• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Tod eines Straßentrinkers "Pavel war mehr als ein Penner"

2. Teil: Warum Pavels Schicksal in Deutschland nichts Ungewöhnliches ist

Sein Wohnzimmer war Alis Döner-Pavillon auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort durfte er manchmal sein Hab und Gut deponieren und Essen abstauben. "Er war kein Penner, sondern ein lieber Mensch", sagt der Besitzer Ali Sahin SPIEGEL ONLINE. "Aber er hat im Wodka die Lösung für seine Probleme gesucht." Doch Pavel blieb immer friedlich, freundlich. "Wenn er betrunken war, sagte er: 'Bevor ich Ärger mache, gehe ich schlafen!'", erzählt Ali Sahin. Dann trottete er mit seiner Hündin Jessica, die er von einem Punker übernommen hatte, als der in den Knast wanderte, von dannen.

An einem warmen Augustmorgen fanden zwei Kumpels Pavel regungslos in seinem Schlafsack. Sie rannten zur Tagesstätte für Wohnungslose und holten Hilfe - zu spät. Der 33-Jährige war an seiner Alkoholabhängigkeit gestorben.

"Pavels Schicksal ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist, dass sein Tod so viele Menschen berührt hat", sagt Nikusch. Dass die Taxifahrer für seine Überführung Geld sammelten, wildfremde Menschen kleine Botschaften an ihn an seinen Stammplatz legten und ihn nicht vergessen werden. Die Sozialarbeiterin hat in den vergangenen Jahren oft als einzige neben dem Pfarrer in einer Trauerhalle gestanden und Menschen wie Pavel die letzte Ehre erwiesen.

Auch das ist bei Pavel anders: Am Tag nach seinem Tod war die Litfaßsäule frisch geweißt. Im Schein der roten Grablichter, umgeben von Blumen, Briefen und Fotos sah sie aus wie ein überdimensionaler Grabstein.

Selbst viele Polizisten gedachten des Obdachlosen. "Den Pavel haben alle gekannt und gemocht, weil er ein angenehmer Zeitgenosse war", sagt Guntram Smetz, Gruppenleiter der Bundespolizei in Mannheim, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Der hat keiner Seele was zuleide getan. Wenn er uns sah, rief er: 'Hallo Polizei, meine Freunde!' Mit seinem Hund saß er vor dem Bahnhof, ganz friedlich - obwohl er jeden Cent in Alkohol investierte und ordentlich getrunken hat."

Sein Tod als Straßensäufer schockierte seine Familie

Pavel hat sich nicht geschämt für das Leben, das er führte. Nur wenn er Kinder sah, wurde sein Blick traurig, weil ihn das an seine eigenen Kinder erinnerte - Pavel und Veronika.

Die schönsten Momente in seinem Leben seien ihre Geburten gewesen, sagte Pavel einmal und weinte. Die Telefonnummer seiner Familie hatte er immer bei sich. Manchmal sah man ihn, den Schlafsack unterm Arm, in einer Telefonzelle. Wie viele Obdachlose erzählte er dann seinen Angehörigen, es gehe ihm gut und wenn er genug Geld beisammen habe, werde er heimkommen.

Für Pavels Familie ist es ein Schock, als sie nach Monaten statt eines Lebenszeichens die Nachricht von seinem Tod erreicht. Seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester und deren Mann kamen aus Vimperk nach Mannheim, um Pavels Leichnam heimzuholen. Sie waren gerührt von der Anteilnahme, davon, dass viele Geld gegeben hatten für die teure Überführung in die Heimat.

Sie wollten sehen, wie Pavel die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat. Als sie an der Döner-Bude standen, baten sie den Besitzer um eine Packung von den Zigaretten, die Pavel so gern geraucht hat.

"Ohne Pavel macht es nicht viel Spaß hier", sagt Ali Sahin. "Ich hätte nicht gedacht, dass einem ein Penner mal so fehlen würde."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP