Gesellschaft Angriff auf die bösen Jungs

Was tun mit raubenden, prügelnden, mordenden Kindern? In Glen Mills im US-Staat Pennsylvania wenden Erzieher neue, harte Methoden an, um den Gewalttätern die Regeln fürs normale Leben beizubringen. Vorbild für Deutschland? Von Thomas Darnstädt


In der Schule für Musterknaben gibt es Regeln für alle Fälle. "Wir stecken hier das Hemd in die Hose." "Wir tragen hier unseren Kamm in der Brusttasche." "Wir halten hier beim Sprechen Blickkontakt."

Niklas, 17, hat das Hemd in der Hose, den Kamm auf dem rechten Fleck ­ und wenn einer über den Rasen geht, blickt er ihn an und sagt freundlich: "Wir gehen hier auf den Wegen."

Ein Jahr haben sie gebraucht, bis sie den stämmigen Blonden aus Dortmund soweit hatten. Nun steht er da, ein Siegertyp, alles um ihn ist aufgeräumt.

In Dortmund wartet eine Lehrstelle als Koch auf ihn, er hilft den Damen aus dem Mantel und, wenn sich die Gelegenheit bietet, alten Mütterchen über die Hauptstraße.

Niklas, dieser Gangster. Ein gutes Jahr ist es her, da saß er im Jugendknast von Iserlohn bei den hoffnungslosen Fällen, weil er mit seiner Gang 16 Raubüberfälle durchgezogen hatte. Solchen Leuten geben die Jugendhelfer keine Chance: Über 90 Prozent ist die Rückfallquote. Verlorene Kinder.

Wo also ist er gewesen? Kann man Menschen so verwandeln?

Die Frage beschäftigt die ganze Branche. Sozialarbeiter, Jugendrichter, Experten aus dem Bonner Justizministerium haben sich auf den Weg gemacht, das Institut zur Verbesserung kleiner Monster zu besuchen.

Mit dem Auto über die Dörfer aus weißen Holzhäuschen, durchs milde Hügelland hinter Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania, einen Kontinent entfernt vom Muff deutscher Jugendämter: Da geht es nach Glen Mills.

Backsteinernes Traditionsgemäuer, Jugendstil, alles ist tipptopp wie frisch ausgepackt, als wäre es für die Kinder reicher Leute. Haben sie hier das Rezept gefunden für die erfolgreiche Behandlung hoffnungsloser Fälle, für den richtigen Umgang mit jugendlichen Gewalttätern?

Das ferne Internat für Nachwuchsverbrecher bietet auch einigen deutschen Jungs Plätze an. Zu Tagessätzen, die deutlich unter denen deutscher Jugendhaftanstalten liegen, werden hier böse Buben friedlich gemacht. Die Rückfallquote, wirbt Glen Mills, betrage allenfalls ein Drittel der deutschen.

Besucher verlassen die Anstalt dennoch mit gemischten Gefühlen. Pädagogen und Juristen schwanken zwischen Faszination und Empörung.

"Unbedingt nachmachen", empfiehlt der Bielefelder Gewaltforscher und Pädagogikprofessor Klaus Hurrelmann. "Gehirnwäsche", warnen Jugendschützer, sei das Geheimrezept von Glen Mills, jedenfalls sei es bedenklich, wenn nicht gar verfassungswidrig, junge Delinquenten einfach umerziehen zu wollen.

Seelen-McDonald's für kleine Menschen, giften Sozialarbeiter.

Die feine Firma in Pennsylvania gibt es seit Jahren. Und ihr Chef, Sam Ferrainola, ein Ex-Gangster aus Pittsburgh, hat Vorträge über seine Methoden überall in der Welt gehalten: wie er den haßerfüllten Kids "ihr Lächeln zurückgibt". Gute Zähne, guter Umgang, gutes Benehmen, gute Ausbildung, ganz einfach.

Die Deutschen hören erst hin, seit die Jugendgewalt hierzulande amerikanische Ausmaße angenommen hat. Nun gibt es sogar einen Verein ­ "German Mills" ­, der Zöglinge wie Niklas zu Ferrainola vermittelt. Und unter umständlichen deutschen Bezeichnungen ­ "Anti-Aggressivitäts-Training" ­ machen Glen-Mills-Methoden in deutschen Städten Schule.

Was hilft noch gegen die Saat der Gewalt in den Städten, die kleinen Monster auf deutschen Schulhöfen, die Gangs, die raubend und prügelnd durch die Vorstädte ziehen? Bedenken zählen neuerdings nur noch die Hälfte, keine Reise scheint zu weit auf der Suche nach neuen Rezepten.

So offenkundig hilflos sind die traditionellen Instanzen der deutschen Jugendhilfe gegenüber den kleinen Arschlöchern. Die Schule? Wird plattgemacht. Sozialarbeiter? Werden ausgelacht. Jugendrichter? Sollen früher aufstehen.

Die Zahl der Gewalttäter unter Kindern und Jugendlichen hat sich seit 1985 verdreifacht. Selbst auf dem platten Land in Schleswig-Holstein sind 60 Prozent der Räuber jünger als 21. Ein harter Kern von mittlerweile 15 Prozent der Kids zwischen 10 und 17, so schätzt Forscher Hurrelmann, werde "mit schweren Formen der Gewalt" auffällig. Die Übergriffe, sagt der Experte, hätten immer öfter "filmreife Qualität".

Soziale Desintegration, Massenarbeitslosigkeit, Langeweile als Lebensperspektive: "Die Fieberkurve der Gesellschaft", sagt der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer, zeichne sich im rapiden Anstieg der Kinder- und Jugend-Delinquenz ab. Die Gewaltkurve wird immer steiler. Um fast 20 Prozent stieg die Zahl der deutschen Raubverdächtigen unter 18 in den alten Bundesländern allein 1997.

Der Staat, der sich die Sorge für Schutz und Erziehung seiner Jüngsten ins Grundgesetz geschrieben hat, gibt schwierige Kinder und Jugendliche mittlerweile auf wie alte Autos. Die kaputten Kids bleiben am Straßenrand liegen, als Straßenkinder bevölkern sie die Bahnhofsviertel. Oder die Obrigkeit setzt sie, wenn sie keinen deutschen Paß haben, in der Fremde aus, wie im vergangenen Jahr den kriminellen Münchner Jungtürken Mehmet, damals 14.

"Wir stehen hilflos da", räumte der liberale Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig ein, als er noch im Amt war. Die Nachfolger sind nicht klüger. "Wir haben zu lange über die Ursachen der Kriminalität nachgedacht und zuwenig über deren Bekämpfung", sagt Kanzler Gerhard Schröder. Seine SPD hat ein "Bündnis gegen Gewalt" angekündigt.

Um bitte was in etwa zu tun?

Das Land mit der größten Richterdichte der Welt hat weder Methoden noch Ideen, was etwa mit Heitem geschehen soll, der über Monate mit Raubüberfällen, Gewalttaten, Messerstechereien die Kölner Polizei in Atem gehalten hat.

Heitem hat das Schicksal vieler Großstadtkinder. Seine Mutter muß arbeiten, seinen Vater kennt er nicht. Er lebt praktisch auf der Straße. Die Polizei, die den Knaben allenfalls ein paar Stunden festhalten kann, wandte sich, weil er noch nicht mal 14 war, hilfesuchend ans Jugendamt.

Doch die Jugendhelfer wissen auch nicht, wohin mit rabiaten Kindern. Geschlossene Heime gibt es kaum noch. Also wandte sich das Jugendamt hilfesuchend an die Kinderpsychiatrie.

Die Kölner Kinderpsychiatrie ist keine Verwahranstalt für kleine Monster, schon weil die Wände viel zu dünn sind: "Der tritt einmal gegen unsere Rigipswand, dann ist der wieder draußen", erläuterte ein Pfleger in der "Frankfurter Rundschau".

Die Jugendpsychiatrie in Viersen hat dickere Wände. Und der Jugendamtmann in Köln beschloß, dem Terrorknaben "endlich eine Grenze" zu setzen.

Das Kind wurde, an Händen und Füßen angeschnallt, in einen Rettungswagen geschoben und per Sondereinsatz nach Viersen gefahren. Und endlich, endlich hatten die Grenzensetzer vom Jugendamt ihr Ziel erreicht: Heitem, das böse Kind, heulte. Einen Tag später war er wieder draußen, kurz darauf überfiel er mit seiner Bande einen Zwölfjährigen und schlug ihn zusammen.

