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22.05.2008
 

Ehrenmord an Morsal O.

"Was hat ihn nur so weit gebracht?"

Von Barbara Hans

Mehr als 20 Mal stach Ahmad O. auf seine Schwester ein - weil sie nicht nach seinen Vorstellungen lebte. Die Frauenrechtlerin Seyran Ates fordert jetzt, die deutsche Gesellschaft müsse vehement gegen solche Ehrenmorde vorgehen: "Ein Mädchen ist keine Hure, wenn sie ausgeht."

Hamburg - Morsal war 16, ein lebenslustiges Mädchen. Sie hat viel gelacht, galt als engagiert. Sie war eine gute Schülerin, hatte viele Ambitionen - und noch viel vor in ihrem Leben. Doch in der Nacht zum vergangenen Freitag wurde Morsal getötet. Mehr als 20 Mal stach ihr Bruder Ahmad mit einem Messer auf sie ein - unter einem Vorwand und mit Hilfe eines Cousins hatte er seine Schwester zu einem Parkplatz in der Nähe eines U-Bahnhofes gelockt.

Festgenommener Ahmad O.: "Vielleicht hat er es aus Liebe getan"
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DPA

Festgenommener Ahmad O.: "Vielleicht hat er es aus Liebe getan"

Unter vier Augen hätte sich Morsal wohl nicht abends mit Ahmad getroffen: Die beiden sprachen schon seit geraumer Zeit nicht mehr miteinander, immer wieder hatte Ahmad seine Schwester bedroht, zuletzt hatte sie Zuflucht in einer Einrichtung der Hamburger Kinder- und Jugendhilfe gesucht.

Mehr als eine Stunde kämpften die Notärzte in der Nacht um Morsals Leben. Vergeblich. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Eltern des Mädchens eilten zum Tatort, doch sie durften ihrer Tochter nicht beistehen, weil sie in dem Trubel ihre Personalausweise zu Hause vergessen hatten.

Morsal starb allein.

"Meine Schwestern sind meine Sterne" - sagte er nach der Tat

"Vielleicht hat er es aus Liebe getan", sagt Morsals Cousine Mujda, wenn man sie fragt, warum Ahmad in jener Nacht auf seine Schwester eingestochen hat. Mujda O. hat SPIEGEL TV nach der Tat ein ausführliches Interview gegeben, über die Tat und mögliche Motive ihres Cousins geredet. "Wir haben ja noch mit ihm gesprochen und er hat gesagt: 'Meine Schwestern sind meine Sterne.' Bevor seiner Schwester etwas passiert, sollte sie lieber weg sein. Der letzte Satz, den wir von ihm gehört haben, war, dass er seine Schwester geliebt hat." Seine Schwester Morsal, auf die er einstach, obwohl sie schrie, um Hilfe flehte.

Es war nicht das erste Mal, dass Ahmad wegen seiner Gewalttätigkeit auffiel: Bei der Polizei war er als Intensivtäter bekannt, immer wieder kam es zu Schlägereien, Messerstechereien. Auch Morsal hatte ihren Bruder schon bei der Polizei angezeigt, die Anzeige aber wieder zurückgezogen.

Morsal selbst habe "einfach mehr Freiheiten haben wollen", sagt ihre Cousine im Interview und ihr Blick geht ins Leere. Morsal habe ihr eigenes Leben führen wollen und nicht das, was ihre Eltern für sie vorgesehen hatten. "Sie hat eigentlich sehr viel Freiheit bekommen, meiner Meinung nach. Sie hat sich Piercings machen lassen, beispielsweise. Die Eltern haben nichts dazu gesagt. Sie konnte anziehen, was sie wollte - aber eben nicht in einem Minirock zur Schule gehen."

"Jetzt reicht es. Das ist unsere Tochter" - sagten die Eltern

Morsal hat versucht, ihre Grenzen auszutesten - die waren zu Hause teilweise sehr eng. Für Morsal waren sie zu eng. Auch wenn sich die 16-Jährige wie ein westliches Mädchen kleidete, mit engen Jeans und bunten Shirts.

Immer wieder gibt es Streit, weil sie sich zu stark schminkt, abends nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kommt, sich im Zimmer einschließt, zu wenig für die Schule lernt, die falschen Freunde hat. Ahmad sieht sich in der Pflicht, auf seine jüngere Schwester aufzupassen. Er kontrolliert und beobachtet Morsal. Er habe sich Sorgen gemacht, sagt die Cousine. Kann er selbst kein Auge auf Morsal richten, sorgt ein anderes Mitglied der Großfamilie dafür, dass ihr Verhalten nicht unbeobachtet bleibt. Cousins, Großcousins, Onkel und Tanten, das Netz ist eng - und es ist groß.

Doch Morsal wehrt sich gegen die Enge. Sie schafft es, dass Ahmad kaum noch in ihre Nähe kommen darf, spricht nicht mehr mit ihm. "Er hat es jedes Mal wieder versucht und ist gescheitert. Auch weil die Eltern irgendwann eingegriffen und gesagt haben, 'Jetzt reicht es, das ist unsere Tochter'", sagt die Cousine im Interview.

Doch der Ärger reißt nicht ab, Morsal zieht schließlich in eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Ihr Lebensstil, ihre Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung sind mit den Vorstellungen ihrer Familie nicht vereinbar. Ahmad seien die Traditionen sehr wichtig gewesen, er habe nicht gewollt, dass Morsal von morgens bis abends unterwegs ist, sagt die Cousine. "Er hat sich Sorgen gemacht, wenn er nicht wusste, wo seine Schwester ist. Er wollte nicht um ein Uhr nachts einen Anruf bekommen und hören, seine Schwester liege verprügelt auf der Straße. Mit so etwas hat er gerechnet", versucht sie zu erklären, was auch sie so recht nicht verstehen kann.

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