Germanwings-Absturz Düsseldorfer Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf

Warum stürzte Germanwings-Flug 4U-9525 ab? Mit dieser Frage befassen sich auch Ermittler aus Nordrhein-Westfalen. Zudem hat das BKA nach Informationen von SPIEGEL ONLINE Identifizierungsexperten nach Frankreich entsandt.


Paris - Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wird nach Informationen von SPIEGEL ONLINE noch am Mittwoch ein Todesermittlungsverfahren wegen des Absturzes von Germanwings-Flug 4U-9525 einleiten. "Dabei geht es sowohl um die Identifizierung der Opfer als auch um die Klärung der Todesursache", sagte Staatsanwalt Christoph Kumpa auf Anfrage. Man werde sich zu diesem Zweck eng mit den französischen Behörden abstimmen und zu gegebener Zeit ein Rechtshilfeersuchen stellen.

Die Staatsanwaltschaft in Marseille ermittelt bereits wegen fahrlässiger Tötung. Die Flugüberwachung habe kurz vor dem Unglück vergeblich versucht, Kontakt zu dem Airbus herzustellen, sagte Staatsanwalt Brice Robin. Was in den acht Minuten vor der Katastrophe geschah, in denen der A320 fast zehntausend Meter Höhe verlor, ist weiter unklar.

Das Bundeskriminalamt hat nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zudem ein Vorauskommando der Identifizierungskommission (IDKO) nach Frankreich entsandt. Diese international anerkannten Spezialisten werden häufig bei Unglücksfällen im Ausland eingesetzt, um die Identitäten von Opfern festzustellen. Das erste Team soll nun mit den französischen Behörden abstimmen, inwiefern die IDKO bei den kriminaltechnischen Untersuchungen unterstützen kann.

Fotostrecke

30  Bilder
Absturz von Germanwings-Airbus: Einsatz in den französischen Alpen

Bei dem Absturz in den französischen Alpen sind alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Mitarbeiter der Lufthansa und des Tochterunternehmens Germanwings gedachten mit einer Schweigeminute der Opfer. Sie fand um 10.53 Uhr statt, dem Zeitpunkt, als am Dienstag der Kontakt der Flugsicherung zu dem Airbus abgebrochen war. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach in Frankfurt am Main von einem "sehr emotionalen Moment". Es sei unerklärlich, wie ein "technisch einwandfreies" Flugzeug mit zwei erfahrenen Piloten verunglücken könne.

Der erste gefundene Flugschreiber der Germanwings-Maschine ist inzwischen zur Analyse der Daten in Paris eingetroffen. Die Auswertung werde noch am Vormittag beginnen, sagte der für Transport zuständige französische Staatssekretär Alain Vidalies dem Sender Europe 1. Die für die Auswertung zuständige französische Untersuchungsbehörde BEA habe die Blackbox erhalten. Das Gerät sei beschädigt, aber es werde angenommen, dass es dennoch verwertbare Daten enthalte.

Bei dem gefundenen Flugschreiber soll es sich um den Cockpit Voice Recorder (CVR) handeln, der Geräusche und Gespräche im Cockpit aufzeichnet. Nach der zweiten Blackbox, dem Flugdatenschreiber, wird noch an der Absturzstelle gesucht.

Große Hilfsbereitschaft in der Absturzregion

Die Bergung der Opfer wird nach Einschätzung des Polizeichefs der Region sehr schwierig werden. "Wir sind hier im Hochgebirge", sagte Polizeigeneral David Galtier. "Das Wichtigste ist, das Gebiet abzusichern und die Leichen zu bergen."

Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, etwa 50 Spezialkräfte seien zu Fuß unterwegs zum Unfallort. Sie seien am Abend aufgebrochen und hätten in der Nacht biwakiert. "Sie wollten kein Risiko eingehen. Die Bedingungen sind sehr schwierig." Wann die Opfer geborgen werden können, sei unklar. Die Rettungskräfte wollten am Mittwoch noch nicht damit beginnen. Das sagte Rettungspilot Xavier Roy am Einsatzort in Seyne-les-Alpes.

Wichtig sei zunächst, den zweiten Flugschreiber zu finden, sagte der Pilot. Außerdem werde das Absturzgebiet weiter gesichert. Die Rettungsmannschaften versuchten, die Körper der Opfer zu finden. Dazu würden auch zahlreiche Fotos von der Unfallstelle gemacht. Bei den Arbeiten werde auch versucht, Teile der Motoren zu lokalisieren.

Die Einwohner im Absturzgebiet haben für Angehörige der Opfer unterdessen zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten bereitgestellt. Insgesamt gebe es etwa 900 Schlafgelegenheiten, sagte eine Mitarbeiterin des Rathauses von Seyne-les-Alpes. Die Plätze stünden in Hotels, Ferienanlagen und Privathaushalten bereit. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung der Region sei sehr groß.

Lufthansa-Chef Spohr kündigte an, dass Angehörigen der Absturzopfer Sonderflüge zur französischen Hafenstadt Marseille angeboten würden. Der Sprecher des französischen Innenministeriums, Pierre-Henry Brandet, sagte, die Angehörigen sollten vor den Medien abgeschirmt werden. Dafür stehe ein Ort für Rückzug und Stille bereit.

Seelsorger in Düsseldorf und Haltern

Die Bundeswehr steht zur Unterstützung der französischen Behörden bereit, falls diese Hilfe an der Absturzstelle benötigen sollten. Denkbar wäre die Überführung der Leichen nach Deutschland, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Dazu müssten die Toten aber identifiziert sein.

Am Flughafen in Düsseldorf kümmern sich einen Tag nach dem Absturz weiterhin Seelsorger um Angehörige der Opfer. Sie hielten sich in einem abgeschirmten Bereich auf, sagte Flughafensprecher Christian Hinkel. "Die Menschen kommen, um nicht in ihrer Trauer alleine zu sein. Vielleicht ist es für die Angehörigen auch gut, wenn sie an einen Ort kommen, wo sie ihre Trauer ausleben können."

Das Joseph-König-Gymnasium in Haltern versucht, den Tod von 16 Mitschülern und zwei Lehrerinnen zu verarbeiten. Sie saßen in der Unglücksmaschine. Am frühen Morgen brannten viele Kerzen auf der Schultreppe. "Gestern waren wir viele. Heute sind wir allein" - das stand auf einem Schild auf dem Schulhof. "Normaler Unterricht wird heute nicht stattfinden", sagte eine Polizeisprecherin. Seelsorger und Psychologen sind im Einsatz.

Das Bundesinnenministerium ordnete Trauerbeflaggung an allen Bundesbehörden an. Bis einschließlich Freitag sollen an sämtlichen Ministerien und den nachgeordneten Stellen die Fahnen auf halbmast wehen. Eine Staatstrauer wie in Spanien, wo Ministerpräsident Mariano Rajoy drei Tage Staatstrauer anordnete, gibt es aufgrund der föderalistischen Struktur in Deutschland nicht. Es sei nicht möglich, dass der Bund gegenüber den Ländern, Gemeinden und Gemeindeverbänden diese Form kollektiver staatlicher Trauer verordnet, teilt Regierungssprecher Steffen Seibert mit.

wit/jdl/dpa/Reuters/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.