"Wir kämpfen hier nicht." ­ "Wir lügen hier nicht." ­ "Wir nehmen hier niemandem seine Würde." ­ "Wir geben hier zu, wenn wir etwas falsch gemacht haben." ­ "Wir rauchen hier nicht im Büro der Krankenschwester."

Glen Mills, Lektion eins: positiv sein.

Große Tafeln, eine Spalte für jeden Schüler, registrieren in den Wohnblocks der Jungs den Stand der Dinge. Positivpunkte und Negativpunkte für jeden Zögling. Positiv ist grün, negativ ist rot, rote Punkte fressen grüne Punkte.

Es gibt hier keine Gitter, keine Schlösser oder Zäune auf dem elf Hektar großen Areal von Glen Mills, auch keine richtigen Strafen. Aber es gibt ein dichtes Geflecht von Normen für gutes Leben, Normen, wie sie ein halbwegs glücklicher US-amerikanischer Mittelstandsbürger in einem der vielen kleinen Holzhäuschen schon immer hochgehalten hat.

Den Normen kommt keiner aus. Die Gruppe sorgt für ihre Durchsetzung. Die Kids verkünden bei Normbruch die Strafen: Tausendmal schreibst du "Wir verleihen und leihen hier keine Sachen." Und wenn du das nicht pünktlich lieferst, verdoppelt sich die Strafe.

Die Gruppe ist positiv: Das ist der Trick. "Die Jungs sind ja nicht schlecht", sagt Sam Ferrainola, der alte Patriarch mit dem vergnügt-tyrannischen Kinderblick, "sie waren nur in schlechter Gesellschaft und haben sich darum falsch entschieden."

Ferrainola hat seine Erfahrungen als Bandenmitglied weiterverarbeitet als Professor für Pädagogik an der Uni, und nun zwingt er seinen Jungs eine Gegengesellschaft auf: "Um akzeptiert zu werden, befolgen sie die Normen und Anforderungen ihrer Gruppe. Und das tun sie, seien die Anforderungen nun kriminell oder legal."

Die Gruppen, das sind Wohneinheiten in den Häusern mit den klingenden Namen amerikanischer Erfolgsmenschen wie Abraham Lincoln. Die Gruppe verleiht Macht und Ansehen wie im richtigen Leben: Wer positiv ist, kann Rang und Privilegien in der Gruppenhierarchie erlangen, Mitglied im "Bulls-Club" werden oder gar als Oberbulle eine Art Schulsprecher.

Schnell, bedrohlich schnell macht sich die Gruppe Neuankömmlinge gefügig. Protokoll eines Aufnahmeritus:

George aus Baltimore, ein Schwarzer, ein Brutalo und Chef einer Vorstadt-Gang, tritt auf, das gerade ausgehändigte Körperpflegeset noch unter dem Arm: "Glotzt nicht so blöd, ihr Weicheier."

Mike aus der Gruppe zeigt sich beleidigt. Er fordert George auf, sich zu entschuldigen. George fixiert den körperlich Unterlegenen: "In Baltimore fliegt so was wie du ins Hafenbecken." Mike: "Du drohst mir, Mann, das ist ein verdammter Fehler."

Mittlerweile stehen vier Jugendliche um den Neuen. "Was bildest du dir ein?" ­ "Ich fühle mich mißachtet." ­ "Du hast mir meine Würde genommen!"

George: "Ja spinnt ihr alle? Was wollt ihr? Verpißt euch!"

Jetzt stehen 20 um ihn herum. George hat im Rücken die Wand. Die Jungen beginnen leise zu schimpfen, werden immer lauter: "Am Arsch sollen wir dich lecken, komm, Bulle, zeig ihn her!" ­ Laut, leise, freundlich, boshaft, ein Gewitter.

Ein Pädagoge beendet die Konfrontation: "George, du hast alle beleidigt. Hol deine Klamotten und geh."

Er wird in ein anderes Haus gebracht. Dort ist der Gruppenleiter bereits telefonisch informiert und begrüßt ihn: "Du hast ziemlichen Ärger gehabt. Nun sei erst mal willkommen." George ist irritiert und erleichtert. Er steckt in einer Normenkrise.

Ein paar Wochen weiter, und Typen wie George sind so positiv drauf, daß sie anfangen zu dichten. In der Schulzeitung werden die schönsten Ergebnisse gedruckt. Student William schreibt:

Die Idee unserer Liebe

bleibt in meinem Herzen

und ich habe schon gebetet

daß du mich niemals verlassen wirst.

Der amerikanische Traum, alles wird gut. Der Glaube an die Machbarkeit des guten Lebens wird Ferrainolas Kindern den ganzen Tag lang nahegebracht. So ein Tag beginnt morgens um halb sieben und endet um 23 Uhr, wenn alle ganz fertig von den guten Lehren in ihre Betten fallen.

Glen Mills bietet Schulabschlüsse auf jedem Niveau ­ für die meisten Zöglinge geht es darum, erst mal lesen und schreiben zu lernen. Die Sportmannschaften des Internats kassieren überall im Lande bei Wettkämpfen die begehrtesten Trophäen. In den Lehrwerkstätten der Schule wird so präzise gearbeitet, daß New Yorker Modefirmen hier fertigen lassen.

"Alles, was ich im Leben Gutes erfahren habe, verdanke ich Glen Mills. Es war der erste Platz, an dem ich mich sicher fühlte": Das Bekenntnis des Ferrainola-Schülers Robert Rivera veröffentlichte die "New York Times". Und René aus Bremen, der auch in Glen Mills landete, redet nicht viel anders: "Wir sind hier alle auf einem Weg, den wir nicht mehr verlassen."

René ist auch als "student of the month" im Bulls-Magazin abgebildet. Er hat seine Lehre in der Töpferwerkstatt mit einer Lehmbüste von Papa Ferrainola gekrönt.

Die Büste bleibt da, der Zögling ist zurück in Bremen. Der beglückte Patriarch spendierte ihm ein Steinmetzstipendium.

Ein bißchen dicke ist das schon. Aber die Büste dient nun als Beweisstück für Ferrainolas Credo: "In den Jungs steckt alles drin." Dichter oder Bildhauer ­ "man muß es nur herausholen".

Seine "ressourcenorientierte" Erziehung hält Ferrainola dem traditionellen Erziehungskonzept der Alten Welt entgegen, das er bissig das "klinische Modell" nennt: Die Jugendhilfe stelle auf die delinquente, defizitäre Persönlichkeit der kleinen Gangster ab. Das erfordere "den teuren Einsatz von Sozialarbeitern und Therapeuten, geschlossenen Einrichtungen, Aufsicht und Zwang".

"Diese Leute", schnaubt der Alte, "zerstören unsere Kinder."

Die Zerstörung läuft systematisch und mit großem Einsatz an Personal. Die dunklen Regeln, die der Klientel im Laufe vieler Jahre hineingeprügelt worden sind, betet der Gefängnisdirektor Hans-Jürgen Eger aus Hameln mit leiser, erbitterter Stimme herunter: "Kannst nichts. Taugst nichts. Wollen dich nicht. Brauchen dich nicht. Lieben dich nicht."

325 Leute braucht Eger, um die 630 kaputten Kids hinter der sechs Meter hohen Mauer bewachen zu lassen. Um es ordentlich zu machen, sagt Eger, müßte er etwa 170 Leute mehr haben ­ "aber wenn ich das in meinem Ministerium erzähle, erklären die mich für verrückt".

Was kann Eger denn seinen Oberen auch anbieten fürs Geld? Jeder weiß, daß der Knast gewalttätige Jugendliche gewalttätiger, nicht friedlicher macht. "Die Jugendstrafe erzieht nicht zum rechtschaffenen Lebenswandel, sondern sie verstärkt abweichendes Verhalten", lehrt der Jugendkriminologe Horst Schüler-Springorum.

Darum ist es eine richtige Drohung, was Eger hervorstößt: "Alle Insassen werden entlassen." Irgendwann.

Trotzdem: Egers Knast, der sich rühmt, der modernste Europas zu sein, brummt. Es ist viel zu voll hier. Die Welle der Neueingänge ist kaum zu verkraften. "In der Gesellschaft gibt es halt einen Bewußtseinswandel zugunsten härterer Maßnahmen ­ und der setzt sich in den Köpfen der Richter fort", sagt der Direktor.

Den Trend zur Härte bekam Christian, 14, zu spüren. Er ist der Jüngste hinter der Sechs-Meter-Mauer und nur als Untersuchungshäftling hier. Die Sonne wirft durchs Fenster ein kariertes Muster auf den weißen Teller mit Essensresten in seiner Zelle. Als U-Häftling wird man viel herumgeschoben. Drum hat er keine bunten Mädchen an den Wänden.

Aber ansonsten: "Gar nicht so schlecht hier." Enten paddeln im Wassergraben an der Gefängnismauer, und vor dem Fenster aalen sich Katzen in der Sonne. Man kann sie beim Freigang sogar streicheln.

Bis er 14 war, also strafmündig wurde, haben sie ihn gewähren lassen ­ jahrelang. Körperverletzung, Raubüberfälle, Straßenkarriere. Draußen mußte er vor niemandem Angst haben, nicht mal vor den Russengangs: "Ich bin mit den Türken verbündet." Bei den gängigen Auseinandersetzungen zwischen Türken- und Russengangs bleiben die Türken meistens Sieger.

Christian kann sich nicht an seine Eltern erinnern, "sie sind tot", sagt er. Aufgewachsen ist er unter der Obhut von Jugendbeamten und Pflegeeltern. Die Schule ist mit ihm nicht fertig geworden, die Sozialarbeiter haben ihn aus den Augen verloren, irgendwann ist er am Bahnhof in Hannover untergetaucht.

Nun sitzt er, endlich 14, das karierte Muster der Sonnenstrahlen durchs Gitterfenster auf dem Kindergesicht. Ein Richter hat "Härte gezeigt". Und für Christian ist klar, wie es hier drinnen jetzt weitergeht: "Ich bin hier mit den Türken verbündet."

Es ist gar nicht gesagt, daß Christian wirklich eine Haftstrafe bekommt. Ratlose Richter stecken kleine Monster in U-Haft, um denen endlich mal einen Schrecken einzujagen. Und wenn man den Wissenschaftlern folgt, die seit Jahren die Wirkungen des Jugendstrafrechts auf die Delinquenten untersuchen, dann ist es auch ganz egal, welche Strafe Christian schließlich bekommt.

Kriminologen wie der Tübinger Professor Jürgen Kerner vertreten die These von der "Gleichwirkung" der Sanktionen. Was auch immer man mit einem jugendlichen Delinquenten anstelle, so die kurze Zusammenfassung, es bringe alles gleich viel. Nämlich: nichts, ergänzen manche von Kerners Kollegen.

Kerners Zahlen jedenfalls sind entmutigend. Von denen, die unter 20 schon einmal eingesperrt waren, so das schwarze Fazit, sind 92,2 Prozent binnen fünf Jahren nach der Entlassung rückfällig geworden. 76,6 Prozent langten erneut so schwer zu, daß sie wieder in den Bau mußten.

Christian, der kleine Blonde mit den bösen Fäusten, kann tun, was er will: Vor Kerners Statistik ist er verloren.

Verlorene Kinder ­ daß es so etwas geben könnte, hat manche Kriminologen nicht etwa entsetzt, es hat sie beflügelt. Wenn man die unverbesserlichen Übeltäter, die Früchtchen, rechtzeitig heraussuchen und wegsperren könnte, so die Idee, würde die Welt vielleicht besser.

Die Früchtchen-Theorie hat ihren Ursprung nahe Glen Mills, in Philadelphia. Da untersuchten Kriminologen die Verbrechenskarrieren von fast 30 000 Jugendlichen und kamen in den Siebzigern zu einem verblüffenden Ergebnis: Fast drei Viertel aller Raub- und Tötungsdelikte wurden von einem kleinen harten Kern von sechs Prozent der jugendlichen Täter begangen, Früchtchen wie Christian eben, den "chronic offenders".

In bundesdeutschen Landeskriminalämtern machten sich Experten auf die Suche nach "Intensivtätern" und nach Rastern, sie rechtzeitig herauszusieben. In Großbritannien entwickelten Kriminologen alsbald ein Computerprogramm fürs Kinderscreening, um schon unter den Siebenjährigen die künftigen Berufsverbrecher entdecken zu können.

Das Problem: Ob einer sich zum Intensivtäter entwickelt, weiß man erst, wenn er es schon ist. Bis heute haben die Kriminologen keine seriöse Theorie anbieten können, die es erlaubt, einem Kind anzusehen, ob es ein Früchtchen wird. Und international renommierte Experten wie der Tübinger Kerner sind sicher, daß das auch nicht geht.

Die Früchtchen-Theorie ist in den Köpfen all derer, die ­ wozu es auch immer gut sein soll ­ fürs Einsperren plädieren. Die Münchner CSU-Regierung plant eine "flächendeckende Erweiterung bestehender Einrichtungen um eine geschlossene Abteilung" für Minderjährige. In ihrem "Positionspapier zur inneren Sicherheit" schlug auch die SPD schon "geschlossene Heime" für Jugendliche vor, "die durch hochgradig kriminelles Verhalten auffallen".

Doch wen will man wann dahinschicken ­ und vor allem: wie lange?

Ob einer ein Früchtchen wird, ob er wie der Darmstädter Jugendamtsschreck Christopher 160 Raubtaten begeht, bevor er zum teuren Abenteuerurlaub nach Argentinien geschickt wird, entscheidet sich von Fall zu Fall neu. Und wie es sich entscheidet, hängt von den Leuten ab, die mit ihm zu tun haben. Das sind selten seine Eltern, meistens seine Freunde; und fast immer eine experimentierfreudige Anzahl von Sozialarbeitern, Pädagogen und Jugendrichtern.

Hardcore-Jugendliche", sagt Petra Guder, 38, seien ihr Geschäft. Und sie habe, natürlich, "auch Totschläger im Programm".

Dafür ist sie in ganz Deutschland unterwegs, erreichbar überhaupt nur im Auto über Handy, ständig auf Achse für die schwierige Kundschaft. Die Sozialarbeiterin wirbt, vermittelt und betreut in Deutschland schwere Jungs für Glen Mills.

Ihr Auftraggeber ist der Verein "German Mills", der aus engagierten Jugendrichtern, Sozialarbeitern und Professoren besteht. Der Verein hat ein Abkommen mit dem Glen-Mills-Patron Ferrainola und kassiert für seine Bemühungen bei Jugendhilfe und Justiz. 15 Betten in Glen Mills sind ständig mit deutschen Jungs belegt.

Petra Guder sieht mit gegelten schwarzen Haaren, grellroten Lippen und ihrem dynamisch schwarzen Hosenanzug jedenfalls nicht so aus, wie sich die Amerikaner deutsche Sozialarbeiter mit ihrem Helferlook vorstellen. Und sie redet auch nicht so.

Jugendämter, sagt sie, sollten wie jede anständige Firma mal "ordentliche Zielvereinbarungen" machen, Maßeinheiten für den Nutzen der eigenen Aktivitäten entwickeln und mit den Kosten vergleichen, die sie verursachen. "Total quality management" eben.

Zielgruppenorientiert macht sich die Sozialarbeiterin Guder, im Schlepptau Experten aus Glen Mills, in die deutschen Jugendknäste auf und wählt aus: Mehrfachauffällige, gruppenorientierte Gewalttäter mit brauchbarem Intelligenzquotienten können sich melden, keine Psychopathen, keine Sexualtäter, keine Heroinsüchtigen.

"Wenn wir kommen", sagt Frau Guder, "stehen die Jungs auf der Matte und fragen: Kann ich mit?"

Jeder Bewerber muß einen etwa zweistündigen Test bestehen. Und die Besten unter den Bösen werden, wenn der Richter es genehmigt und die Justiz es bezahlt, von Frau Guder an die Hand genommen und in der Holzklasse nach Amerika geflogen. "Am Anfang muß man sich um die Kandidaten kümmern, die können ja meistens kein Wort Englisch."

Er habe "erst mal kein Wort verstanden", sagt Niklas, als er die Neue Welt von Glen Mills betrat. Im Fernsehraum mußte er am Anfang mit dem Rücken zum TV-Gerät sitzen. Dafür sagten ihm jeden Abend die Mitschüler geduldig einer nach dem anderen die Normen auf, auf englisch natürlich. Die erste Norm, die er verstand, erzählt Niklas, war: "No graffiti."

"Wir gehen hier nicht ohne Erlaubnis in das Administrationsgebäude." ­ "Wir lachen hier nicht in der Gruppe." ­ "Wir stellen hier die Fernseher vor dem Schlafengehen aus." ­ "Wir haben hier unsere Betten um 8.30 Uhr fertig." ­ "Wir schreiben hier nicht auf Möbeln ohne Unterlage." ­ "Wir reden hier nicht, wenn wir Schlange stehen."

Glen Mills, Lektion zwei: der Apparat.

Es macht Spaß, Diktator zu sein. Ferrainola schnürt durch die Waschräume und kontrolliert die Spiegel über den Waschbecken: "Ein Wasserfleck genügt", sagt er fröhlich, "und ich flippe aus."

Ferrainola flippt nicht aus, es gibt keine Flecken in Glen Mills. Die Tische in der Bibliothek sind 14 Jahre alt. Sie sehen aus, als wären sie noch nie benutzt worden.

Alle blicken allen in die Augen und heben, wenn sie einander begegnen, die Hand zum Gruß: "Hi, how do you do?" Alles ist wie aufgezogen, alles klappt.

In weißen Elektrowagen, wie man sie vom Golfplatz kennt, fahren die 350 Angestellten auf dem Riesenareal zwischen den rund 1000 Studenten herum, abrupt bremsend, wenn es gilt, eine widernatürliche Zigarettenkippe vom Weg aufzulesen. Die Angestellten haben mit ihren Familien in einer eigenen Siedlung auf dem Internatsgelände ihr Zuhause mit Schwimmbad und Bowlingbahn. Sie verdienen wenig und sind praktisch immer im Dienst.

"Total quality management", würde Petra Guder sagen, die hier auch ein Apartment besitzt. Und tatsächlich hat sich Ferrainola Unternehmensberater und Wirtschaftsmanager ins Haus geholt.

Das Management des charismatischen Direktors bestand am Anfang im wesentlichen aus Rausschmeißen: "Ich habe, als ich das Institut übernahm, alle Sozialarbeiter weggeschickt und alle Security-Leute auch."

Glen Mills war, bevor Ferrainola kam, eine Kinderquälanstalt. Die Wohnhäuser und Schulgebäude waren mit unterirdischen Tunnels verbunden, durch die die Gefangenen gebückt von Haus zu Haus getrieben wurden. So bekamen sie zwar keine frische Luft ab, dafür aber sparte man sich eine Mauer um die Anlage.

Menschen statt Mauern: Heute können sich die Schüler völlig frei bewegen. Aber es kommt nur ganz selten vor, daß der diensthabende Erzieher nicht weiß, welchen Schritt ein Schützling gerade tut.

Ferrainola reißt die Klassentür auf, 30 wilde Kerle sitzen da und buchstabieren die amerikanischen Bundesstaaten. "Welches ist die schönste Schule der Welt?" fragt der Alte in den Klassenraum mit leiser, listiger Stimme.

"Glen-Mills-School."

"Lauter..."

"Glen-Mills-School!"

"Lauter."

"Glen-Mills-School!!!"

"Ich bin der Direktor. Ich kann hier machen, was ich will. Denn jeder weiß: Ich liebe meine Jungs." Er tätschelt sie tatsächlich am Kopf. Direktors Löwendressur.

Die Leute von Glen Mills sind keine Sozialarbeiter, keine Wachleute, keine Pädagogen und schon gar keine Juristen. Sie sind irgendwie alles zusammen.

Die Stellenbeschreibung lautet: "Sportlich, hilfsbereit, zuverlässig, nicht einzuschüchtern". Die Hälfte der Mitarbeiter sind Handwerker, manche waren Profisportler, auch ehemalige Gangleader aus Chicago finden sich hier. Sie alle müssen sich der Philosophie der Menschenverbesserung bedingungslos unterwerfen. Ferrainola sagt: "Warum soll ich Leute beschäftigen, die alles kritisieren?"

Hier geht keiner so raus, wie er reinkommt. "Wir schieben hier den Stuhl unter den Tisch, wenn wir aufstehen", lautet die Norm. Nur drei Monate habe es gedauert, berichtet Gruppenleiter Jack, bis er auch zu Hause beim Aufstehen den Stuhl unter den Tisch geschoben habe.

Ferrainolas Firma ist eine Art Großversuch über Unternehmenskultur mit überaus schwierigen Versuchskaninchen. Frau Guder, die auch noch Betriebswirtschaft für öffentliche Unternehmen studiert hat, drückt das so aus: "Ziel ist die Kongruenz von formeller und informeller Normstruktur."

In jeder Firma gibt es ein Set von Normen, an denen sich die Mitarbeiter orientieren, ohne daß sie in irgendeinem Arbeitsvertrag stehen. Diese Normen entstehen von selbst in der Kantine, in den Klos und auf den Gängen. Und je stärker die informellen Normen von den offiziellen Regeln der Geschäftsführung abweichen, desto schlechter läuft der Laden. Alles klar?

Ferrainolas Apparat basiert auf einem totalitären Normensystem: Es gilt für alle, es gilt von selbst, und es gibt nichts außer den Normen, die es gibt.

Alles, was geeignet wäre, Gegennormen wachsen zu lassen, ist strengstens verboten. Gruppenbildung außerhalb des offiziellen Bulls-Club ist verboten. Schmuck und Kleidung, die Zugehörigkeit zu Cliquen signalisieren könnten, sind verboten. Alles Zwischenmenschliche ist suspekt. Glen-Mills-Norm: "Wir können hier keine Freundschaften durch dick und dünn gebrauchen."

Sam Ferrainolas Neue Welt ist ein menschlicher und sozialer Reinraum: "Klinisch subkulturfrei." Wer aus der Firma wieder herauskommt, ist ein total ordentlich tickender Durchschnittsmensch. Das "Marketingprodukt", sagt Frau Guder, sei "Entstigmatisierung und Habilitation delinquenter Jugendlicher".

Das Uhrwerk läuft so glatt, daß es wenig braucht. Verglichen mit deutschen Heimen ist der Personaleinsatz bescheiden, in den Gruppen schnurrt die Selbstkontrolle. Die guten Jungs produzieren im internen Wettbewerb (Internatsziel: "beste Schule der Nation") hochwertige Produkte, die sich gut verkaufen lassen.

Die Einnahmen fließen so reichlich, daß Ferrainola eine perfekt ausgerüstete Sporthalle und die schickste Arena weit und breit bauen lassen konnte: "Das haben wir alles selbst verdient", sagt der Chef.

"Die erwirtschaften ein Vermögen in Glen Mills", weiß Dagmar Vieten-Groß, Jugendrichterin aus Dortmund, die natürlich auch Mitglied im Verein "German Mills" ist. Und natürlich drängt sich da für Petra Guder "der Gedanke geradezu auf, ob sich das Modell nicht auch auf deutsche Gegebenheiten übertragen läßt".

Der German-Mills-Verein hat es immerhin schon geschafft, Ferrainola die Ehrendoktorwürde der Fachhochschule von Lüneburg zu verschaffen.

Und die Aktiven schauen eifersüchtig auf die Niederlande, wo in der Nähe von Deventer mit staatlicher Förderung auf einem ehemaligen Militärgelände das erste europäische Glen Mills entsteht: In Deutschland ist so etwas vorerst nicht drin. So totalitär, blauäugig und hemdsärmelig, würde man in Glen Mills sagen, "machen wir hier in Deutschland keine Jugendarbeit".

Die deutsche Jugendhilfe ist wahrscheinlich ein Sauhaufen, sie läßt ihre Klientel verkommen, ist desorganisiert und hält verbissen an den Erziehungsidealen der siebziger Jahre fest. Aber nicht einmal das kann man mit Sicherheit sagen.

Niemand hat einen Überblick, niemand kennt Zahlen oder Quoten. Die Fürsorgeleute entziehen sich seit Jahrzehnten jeder Beurteilung.

Die Streitmacht zur Rettung gewalttätiger Jugendlicher und verwahrloster Kinder sitzt verteilt in den ärmlichsten Ecken der deutschen Rathäuser, in den Hinterzimmern karitativer Einrichtungen, in den Wohnbüros gutwilliger Selbsthilfeinitiativen. Dazwischen wieseln geschäftstüchtige Privatunternehmer mit Blitzangeboten fürs Familienmanagement herum. Keiner weiß, was der andere macht, was das Ganze kostet, was es bringt ­ oder schadet.

Das größte gesellschaftliche Problem an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ist nicht die Mafia, sind nicht die Ausländer, es sind die verlorenen, hilflosen, brutalen Kinder und Jugendlichen und ihre meist gleichaltrigen Opfer. Seine Lösung wurde herunterdelegiert auf die unterste Ebene, zu den Kommunen und freien Trägern der Wohlfahrt, dorthin, wo es weder politische Verantwortung noch Geld gibt.

Was Forscher der Uni Tübingen, ausgestattet mit Geld aus dem Bundesfamilienministerium, in den Aktenschränken von Jugendämtern entdeckten, ist entmutigend.

284 Jugendamtsakten, eine Stichprobe aus drei alten Bundesländern, filzten die Experten. Die Bilanz: Nur in gut der Hälfte der Fälle trafen die Prüfer auf "Mindeststandards" fachlicher Jugendarbeit.

Sie stießen auf Akten wie die über einen Jungen, der 13 Jahre lang in einem Heim untergebracht war. Über die ersten 8 Jahre findet sich überhaupt nichts in den Behördenunterlagen. Dann einige Aktenvermerke, dann das Kündigungsschreiben der wirtschaftlichen Jugendhilfe, das war's.

Die Wurstelei der Jugendhelfer, kritisiert der Bremer Professor für Sozialpädagogik Jürgen Blandow, "reproduziert das, was sie zu bekämpfen vorgibt". Im hilflosen Wunsch, zu helfen, "vernachlässigen sie vitale Bedürfnisse von schwierigen Kindern und Jugendlichen: nach Sicherheit, Eindeutigkeit und Überschaubarkeit".

Das Netz öffentlicher Fürsorge ist ein Gestrüpp, das Kinder verschlingt. Je heftiger sie zappeln, desto mehr verstricken sie sich. "Mangelhaft ausgestattete und schlecht funktionierende Jugendhilfeeinrichtungen", kritisiert der Leipziger Sozialpädagogikprofessor Christian von Wolffersdorff, wüßten sich nur dadurch zu helfen, daß sie die schwierigen Jugendlichen in Heime abschieben, wo sie auf noch schwierigere Jugendliche treffen.

Dort sind die Experten dann ebenfalls schnell überfordert und wissen sich nur dadurch zu helfen, daß sie die schwierigsten Fälle weiter abschieben in wieder andere Einrichtungen, wo die Bräuche noch härter sind und zufällig ein Platz frei ist. So geht das immer weiter, die Opfer landen schließlich in der Psychiatrie oder auf der Straße.

Hanna Permien vom Deutschen Jugendinstitut in München ist monatelang Berliner Straßenkindern hinterhergestiegen, um ihre traurigen Geschichten zu rekonstruieren. Die Expertin kommt zu dem Ergebnis, daß ein großer Teil der Kinder durch die Schuld der Jugendämter auf der Straße ist.

Mit ihrem Hin und Her hätten die Behörden die Kinder ganz verrückt gemacht: "Einer Phase der Verharmlosung" ihrer Probleme sei nicht selten "eine Phase massiver Intervention" gefolgt ­ und umgekehrt: ein "fatales Ineinandergreifen unzureichender Hilfsangebote".

Außer "guter Absicht" sei da nichts gewesen: "Konfliktlinien zwischen den Fachkräften", "segmentierte Verantwortlichkeiten in den Abteilungen" hätten verhindert, daß den Kindern, die oft schon im Kindergarten, dann in der Schule aus der Bahn geworfen worden seien, geholfen werde.

Bis zu 15 Fachleute, so stellte Permien fest, doktern an einem Straßenkind herum, oftmals ohne voneinander zu wissen.

Von Glen Mills lernen: Die deutsche Jugendhilfe, sagt der Bielefelder Gewaltforscher Hurrelmann, müsse sich als Dienstleistungsapparat vollkommen neu organisieren: streng zweckrational und ergebnisorientiert. "Das Chaos der obrigkeitlichen Fürsorge" müsse ein Ende haben.

Das Versagen der Jugendhilfe wiegt um so schwerer, weil die beiden anderen Hilfstruppen der Gesellschaft sich hilflos zeigen: die Lehrer und die Juristen.

Die Schulen ruhen sich großenteils noch immer auf einer Tradition der Unzuständigkeit aus. Fürs Wissen, nicht fürs Wohl der Kinder seien die Lehrer da.

Dieser ignorante Lehrsatz fußt in Deutschland auf der Bildungseuphorie der siebziger Jahre. Die Idee, gleiche Lernchancen für Kinder aller Schichten zu organisieren, war faszinierend genug, alle Ressourcen der Schule fürs Lernen zu binden.

Die Schulgesetze der Länder wurden seitdem so umgeschrieben, daß selbst erziehungsbewußte Pädagogen kaum noch über Mittel verfügen, aufsässige Schüler zur Räson zu bringen. Der Pauker, der zur Hofaufsicht eingeteilt ist, wurde zur Lachnummer. In einer Bremer Schule haben sie schon für die große Pause bewaffnete Beamte vom nahe gelegenen Polizeirevier für den Ordnungsdienst bestellt.

Doch auch zu Hause fand sich immer seltener jemand, der die Erziehung der Kinder übernehmen konnte. Massenarbeitslosigkeit und soziale Not ließen Familien zerbrechen. "Die Eltern als Instanz zur Vermittlung gesellschaftlicher Spielregeln fallen immer häufiger aus", registriert der Pädagoge Hurrelmann.

Die Kinder, die das nicht beherrschen, was Hurrelmann "die Spielregeln fürs normale Leben" nennt, die schließlich aggressiv und gewalttätig werden, sortiert das Schulsystem aus. Erst kommen sie in die Sonderschule, wenn sie dort zuviel stören, werden sie, wie das in den modernen Schulgesetzen heißt, vom "weiteren Schulbesuch dauerhaft beurlaubt".

Von Glen Mills lernen: "Die Spielregeln der Mehrheitsgesellschaft", sagt Hurrelmann, werden Ferrainolas Jungs beigebimst, das sei die Kompensation für kaputte Elternhäuser. Das sei "das amerikanische Geheimnis": Normen setzen und darüber reden.

Als Agentur der Gesellschaft zur Durchsetzung der Regeln des richtigen Lebens fungiert hierzulande allein die Justiz. Und das sei auch gut so, sagt Jürgen Fröhlich, 54, Jugendrichter am Amtsgericht in Frankfurt am Main: "Den Pädagogen fehlt die Verbindlichkeit, wir aber können anordnen."

Erziehung ist nicht. Fröhlich, ein Jurist, der von Anwälten wie Richterkollegen gleichermaßen als vorbildlicher Richter anerkannt ist, beharrt darauf: "Früher wollten Richter bessere Menschen machen. Aber man muß sich darauf zurücknehmen, die Jugendlichen von weiteren Straftaten abzuhalten." Rechtsstaatlichkeit, Verhältnismäßigkeit, Tatangemessenheit ­ das seien, sagt Fröhlich, seine Maximen.

Heribert Ostendorf, Jugendstrafrechtler und ehemals Generalstaatsanwalt in Schleswig-Holstein, sieht es so ähnlich: "Wir bestrafen nicht, um zu resozialisieren, sondern wenn wir bestrafen müssen, versuchen wir auch zu resozialisieren."

Doch da die Resozialisierung fast nie gelingt, stellt sich die Frage, wozu dann die Jugendjustiz gut sein soll. Es bleiben allein Sühne und Abschreckung.

"Normverdeutlichung" nennt Fröhlich das: "Wir, die Gesellschaft, sagen dir: Das lassen wir nicht zu, was du da machst."

Die Justiz ist ein Riese mit dicken Fingern: Der droht, aber macht nichts deutlich. Für schnelle Reaktionen gegen die Attacken der jungen Gewalttäter ist der Apparat viel zu groß. "Es stellt sich die Frage nach dem Sinn des Unternehmens", gibt Ostendorf zu bedenken, "wenn sechs Monate und später erst die Reaktion auf die Tat folgt."

Mit der eigenen Langsamkeit plagt sich die Jugendjustiz allerorten. "Unterbesetzung", klagt der Hamburger Jugendrichter Joachim Katz, sei schuld. Doch es gibt in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zu viele Richter, nicht zu wenige. Nach Ansicht von Fröhlich liegt es an der Konstruktion des Ermittlungsapparats.

Von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt zum Amtsgericht kann man sich notfalls mit lautem Rufen verständigen, es steht da alles dicht beisammen. Doch manchmal dauert es mehr als zwei Monate, bis eine Akte für Fröhlich diesen kurzen Weg genommen hat.

Erfolgreicher, weil schneller, ist da oft die Polizei mit eigenen Konzepten. Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Roters etwa bot nach New Yorker Vorbild als erster "Mitternachtsbasketball" für gelangweilte Jugendgangs an. Hamburgs Polizeiinspekteur Wolfgang Sielaff verblüffte die Justiz der Hansestadt mit einer altmodischen Art von Selbstjustiz: Polizisten klingeln schon am nächsten Tag bei den meist ahnungslosen Eltern raubverdächtiger Jungen und machen richtig Stunk.

Diese Art der "Normverdeutlichung" hilft offenbar. Im Herbst 1998 meldete Sielaff, die Zahl der Raubüberfälle unter Jugendlichen sei gegenüber dem Vorjahr um fast die Hälfte zurückgegangen.

In Stuttgart plant die Polizeiführung ein "Haus des Jugendrechts". Vorbild ist der Midtown Community Court in New York.

Kleine Rechtsbrecher, die ihre Taten zugeben, werden in Manhattan durch eine Art gesellschaftlicher Schnellwaschanlage geschoben.

Gleich nach der Festnahme geht es zum Computer. Alle Sozial-, Gesundheits- und Justizdaten des Delinquenten werden abgerufen, abgeglichen, aktualisiert. Welche Behandlung für den Täter die richtige ist, ergibt sich so meist schon am Bildschirm.

Zwei Räume weiter, im Gerichtssaal, gibt es schnell ein Urteil, dann ab zur Arbeitsvermittlung, aus der Suppenküche zwischendrin eine Hühnersuppe, bei Bedarf eine Mütze voll Schlaf oder auch Akupunktur. Mediziner, Sozialberater, Juristen, alle stehen bereit. Die Schnellstrafe wird noch am selben Tag vollstreckt: Putzdienst im Gericht, Heckenschneiden im Park, Graffiti-Beseitigung auf der Straße ­ egal was, nur: sofort.

Mancher Kleinkriminelle kommt da, abends verurteilt, verarztet, geläutert und mit einem neuen Job nach Hause.

Ganz und gar unmöglich. Rechtsstaat, Datenschutz, Gewaltenteilung, das halbe Grundgesetz steht solchen fixen Lösungen in Deutschland entgegen.

Aber ein bißchen Manhattan könnte es schon sein. Der ehemalige Stuttgarter Polizeichef Volker Haas, der das "Haus des Jugendrechts" initiiert hat, verspricht sich viel davon, Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Jugendhelfer für die schnelle Allround-Behandlung junger Krimineller zusammenzuspannen.

Ein Urteil, ein Arbeitsplatz, eine Therapie, eine Entschuldigung beim Opfer der Tat. "Binnen weniger Tage", so Haas, müßte das auch in Deutschland zu schaffen sein.

Der Charme solcher Experimente liegt im Bruch mit einer traditionellen Gewaltenteilung. Die Schule bildet, die Fürsorge erzieht, die Richter bestrafen. Jeder für sich, ohne Rücksicht auf das Ergebnis.

Doch diese Gewaltenteilung dient nicht dem Schutz der Bürger, sie schützt die Protagonisten vor ihren eigenen Mißerfolgen, sie ist Voraussetzung für das Spiel von Unzuständigkeit und Verantwortungslosigkeit.

Mühsam, aber immerhin versuchen die Mutigen der Branche traditionelle Grenzen zu überwinden. Der Versuch, randalierende Schüler mitsamt ihrer Klasse und ihrem Klassenlehrer zu behandeln, wird in München vorangetrieben.

Für knapp über tausend Mark bietet dort das erzbischöfliche Jugendamt mehrtägige Seminare im Grünen ­ Schüler und Lehrer aus Problemklassen lernen da, warum es bei ihnen knallt und wie sich das gruppendynamisch verhindern läßt.

Die Kirchenleute bieten zudem Kurse für Konfliktschlichter unter den Schülern an. Konfliktschlichtung versuchen auch andere Schulen mittlerweile: Ältere Mitschüler werden trainiert, in der großen Pause für Deeskalation zu sorgen.

Nach dem Vorbild des niederländischen Jugendhilfeprogramms "Instap" planen Sozialhilfeexperten vom "Rauhen Haus" in Hamburg in mehreren Städten eine Art Jugendhilfe-SEK: Professionelle Helferteams stürzen sich für ein paar Monate auf Problem-Kids und organisieren für sie vor Ort ein selbsttragendes Netzwerk von Fachleuten aus Jugendhilfe, Sozialverwaltung, Justiz, Schule und Polizei.

Die Welt ist voller Ideen, läßt man nur einmal die asketische These auf sich beruhen, daß der Zweck staatlicher Strafe nicht die Erziehung sein dürfe und der Zweck der staatlichen Erziehung nicht die Verbesserung des Menschen. Glen Mills, sagt der Pädagogikprofessor Hurrelmann, erinnere nicht zufällig "an ein sehr gutes Internat". Dabei ist es ja eigentlich ein Knast ohne Mauern. Oder nicht doch eher eine Art nach innen geschlossenes Heim für Schwererziehbare?

Glen Mills, das ist das Unheimliche an dieser Firma, ist nichts von dem ­ und dient zugleich der Erziehung, der Strafe und der Menschenverbesserung. Das Amerikanische daran: Kein Mensch hat sich darüber je Gedanken gemacht.

"Wir spielen hier nicht mit den Händen, wenn wir Feedback kriegen." ­ "Wir machen hier keine Gesten und Grimassen in der Gruppe." ­ "Wir akzeptieren hier Konfrontation." ­ "Wir bilden hier keine Subgruppen." ­ "Wir gehen nicht durch die Mitarbeitertür."

Glen Mills, Lektion drei: die Methoden.

Wer etwas werden will in Glen Mills, muß sich umtun. 14 Tage lang täglich mindestens 17 Normverstöße monieren, registrieren und vom Übeltäter gegenzeichnen lassen. So wird man "Bull".

Das Spiel mit den gegenseitigen Beschuldigungen hat seine Grundlagen in der psychoanalytischen Schule, die der Wiener Pädagoge Fritz Redl schon in den vierziger Jahren in seinem Heim für gewalttätige Kinder im US-amerikanischen Detroit probierte.

Aufbauend auf den Lehren der Anna Freud, isolierte Redl bei seinen kleinen Monstern das "delinquente Ich", das larmoyant und verlogen ständig Strategien entwickelt, wie ein Übeltäter vor sich selbst bestehen kann.

In seinem Standardwerk über "Kinder, die hassen" ­ mit drei Jahrzehnten Verspätung auch in den Bücherschränken deutscher Sozialpädagogen ­ entwickelt Redl über 20 Strategien, das "delinquente Ich" zu zertrümmern.

Ein paar davon werden täglich auf dem Campus von Glen Mills ausprobiert ­ in netter Form. Die "sieben Stufen der Konfrontation" gehören zum Grundgesetz der Anstalt, von der "freundlichen Geste" bis zur körperlichen Unterwerfung (siehe Kasten). Sie könnten das Leben auf manchem Schulhof und in mancher Familie schlagartig verändern.

Jeden Morgen zwischen neun und zehn Uhr gibt es wahre Konfrontationsgewitter ­ da ist "heißer Stuhl". Das ist schlimmer als Gottesdienst und Beichte zusammen.

Alle Sünden müssen raus. Einer aus der Gruppe muß seine Geschichte erzählen, wie er lebt, was er angestellt hat, was er erreichen möchte. Die anderen, etwa 15, die um ihn sitzen, machen ihn ein bißchen fertig: "Erzähl doch keine Scheiße, lüg hier nicht rum. Was bildest du dir ein, wer bist du eigentlich? Das kannst du doch nicht machen."

Wenn einer losheult, ist Pause.

Der Gruppenleiter, ständiger Betreuer und meist auch Trainer der Wohngruppe, moderiert und provoziert, darf aber nicht befragt oder gar beschimpft werden.

Am Schluß beschließt die Gruppe eine Sanktion, die der Gruppenleiter genehmigen muß. Das kann der Verlust von Privilegien sein oder eine Strafarbeit.

Niklas aus Dortmund hatte zugeben müssen, daß er Zigaretten verschenkt hatte ("Wir verschenken hier nichts"). Das kostete ihn den Rang als "Bull".

Nicht nur die Zerstörung des "delinquenten Ich", auch die Nivellierung eines schädlichen Wir soll in den täglichen Gruppensitzungen erreicht werden. Gruppenstrukturen, wie sie sich nahezu unvermeidlich in jedem Heim, in jedem Knast, in jeder Wohngruppe bilden, blockieren pädagogische Erfolge und verfestigen delinquentes Verhalten.

