebiet liege. Die Kanzlerin sprach Hollande im Namen Millionen Deutscher ihren Dank aus. Das sei gelebte deutsch-französische Freundschaft.

Rajoy sprach sein Beileid an alle Angehörigen und Freunde der Toten aus. "Wir möchten die Opfer zurückbringen in ihre Heimatländer."

Merkel bei Pressekonferenz: "Es ist eine wahrhafte Tragödie"
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Merkel bei Pressekonferenz: "Es ist eine wahrhafte Tragödie"

wit/ulz/dpa/AFP/Reuters

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