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Ehrenmord an Morsal O. "Was hat ihn nur so weit gebracht?"

2. Teil: "Ich hasse ihn", sagt Ahmads Mutter

Laut einer Uno-Studie werden jährlich rund 5000 Frauen weltweit Opfer von "Ehrenmorden", die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher liegen. Von Januar 1996 bis Juli 2005 sind allein in Deutschland 55 Ehrenmorde polizeilich bekannt geworden. Die Erfassung des Verbrechens ist schwierig: es gibt keine polizeiliche Definition.

Ehrenmorde in Deutschland
48 Menschen wurden seit 1996 in Deutschland Opfer von sogenannten "Ehrenmorden" - das ergab im Mai 2006 eine Untersuchung des Bundeskriminalamts (BKA). 36 der Opfer waren Frauen. Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der "aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden".
Die meisten Fälle spielten sich in türkischen Familien ab. Die Täter waren zumeist Väter, Brüder oder Mütter der Opfer. "Blutrache-Delikte", die sich aus ähnlichen Motiven auch gegen nicht verwandte Opfer richten, gingen nicht in die Untersuchung ein.

"Wir müssen aufhören, von 'sogenannten Ehrenmorden' zu sprechen", sagt die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates SPIEGEL ONLINE. "Die gibt es nicht. Es sind nicht 'sogenannte' Ehrenmorde, sondern schlicht und einfach Ehrenmorde. Dieser Ehrbegriff fußt auf der sexuellen Nicht-Selbstbestimmung der Frau. Das bedeutet: kein Sex vor der Ehe, kein Freund." Wenn sich ein Mädchen oder eine junge Frau nicht daran halte, werde sie "als Schandfleck angesehen - und muss getötet werden, um die Ehre wieder herzustellen".

Die Ehre kann mit dem Blut der "Schuldigen" reingewaschen werden. "Der Ehrbegriff, der den Ehrenmorden zugrunde liegt, hat nichts mit dem westlichen Verständnis gemein", sagt Ates. "Man kommt ihm nur bei, indem man ihn offen ablehnt. Das muss den Kindern schon in der Schule beigebracht werden: Dieser Ehrbegriff ist menschenverachtend. Wir müssen innerhalb der Gesellschaft viel größere Zeichen setzen. Wir müssen deutlich vermitteln: 'Wenn ihr so denkt, dann seid ihr im falschen Jahrhundert. Dann verstoßt ihr gegen den Rechtsstaat in dem ihr lebt, dann achtet ihr die Menschen- und Frauenrechte nicht.'"

Ahmads Eltern haben sich in einem NDR-Interview von der Tat ihres Sohnes distanziert. "Mein Sohn ist ein Verbrecher", sagte der Vater in dem Gespräch. "Ich hasse ihn", sagte die Mutter. Die Polizei hat ermittelt, inwieweit die Familie von Ahmads Mordplänen wusste - bislang ohne Ergebnis.

"Was hat ihn so weit gebracht?" - fragt die Frauenrechtlerin

Ates plädiert dafür, auch die Ehrenmörder als Opfer zu begreifen: "Die Männer sind ein Teil des Systems: Ein 23-jähriger Mensch wird dahin getrieben, seine Schwester brutal zu erstechen. Aber er ist nicht als Mörder geboren worden. Wir müssen uns überlegen: Was hat ihn so weit gebracht?"

Nötig sei eine Problematisierung dieses pervertierten Ehrbegriffs schon in der Schule, eine Sensibilisierung der Juristen, die später mit den Fällen zu tun haben - und vor allem auch Aufklärungsarbeit bei den Familien: "Den Familien muss klar vermittelt werden, dass ihre Tochter keine Hure ist, weil sie abends ausgeht. Wir müssen den Familien sagen: 'Was auch immer eure Tochter macht, ob sie Drogen nimmt, oder einen Freund hat, oder kriminell wird - es gibt kein Recht, sie zu töten."

Hat sich ein Mädchen von der Familie abgewandt, ist es von großer Bedeutung, dass sie Schutz erfährt und der Kontakt zur Familie begleitet erfolgt. In Berlin hilft das Projekt Papatya verfolgten Mädchen. Papatya hat offiziell keine Anschrift, ist nicht direkt telefonisch zu erreichen - um die jungen Frauen zu schützen. Hilfseinrichtungen und Jugendämter stellen bei Bedarf den Kontakt her. Die Betreuer erleben es immer wieder, dass Mädchen die Gefahr unterschätzen, die von den Angehörigen ausgeht, und sich doch mit Vätern, Brüdern oder Cousins treffen. "Wir raten den Mädchen dazu, in den ersten Tagen das Haus nicht zu verlassen. Wir haben auch hochgefährdete Mädchen, die wochenlang nicht vor die Tür gehen", sagt eine Mitarbeiterin SPIEGEL ONLINE.

"Sie hat das nicht verdient" - sagt die Cousine

Dennoch suchten die jungen Frauen - wie auch Morsal - immer wieder Kontakt zur Familie, allen Warnungen zum Trotz. "Sie haben die Hoffnung, dass die Familie ihren Lebensstil irgendwann akzeptiert. Gegen ihren Willen kann man sie nirgendwohin bringen, sie nicht dazu zwingen, die Stadt zu verlassen", sagt die Papatya-Betreuerin. "Aber ich kann die Mädchen verstehen: Sie sind oft noch sehr jung - und ich würde auch nicht von einem Tag auf den anderen alles aufgeben wollen."

"Sie möchten weiter dazugehören", sagt Rechtsanwältin Ates. "Viele haben einen sehr positiven Familiensinn, mit dem wachsen sie auf. Sie suchen zu Hause nach Geborgenheit und Liebe. Nur: Westlichen Lebensstil und die Nähe zur Familie zu verbinden, ist ein großer Akt." Auch Morsal wusste, dass sie in Gefahr ist - und hat sich trotzdem mit ihrem Cousin und ihrem Bruder getroffen.

"Ich versuche die ganze Zeit, mir vorzustellen, was in Ahmads Kopf abgelaufen ist", sagte Morsals Cousine SPIEGEL TV. "Ich halte nicht mehr viel von ihm. Ich hoffe sehr, dass es eine gerechte Strafe geben wird. Weil Morsal das nicht verdient hat - egal, was sie gemacht hatte."

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