Die Stunde von neun bis zehn ­ Tag für Tag ­, das, sagt Niklas, sei "voll das Härteste in Glen Mills". Soll es ja auch.

Die wilden Kerle von der Frankfurter Ahornstraße galten mal als die gefährlichsten der Republik. Raubende Jugendbanden, brennende Autowracks, Steinhagel auf Polizeiwagen, schließlich ein erschossener 19jähriger: Szenen, die das Bild der "Frankfurter Bronx" prägten, eines sozialen Brennpunkts im Kleinbürger-Stadtteil Griesheim.

Seit sich Polizei und Sozialarbeiter intensiv um die Bewohner in den Schlichtwohnungsblocks kümmern, ist es immerhin friedlicher geworden. Gartenzwerge zieren manche Vorgärten, einer herzt eine Ente, einer spielt Ziehharmonika.

Doch die grinsende Keramik täuscht nur notdürftig darüber hinweg, daß die Stimmung in der Gegend um die Ahornstraße instabil ist. Fast 40 Prozent der Bewohner leben von der Sozialhilfe, mehr als 70 Prozent der Jugendlichen hier haben keinen deutschen Paß, fast ein Drittel sind Fälle für die Jugendgerichtshilfe.

Gegen das häßliche Gewerbegebiet kommen tausend Gartenzwerge nicht an. Von den Höfen der Speditionsunternehmer dröhnen und pesten die rangierenden Lastzüge. An den Straßenrändern gammeln Autowracks. Es gibt mehr Schrottplätze hier als Spielplätze.

Wer sich an dem Bürobau aus tristem Waschbeton vorbeidrückt und über den Hof spaziert, gelangt in einen weißgetünchten Schuppen. Da steht es groß an der Wand: "Wir sprechen hier höflich und ruhig miteinander."­ "Müll gehört in den Behälter." ­ "Keine Gewalt." ­ "Niemand wird ausgelacht." Und: "Akzeptiere immer die Konfrontation."

Insgesamt 20 Normen stehen an der Wand, und auch: "Sechs Stufen der Konfrontation", von "Erstens freundliche Geste" bis "Sechstens Support".

Glen Mills in Frankfurt-Griesheim. Es gibt auch eine Punkte-Liste: rote Punkte für Normverstöße, grüne für gute Leistungen. Ein roter frißt drei grüne, jeden Tag Punktebesprechung.

Der Schuppen auf dem Hinterhof gehört der Caritas, die hier, am sozialen Brennpunkt, mit Methoden aus der Neuen Welt Frieden bringen will. Der Pädagoge Stefan Schanzenbächer, 33, betreut Jungs aus der Gegend um die Ahornstraße, die mehrfach als Gewalttäter verurteilt wurden.

Mit Go-Karts, den kleinen kinderleichten Rennwagen, lockt Schanzenbächer die Kids in seinen Schuppen, dann werden Verträge gemacht: Wer hier mitmacht und regelmäßig kommt, darf Go-Kart fahren.

Wer sich den Gruppennormen unterwirft, bekommt Schulunterricht, etwas zu essen. Die Besten dürfen in der Werkstatt unter Aufsicht von Kfz-Mechanikern an kleinen Rennwagen herumbasteln.

Die Jungs aus der Ahornstraße sitzen im Kreis, ein paar Sozialpädagogen dabei, ebenso "Co-Trainer", das sind ehemalige Gewalttäter, die nun auf der guten Seite mithelfen dürfen. Einer aus der Runde der Delinquenten muß auf den "heißen Stuhl" in der Mitte. Die um ihn herum haben die Aufgabe, ihn auf die Palme zu bringen.

Dazu konfrontieren sie den Gewalttäter mit seinen eigenen Verbrechen, mit seinen Fehlern, machen sich über seine Ausreden lustig, über seine Rechtfertigungsversuche fallen sie her: ein Generalangriff auf das "delinquente Ich". Der Täter bekommt einen Mordsschreck vor sich selbst.

Wie war das, als du zugestochen hast? Hast du den Türken rechts geschlitzt oder links? Was war das für ein Geräusch, als ihm das Messer in den Leib fuhr? Hat er geschrien? Was hat er geschrien? Kam gleich Blut? Los, gib's zu, du kannst kein Blut sehen. Dir ist übel geworden. Sag was, Mensch. Du stinkst aus dem Mund. Lüg doch nicht. Also: Hat er geschrien?

So etwa, zwei geschlagene Stunden lang. Der Kreis rückt immer enger zusammen. Der Delinquent wird angefaßt, die Brille wird ihm von der Nase gerissen.

Wenn einer es nicht mehr aushält, kann er "stopp" sagen. Dann ist sofort Ruhe. Aber er ist dann ein Verlierer.

Der Caritas-Mann, ein Verfechter der neuen "konfrontativen Pädagogik", ist selber in die Ahornstraße gezogen. Nun wohnt er, wie Ferrainola, mitten unter seinen Jungs, zählt die Zwerge in den Vorgärten ("Es werden immer mehr") und sammelt Erfolge von der Straße auf. Ermahnt ein Türkenjunge den anderen: "Wir reden hier ruhig und freundlich miteinander."

Die Ideen von Glen Mills hat Jens Weidner in Deutschland eingeschleppt, ein Sozialpädagoge mit Lehrstuhl in Hamburg. Der blonde, sanfte Gewaltexperte hat selbst eine Lehrzeit bei Ferrainola verbracht und gilt mittlerweile in Deutschland als der Guru vom heißen Stuhl.

Der Professor ist ständig unterwegs, den Kollegen die Methoden fürs Anti-Aggressivitäts-Training beizubringen. Beim Frankfurter Institut für Sozialarbeit gibt er Kurse, wo Sozialpädagogen wie Schanzenbächer das Einmaleins der Provokation lernen: "Wir bieten den Schlägern die Konfrontation, die sie immer gesucht haben."

Weidners heiße Stühle stehen mittlerweile nicht nur in Frankfurt-Griesheim. Überall machen sich freie Träger der Jugendhilfe auf und organisieren das Training nach Weidners Rezept. Am Bodensee, in Rüsselsheim, in Hamburg. Sogar in einer Bochumer Schule haben sie es schon versucht. Und der Professor spornt seine Trainer an: "Es muß richtig krachen."

"So'n Scheißgelaber, was du hier von dir gibst, das ja da Hamma." So klingt das in Elmshorn, einem gewaltgeplagten Städtchen im Kreis Pinneberg. Auf dem heißen Stuhl sitzt Kai, 22, Punkfrisur, zwei Katzen, Ringe in der Nase, Jugendstrafe wegen versuchten Totschlags.

Die Angriffe der Trainer richten sich gegen Punk-Kai, weil der soeben eine eher dümmliche Nummer gebracht hat. Kai hat aus dem Entschuldigungsbrief vorgelesen, den er im Auftrag der Gruppe an sein Opfer schreiben mußte.

Der reuige Kai schrieb: "Nichts für ungut, hätte ja schlimmer für Dich ausgehen können."

Hätte schon. Kai hat den 14jährigen ­ "weil der meine Freundin angemacht hat" ­ auf dem Jahrmarkt verprügelt und ihn dann mit dem Kopf dermaßen gegen eine Hauswand geknallt, daß die Ärzte um sein Leben fürchten mußten. "Ich habe ihm eine geditscht", heißt das in Kais Sprache.

Der Junge widerspricht den Beschimpfungen nicht. Er duckt sich auf dem Stuhl, unter den Sätzen des Teams, dann der entscheidende Vorstoß: Ein Trainer packt Kai am Arm.

"Ja nicht anfassen", hatte der Kandidat die Trainer im Elmshorner Jugendhilfeverein extra gewarnt. Anfassen ist für ihn das schlimmste. "Da knall' ich euch eine", da fliegt die Faust ins Gesicht des Gegenüber schneller, als er denken kann.

Kai geht nicht hoch. Er weiß, nein, er fühlt: Er kann alles sagen, und niemand wird es ihm übelnehmen. Nur darf er seine Faust nicht erheben. Er will da durch.

"Man wird da schon richtig niedergemacht", sagt er hinterher, "aber ich halte das aus." Wenn er ein Jahr gewaltfrei war, darf er selbst konfrontieren: als Co-Trainer sogar für ein paar Mark Honorar.

Die kleine Mansardenwohnung ist holzgetäfelt, Polster überall, Polster auf dem Sofa, selbst der Klodeckel ist bunt gepolstert. Nippes in den Regalen, Zitronenbonbons auf dem Tisch. "Willste 'n Karamalz?" fragt Mario.

Danke. Lieber die Geschichte, wie du die Spielhalle überfallen hast.

Also: "Kurz vor elf war ich der letzte Kunde. Mütze übern Kopf, mit der Waffe rumgefuchtelt."

Was hast du gesagt?

"Na, was sagt man, Hände hoch, Klappe halten, Geld her."

Eine Stunde später schon hatten sie ihn. Neun Monate U-Haft, dann fünfeinhalb Jahre Jugendstrafe.

Nur noch die Tätowierungen erinnern an Marios unbürgerliche Vergangenheit. Heute lebt er in dem Städtchen am Rande des Harz in einem Fachwerkhaus unterm Dach mit Freundin und Hund und Malzbier. Er lernt Kraftfahrer ­ "damit mein Sohn mal sagen kann, mein Vater ist Berufskraftfahrer".

Alles wird gut, im wesentlichen wegen Jens Weidner. Dem Professor verdankt Mario, daß er "diese Wut los ist". Eine Art Jähzorn sei das gewesen, "ich spüre noch heute, wenn das kommt".

Und dann? "Totlabern statt totschlagen."

Das ist einer von Weidners smarten Sprüchen, und Mario kann labern ohne Ende. Er kann so gut reden, daß er schon bei Margarete Schreinemakers im Fernsehen aufgetreten ist. Der ideale Kandidat für Talkshows: "Man merkt, daß man die Leute mit Labern auf die Palme bringen kann."

Mario hat Weidners Anti-Aggressivitäts-Training im Jugendknast von Hameln mitgemacht. Dort probierte der Wissenschaftler seine Glen-Mills-Erfahrung erstmals aus. "Der heiße Stuhl", erinnert sich der junge Mann, "das ist die Katastrophe. Die können einen da verrückt machen."

"Die fassen dir ins Gesicht, die ziehen dich an der Nase." Manchen Jugendrichtern wie dem Hamburger Joachim Katz geht so etwas zu weit. "Der Persönlichkeitskern", sagt Katz, werde von solcher Pädagogik angekratzt.

Ach was, sagt Mario, es sei ja alles freiwillig. "Und hinterher gab es immer Kaffee und Kuchen."

Kaffee und Kekse gibt es im Hamelner Knast immer noch. Da treffen sich in dem mit Sofas und Sesseln möblierten Gruppenraum dienstags ab 16 Uhr lauter nette Jungs, um über ihre Schandtaten zu reden.

Da sitzt Kerem, 20, den Kaffeetopf in der Hand: Die Belegschaft einer ganzen Getränkefirma hat er als Geiseln genommen, um an den Tresor mit dem Lohngeld zu kommen. Mit dem MEK haben sie ihn herausgeholt, wie einen Terroristen.

Kekse knabbernd: Stefan, 19, aus Vechta. Ein milder blonder Schmalhans. Seine Opfer hat er mit dem Schraubenzieher niedergestochen.

Kerem, er fungiert in der Gruppe als Tutor, macht Toast im Toaströster vor: hopst immer hoch, weil er schön braun geröstet ist. Stefan und ein Mithäftling bedienen ­ Jiep-jiep-Geräusch ­ die quietschende Drucktaste des imaginären überdimensionalen Toaströsters.

Knackis am Rande des Nervenzusammenbruchs. Das Psychologenteam Michael Heilemann und Gabriele Fischwasser-von Proeck rollen Direktor Egers Haftanstalt von innen auf: "Jeder Tag, an dem hier nichts passiert", sagt Heilemann selbstbewußt, "ist für die Gesellschaft ein verlorener Tag."

Die Knacki-Knacker machen in Hameln Furore, die Kandidaten für das Training stehen hinter Gittern Schlange. Anti-Aggressivitäts-Training haben Heilemann und Fischwasser-von Proeck zu einem Allround-Programm für Gewalttäter ausgebaut.

Von Glen Mills gelernt? Ach was, "weltweit einzigartig", freut sich der eloquente Heilemann, sei das Programm: "Ein Generalangriff auf die Identität der Täter." Wer sich seinem Programm stelle, verspricht der Psychologe, dem mache er "mit dem Skalpell" seiner Methoden an der Persönlichkeit herum, "aus notorischen Gewalttätern werden Friedensapostel".

Die Psychologen wollen alles anders machen, als es immer gemacht wurde: "Nicht die Veränderung der Lebensumwelten ist der Hauptauftrag der Prävention, sondern die Veränderung des Machtanspruchs des Täters." Der Täter, so Heilemann, soll einen "Ekel vor Gewalt" bekommen, souverän werden und schließlich als "Friedensbringer" in Freiheit Streit schlichten.

Die wöchentlichen Sitzungen mit meist acht Teilnehmern beginnen mit Lockerungsübungen wie etwa einem "Antiblamier-Training" ­ dazu gehört auch das Toaster-Spiel. In der "Konfrontationsphase" geht es dann auf den obligatorischen heißen Stuhl.

Weiter im Programm: Heilemanns Agenten nehmen Kontakt mit den Opfern oder ihren Angehörigen auf. Die sollen den Tätern Aufgaben stellen oder auf Tonband sprechen, wie es ihnen heute geht. Totschlägern unter seinen Klienten gibt Heilemann schon mal auf, den Freigang für Grabpflege zu nutzen.

In inszenierten Provokationen sollen die Jungs lernen, auch bei ungerechtester Behandlung richtig zu reagieren: weglaufen statt zuschlagen.

Während des Freigangs, nach der Entlassung sogar, geht der Streß weiter. Heilemann nimmt seine Jungs in Hardcore-Kneipen mit, in Türken-Discos, überallhin, wo es nach Gewalt riecht. "Als Body-guards und Streitverhinderer".

Zwei, drei Brutalos unterm Arm, erscheinen die Gewaltexperten immer häufiger bei Fernsehdiskussionen, sogar beim Bundespräsidenten waren sie neulich. Dort ­ auch das gehört zum Programm ­ geben die Ex-Schläger öffentlich Bekenntnisse gegen Gewalt ab.

Der Kurs dauert acht Monate, maximal 8 der 630 Knackis von Hameln können daran teilnehmen. "Gerne drei oder vier Kurse", sagt Gefängnischef Eger, würde er veranstalten. Aber so viele Heilemänner gibt es eben nicht.

Der einzige Heilemann arbeitet an ständig neuen Konzepten. Der ganze Jugendstrafvollzug, strahlt der Psychologe, sei "ein großer Irrtum": Das Personal sei der Meinung, es leiste Dienst am Täter. In Wahrheit gehe es um "Dienst am Opfer".

Der Täter, lehrt Heilemann, "ist nicht mein Kunde, er ist mein Produkt". Das Produkt müsse "massiv eingekerkert werden", damit es schnell und willig unter das Messer des Psychiaters kommt.

Von 125 Produkten, die er in der Gesellschaft wieder abgeliefert hat, seien nur vier erneut vor Gericht gebracht worden: "Aber sie wurden freigesprochen." Und dabei waren es doch, prahlt Heilemann, "die Härtesten der Harten".

Niklas, der Netteste der Harten, ist wieder da. Die schönen Tage von Glen Mills sind vorüber. Es regnet, und es ist kalt in Dortmund.

Frau Guder, nicht das Jugendamt, nicht das Arbeitsamt, hat ihm eine Lehrstelle als Koch beschafft. Sie hat einen Restaurant-Führer genommen und die Läden einfach durchtelefoniert, bis es klappte.

Die Lehrstelle ist er schon wieder los. Dafür hat er jetzt einen großen Hund und einen tiefergelegten Manta, "damit ich auch mit 90 durch die Kurven komme".

Wir fahren hier nicht mit 90 durch die Kurven.

Niklas zieht zum Schutz gegen den Regen den Kopf zwischen die Schultern und rettet sich ins Trockene, Warme, Helle zu McDonald's im Bahnhof.

Hier ist das Leben beleuchtet, klar und freundlich und eindeutig. Bei McDonald's wird alles quadratisch, praktisch eingepackt. Wir werfen hier keine Cola-Becher in die Ecke, wir werfen sie hier in die bereitstehenden Müllboxen. Wir rauchen hier nicht an den Nichtraucher-Tischen. Alle Flecken werden hier pausenlos weggewischt.

Glen Mills, wenn man es nur sucht, ist überall.

DER SPIEGEL 12/1999
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