Piloten nach dem Germanwings-Absturz "Man muss ehrlich sagen, wenn man sich nicht gut fühlt"

Lufthansa-Veteran Heinz Bohlender verlor bei einem Flugzeugunglück seinen Ausbilder. Im Interview erklärt er, warum er die pausierenden Germanwings-Crews versteht - und warum Piloten auch nach Abstürzen weiterfliegen.

DPA

Ein Interview von


Zur Person
  • Heinz Bohlender, Jahrgang 1952, aus dem hessischen Nidderau, arbeitete 31 Jahre für die Lufthansa, erst als Flugingenieur, später nach einer Ausbildung an der Flugschule der Airline auch als Flugkapitän. Dreieinhalb Jahre flog er auch Maschinen vom nun verunglückten Typ A320. Als am 14.9.1993 eine Lufthansa-Maschine in Warschau bei der Landung die Landebahn überschoss, starb Bohlenders Ausbilder.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bohlender, einige Germanwings-Besatzungen waren nach dem Unglück in Südfrankreich nicht bereit zu fliegen. Können Sie das nachvollziehen?

Bohlender: Auch dem coolsten Berufspiloten gehen solche Unfälle nahe. Deswegen ist die Entscheidung richtig. Verantwortung übernehmen heißt auch: Ehrlich sagen, wenn man sich nicht gut fühlt.

SPIEGEL ONLINE: Dabei hört man oft, solche Maschinen zu fliegen sei wie Busfahren.

Bohlender: Viele glauben, Flugzeug fliegen sei Routine. Aber kein Flug ist wie der andere, es ist jedes Mal eine neue Situation. Da ist Handwerk gefragt. Jeder von uns hat schon mal beim Autofahren geschusselt, weil er mit den Gedanken woanders war. Das kann man nicht machen, wenn man professionell fliegt. Man kann es sich nicht leisten, mental nicht bei der Sache zu sein, wenn 170 Leute hinter einem sitzen. Gerade bei Start und Landung muss man wirklich zu 100 Prozent konzentriert sein. Da darf man sich keine Gedankenausflüge ins Privatleben erlauben. Ich habe drei Kinder, als mein Kleiner damals die ganze Nacht durchgeschrien hat, weil er zahnte, musste ich mich "unfit to fly" melden.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben einmal jemanden bei einem Flugzeugunglück verloren. Ihr Ausbilder war 1993 Pilot der Lufthansa-Maschine, die in Warschau bei der Landung über die Rampe raste. Er starb. Wie sind Sie damit umgegangen?

Bohlender: Es war besonders tragisch für mich. Der Kollege und ich haben mehrere Wochen zusammengearbeitet, stundenlang im Flugsimulator gesessen, ich habe ihn als sehr kompetenten Kollegen schätzen gelernt. Natürlich habe ich überlegt, ob er etwas falsch gemacht haben könnte. Aber manchmal kommt alles zusammen, Zufälle, Technik, Wetter, menschliches Versagen, und dann geschehen Unfälle wie in Warschau oder eben Frankreich.

SPIEGEL ONLINE: Wann sind Sie danach wieder ins Flugzeug gestiegen?

Bohlender: Ich habe von dem tödlichen Unglück in Warschau wenige Stunden vor einer Simulator-Übung erfahren. In den Simulator habe ich mich reingesetzt. Ob ich in einen Flieger gestiegen wäre? Ich kann mir gut vorstellen, dass ich dazu nicht in der Lage gewesen wäre. Und selbst im Simulator war das ganz eigenartig. Vier Stunden, alles wird geübt, was man im Flugzeug später macht. Und dann kam eine Situation, die der in Warschau ähnelte: eine Landung unter schwierigen Bedingungen. Das ist gruselig.

SPIEGEL ONLINE: An wen können sich die Besatzungen wenden, wenn sie Hilfe brauchen?

Bohlender: Die Lufthansa und die Pilotenvereinigung Cockpit haben eine Hotline, wo Kollegen arbeiten, die 24 Stunden erreichbar sind. Wenn so etwas passiert wie in Frankreich, wenn es einen Zwischenfall gibt oder einen sonst etwas belastet, kann man da anrufen. Wir haben die Nummern alle im Portemonnaie oder im Handy.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Nummer in den mehr als 30 Jahren, die Sie bei der Lufthansa gearbeitet haben, mal gewählt?

Bohlender: Nein, ich habe Gott sei Dank keinen Gebrauch davon machen müssen. Nach Warschau ging es mir nicht gut. Ich hatte zwei, drei Tage frei und fühlte mich dann wieder im Stande, in ein Flugzeug zu steigen. Aber jeder verarbeitet solche Dinge anders. Ich kann da jeden verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wird man in der Ausbildung auf solche Situationen vorbereitet?

Bohlender: Bei dem Auswahlverfahren schauen die Ausbilder, ob der Bewerber ein hohes Maß an Verantwortung mitbringt. Es werden Fragen gestellt wie: Sie haben die ganze Nacht mit Ihrer Frau gestritten, nicht gut geschlafen und am nächsten Tag einen Flug. Wie verhalten Sie sich? Da muss man natürlich sagen: Nein, so belastet fliege ich lieber nicht. Es werden Leute ausgewählt, die sich bewusst sind: Trotz hervorragender Sicherheitsstatistik steigt das Risiko, dass auch mir etwas passieren könnte je länger ich diesen Beruf ausübe, auch wenn dieses Risiko sehr gering ist. Jeder Pilot weiß das.

SPIEGEL ONLINE: Nach einem Unglück wie jetzt, gibt es da Piloten, die ihren Beruf aufgeben?

