• Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.01.2009
 

Jörg Böckem

"Eine Lektion in Demut"

Schüttelfrost, Schlaflosigkeit, unendliche Erschöpfung: Zwölf Monate lang quälte sich Ex-Junkie und SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Jörg Böckem durch eine Hepatitis-C-Therapie. Nun bekennt er im Interview: Es war ein "wertvolles Jahr".

SPIEGEL ONLINE: Herr Böckem, fast könnte man Sie als Wiederauferstandenen bezeichnen: Zwölf Monate lang unterzogen Sie sich als Folge Ihrer Drogensucht einer Hepatitis-C-Behandlung, waren körperlich extrem geschwächt, seelisch ein Zombie - war das ein verlorenes Jahr?

Journalist Böckem: "Ich fühlte mich häufig unzureichend, entstellt und unfähig"
SPIEGEL ONLINE

Journalist Böckem: "Ich fühlte mich häufig unzureichend, entstellt und unfähig"

Jörg Böckem: Kein verlorenes. Ein sehr anstrengendes, aber im Nachhinein auch ein wertvolles Jahr. Ich habe einige extreme und wichtige Erfahrungen gemacht. Ich hatte in dieser Zeit das Gefühl, auf dem Abstellgleis zu stehen und kaum noch am Leben teilzunehmen. Das war sehr belastend, aber auch eine Lektion in Demut. Die Grenzen wurden auf einmal ganz klein. Damit kann man hadern, das nützt einem aber nichts.

SPIEGEL ONLINE: Also - positiv denken? Klingt fast zu simpel.

Böckem: Stimmt aber. Man muss versuchen, etwas Positives aus so einer Zeit mitzunehmen. Ich weiß jetzt, dass ich so etwas nicht nur durchhalten, sondern auch mitgestalten kann. Ich wollte unbedingt, dass die Therapie ein Erfolg wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten auch Glück, dass Ihr Körper auf die Medikamente reagiert hat.

Böckem: Ja, und zwar sehr deutlich und schnell. Und ich habe mich bemüht, die Vorgaben strikt einzuhalten, also keinen Alkohol zu trinken, die Medikamente regelmäßig einzunehmen. Ich habe mein ganzes Leben auf die Behandlung ausgerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 43 Jahre alt, lebten aber während der Therapie wie ein 80-Jähriger.

Böckem: Ich habe mir für alles Zettel gemacht. Ich wohne im vierten Stock eines Altbaus ohne Fahrstuhl. Wenn ich einmal aus dem Haus gegangen bin, habe ich mir penibel aufgeschrieben, was ich erledigen muss. Ich wollte nur nichts vergessen. Wenn ich nämlich die Treppe zu meiner Wohnung wieder hochgestiegen war, war ich für den Rest des Tages viel zu schwach, um noch einmal das Haus zu verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es mit dem Schreiben?

Böckem: Das Zeitfenster, in dem arbeiten möglich war, wurde sehr klein. Darauf musste ich mich einstellen. Außerdem habe ich viel vergessen. Ich habe mir jeden Gedanken für einen Artikel aufgeschrieben, damit er später beim Schreiben nicht weg war. Mehrmals bin ich durch die Straßen gelaufen und habe mein Auto gesucht, weil ich keine Ahnung mehr hatte, wo es stand. Und wenn ich draußen war, musste ich mich manchmal am Laternenpfahl festhalten, weil ich mich so schwindlig und schwach fühlte. Ich habe also schon mal einen Vorgeschmack bekommen, wie es ist, sagen wir, 85 zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Leidet in so einer Phase das Selbstwertgefühl?

Böckem: Sehr. Ich fühlte mich häufig unzureichend, entstellt und unfähig. Man scheitert an ganz vielen Dingen, die einem sonst selbstverständlich erscheinen. Deshalb sollte man, wenn möglich, eine Hepatitis-C-Therapie auch nur in einer stabilen Lebensphase beginnen.

SPIEGEL ONLINE: Stabil war bei Ihnen nichts mehr: Ihre Lebensgefährtin hat Sie während der Therapie verlassen. Vielleicht auch, weil sie ihren Partner nicht mehr wiedererkannte?

Böckem: Das stimmt leider. Die Behandlung ist einfach eine immense Belastungsprobe für einen Partnerschaft. Die körperlichen Beeinträchtigungen sind das eine. Vielleicht noch schlimmer sind die psychischen Veränderungen. Die Medikamente verursachen oft starke Stimmungsschwankungen oder sogar Depressionen. Ich bin sehr launisch gewesen, zänkisch, zwanghaft. Das ist für einen Partner sehr schwer auszuhalten, vor allem über einen so langen Zeitraum.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie zwischenzeitlich daran gedacht, die Therapie abzubrechen?

Böckem: In der Phase, als die Beziehung zu meiner Freundin zerbrach, habe ich überlegt, ob es das alles wert ist. Aber ich wollte gesund werden. Damals haben mir meine Erfahrungen mit dem Heroinentzug geholfen durchzuhalten. Ich wusste, dass es mir nach der Therapie besser geht, dass es nach diesem Jahr nach oben geht.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich gegönnt, nachdem Sie mit der Therapie durch waren?

Böckem: Sport, ein Ausflug mit Freunden, eine dreiwöchige Kur. Und am ersten Tag ein Bier. Ich hatte mich lange darauf gefreut. Es hat übrigens nach der langen alkoholfreien Phase ziemlich eingeschlagen. Ein zweites habe ich nicht mehr getrunken, weil ich dann wohl betrunken gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das für ein Gefühl, wieder ins Lebens zurückzukehren?

Böckem: Sehr ungewohnt, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Tier, das man aus dem Zoo auswildert. Ich kam mit dem neu gewonnenen Freiraum gar nicht zurecht. Ich hatte mich so daran gewöhnt, in engen Grenzen zu leben. Als die dann weiter wurden, wusste ich erst gar nicht, was ich mit der ganzen Zeit, mit der ganzen Energie anfangen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Sie als geheilt bezeichnen?

Böckem: Meine Leberwerte habe ich erst vor ein paar Monaten kontrollieren lassen. Da ist alles im normalen Bereich. Das Hepatitis-C-Virus liegt immer noch unter der Nachweisgrenze, damit gelte ich als geheilt. Es gibt eine geringe theoretische Möglichkeit, dass er noch einmal auftaucht, aber das ist sehr, sehr unwahrscheinlich. Ich hatte einfach großes Glück.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich über die mittlerweile 48-jährige Christiane F. geschrieben, der "kleine Junkie von damals" klebe noch heute "wie eine Klette" an ihr und sorge "mit regelmäßigen Tantiemen dafür, dass die eine von der anderen nicht lassen kann". Wie schüttelt man diese Klette, die Junkie-Biografie, ab? Und, wenn nicht, wie lebt man damit?

Böckem: Im Gegensatz zu Christiane F. habe ich ja das Glück, dass meine Junkie-Biografie nicht mein Leben bestimmt, genauso wenig fühle ich mich in der Wahrnehmung von anderen darauf reduziert. Sie ist ein wichtiger Teil meiner Geschichte und Persönlichkeit, aber eben nur ein Teil. Das gleiche gilt für mein Privat- und Berufsleben. Ich empfinde dieses Kapitel meines Lebens nicht als Klette, die ich abschütteln muss. Im Gegenteil, für mich ist es eine Erleichterung und Bereicherung, mit dieser Lebensphase offen umgehen zu können.

Das Interview führte Norbert Bogdon

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP