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Die Neuen Alten Revolution ohne Rollstuhl

2. Teil: Sie sollten Krach machen und schreien: "Wir sind da!"

"Die Neuen Alten sind in der Regel gebildeter als die Generation zuvor", berichtet Irmingard Schewe-Gerigk, rentenpolitische und ehemals altenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, SPIEGEL ONLINE. "Nach einem langen Arbeitsleben wollen sie die neue Freiheit nutzen, um endlich das zu tun, was sie sich schon immer gewünscht haben." Allerdings gelte dabei die Regel: "Das positive Alter tritt nur ein, wenn in jungen Jahren viel dafür getan wurde."

Dank medizinischem Fortschritt, besserer Ernährung und einer Menge anderer Faktoren leben Menschen in Deutschland heute über 30 Jahre länger als noch vor 100 Jahren. Die Folgen sind bekannt: Bei insgesamt sinkender Bevölkerungszahl wird bis zum Jahr 2030 jeder dritte Bundesbürger älter als 60 Jahre sein. Und schon jetzt steht fest: In der dräuenden Geronto-Republik wird sich einiges ändern müssen.

Laut Altenbericht der Bundesregierung engagieren sich schon heute 32 Prozent aller 65- bis 74-Jährigen freiwillig - Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen freuen sich über jede Menge ehrenamtlich schuftender Mitarbeiter. "Dieses bürgerliche Engagement der Älteren ist äußerst effektiv", weiß Peter Zeman vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin. Eine Entlohnung spiele dabei keine wesentliche Rolle, im Gegenteil: "Diese Menschen engagieren sich, weil sie sich verpflichtet fühlen. Gerade die Freiwilligkeit ist entscheidend für diese neue Form der Verpflichtungsethik", sagte Zeman SPIEGEL ONLINE.

Doch was ist mit jenen, die sich auch im Alter den Luxus einer solchen Selbstverwirklichung nicht leisten können? Mit jenen, die ihre körperliche Fitness dazu nutzen, putzen gehen, um die Miete bezahlen zu können? Diese "armen Alten" sind für kaum jemanden von Interesse.

Die Wirtschaft wirft ihr Auge auf die "Grampies", die "Growing retired active moneyed people in an excellent state", wie sie im angloamerikanischen Raum heißen – aktive, gesunde und wohlhabende Rentner, die alles im Überfluss besitzen. In Deutschland haben sie Milliarden von Euro angespart und sind bereit, sie auch auszugeben. Deshalb steigt die "gefühlte Präsenz" der Alten als Zielgruppe im Werbefernsehen durchaus an.

Auf gesellschaftspolitischem Parkett hingegen wartet man auf den lauten Donnerhall der Alten. Die "Grauen" müssen sich nach einem Spendenskandal auflösen und als Generationenpartei erst einmal neu erfinden. Berlin gönnt sich zwar ein sogenanntes Seniorenmitwirkungsgesetz und in jedem Bezirk eine Seniorenvertretung – spürbaren Neuerungen lassen jedoch auf sich warten.

Noch schlimmer sieht es bei den kranken Alten aus: "Sie leben wie hinter einer Mauer mit ihren Gebrechen und Problemen", sagt Inge Dethleffs. "Die Jungen und Gesunden werfen einen Blick über die Mauer und erschrecken sich, weil sie der eigenen Vergänglichkeit in die Augen gesehen haben."

Die Bundesregierung hat längst verstanden, dass das Altersbild der Deutschen noch immer negativ geprägt ist und die Potenziale der "Best Agers" weitgehend ungenutzt bleiben. Initiativen wie "Erfahrung ist Zukunft" propagieren das "Aktive Altern" und setzen auf enge Kooperationen mit Partnern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Als besonders beunruhigend empfunden wird die Tatsache, dass im Alter von 55 bis 64 Jahren heute nur noch vier von zehn Menschen überhaupt arbeiten. Die Rezepte? "Vorruhestandsanreize" beseitigen, das Renteneintrittsalter erhöhen und die "Arbeitsfähigkeit bis zur Rente" gewährleisten. Von lebenslangem Lernen und einer "demografiesensiblen Unternehmenskultur" ist die Rede.

Der Initiativkreis "30, 40, 50plus – Älterwerden in Beschäftigung" fordert, nicht nur der Arbeitsplatz, sondern die Arbeit selbst müsse altengerecht werden. Aus dem Beruf ausgeschiedene Profis sollen als Senior-Trainer jungen Unternehmern helfen, am Markt zu bestehen.

Ob solche Vorstöße zu einer größeren Präsenz der Alten in der Gesellschaft beitragen werden, ist schwer zu prognostizieren. Inge Dethlefs aus Sylt würden drastische Mittel gefallen: "Alle Alten, die noch halbwegs mobil sind, sollten mit Rollstühlen, Gehwagen und Stöcken losmarschieren und in allen Städten der Republik demonstrieren. Sie sollten Krach machen und schreien: "Wir sind da!"

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