Bohlender: In meiner Karriere gab es vielleicht drei, vier Kollegen, die plötzlich aufgehört haben. Ein Kollege hat während der Flugschule alles gut gemacht. Nachdem er dann die ersten Male allein geflogen ist, hat er plötzlich den Flieger abgestellt und gesagt: Sorry, ich traue mir das nicht zu. Ein anderer wollte nach seiner Beförderung zum Flugkapitän lieber wieder Co-Pilot sein - ihm war die Verantwortung zu viel. Aber das sind ganz seltene Fälle. Piloten sind Menschen, die auf Herz und Nieren geprüft wurden und das Risiko kennen. Wer es durch das Auswahlverfahren schafft, der bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn man beispielsweise ein Unglück nur knapp überlebt?

Bohlender: Bei dem Unfall in Warschau hat der links sitzende Flugkapitän mit einer schweren Rückenverletzung überlebt. Er ist ein halbes Jahr am Boden geblieben - und dann bis zu seiner Pensionierung geflogen.

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th50us 25.03.2015
1. Schnelle Reaktionen
Wer auch immer behauptet, die Piloten seien nur noch Knöpfchendrücker, weiß nicht, wofür die Piloten geschult werden. Beispiel: Ich selber hatte das Glück, während meines Ingenieur-Studiums einen Flug als "additional cockit-crew" mitmachen zu dürfen. Während des Anflugs auf München-Riem (es ist also schon etwas her) in eta 150 m Höhe, fing es plötzlich vorne an zu tuten, alles wurde gelb. Ich hatte mich gerade noch mit dem Kappitän unterhalten - der Copilot flog - da wurden beide aktiv. Während ich noch nicht realisiert hatte, was geschehen war, sprach der Kapitän bereits ins Mikro, der Co hatte von seinem System auf das des Kapitäns umgeschaltet. Seitdem habe ich hohen Respekt vor den Piloten: sie sind eben da, im richtigen Augenblick das Richtige zu tun. P.S: Das Problem war, dass man kurz vor unserer Landung das ILS-System abgeschaltet hatte, um die Bahn zu wechslen
st_anja 25.03.2015
2. risiko wie immer
Ich bin gestern abend mit Germanwings geflogen. Ich war froh, dass der Flug stattfand. Der Pilot, hörbar betroffen, meldete sich und erwähnte kurz den Vorfall und dass wir wohl alle mit gemischten Gefühlen in der Maschine sitzen. Er dankte den Passagieren, dass sie den Flug wahrgenommen haben und der Crew, dass sie sich bereit erklärt hätten, ihren Dienst anzutreten. Er bat die Passagiere die Crew nicht mit Fragen zu überhäufen. Sie wüssten auch nicht mehr. Ich fand es gut, dass der Pilot sich zu dem Thema meldete. ich sitze in der Woche mehrmals in einem Flugzeug und hatte nicht das Gefühl einem höheren Risiko als sonst ausgesetzt zu sein. Komisch war es nur heute kurz, als ich nach Barcelona flog, als wir in etwa über dem Absturzgebiet flogen. Das wars für mich aber. Als kurz vor der Landung das Flugzeug sehr schwankte, merkte man schon, dass die Passagiere nervöser waren als sonst. Grundsätzlich kann ich nachvollziehen, dass die Crew und die Piloten die anberaumten Flüge ausführen.
Off the records 25.03.2015
3. Nicht Nachvollziehbar
Als Pilot muss man doch eine stabile Psyche vorweisen, wie labil muss man sein um bei einem Absturz eines Flugzeuges der eigenen Fluglinie plötzlich nicht mehr in der Lage ist zu fliegen? Ich kann auch nicht nachvollziehen das manche Leute jetzt ihre Flüge auf andere Fluglinien umbuchen, haben die sich zuvor nie Gedanken um die Flugsicherheit gemacht? Wenn alle so übertrieben reagieren würden, würden die Leute dann auch plötzlich die Automarke wechseln nur weil ein PKW der eigenen Marke aus bislang ungeklärten Umständen einen Unfall hat?
j1958 25.03.2015
4. Gemischte Meinung
Wenn jemand einen Verwandten oder einen guten Freund bei dem Absturz verloren hat kann ich es verstehen, wenn man ein paar Tage Ruhe braucht. Man demoliert das Ansehen der Airline allerdings weiter - als gestern die Meldung kursierte dass Mitarbeiter nicht fliegen wollen hat doch jeder gedacht 'Na, wissen die mehr als wir?' Ich hoffe das bald die Ursache rauskommt um zur Ruhe zu kommen.
mathiasb 25.03.2015
5. Unfit to fly
Ich bin ja"nur" Busfahrer aber wenn ich mich nach jedem Unfall ,den ich leider auf der Straße sehe, nicht mehr fahrtüchtig melde komme ich ja nie mehr zum arbeiten. Es kann natürlich sein, da ich nur mit 48 Fahrgästen unterwegs bin ist mein Beruf nicht so anspruchsvoll. So schrecklich wie der Absturz der Maschine in Frankreich ist diese Gefühlsduselei von nicht Betroffenen geht mir schon sehr auf den Zeiger. In den Kriegen auf dieser Welt kommen jeden Tag Menschen um, auch Kinder und plötzlich sind alle schockiert wenn es uns passiert. Ja ja Syrien, Ukraine usw sind weit weg, was geht es uns an. Ich wünsche den Angehörigen der Opfer viel Kraft aber verschont mich mit diesem plötzlichen Mitleid.
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