Von Sebastian Fischer, Marktl am Inn
Der Heilige Vater ist hier allgegenwärtig. "Grüß Gott in Marktl, Geburtsort von Papst Benedikt dem XVI.", steht groß am Eingang des oberbayerischen Dorfes. Das Geburtshaus dominiert das Zentrum. Gegenüber prangt Werbung fürs "Papst-Bier".
Vom Rathausgebäude lächelt Joseph Ratzinger. Und am Fenster des Tourismusbüros hängt natürlich auch ein Plakat mit winkendem Pontifex. Ehrenbürger ist er sowieso. Und jeder im Dorf hat eine Geschichte über ihn zu erzählen.
"Mensch, das Schönste war der Moment, als er Papst wurde", sagt Anton Amann. Der 74-Jährige steht vor dem Geburtshaus in der Schulstraße und schüttelt sich freudig in Erinnerung an das Jahr 2005, als aus Joseph Ratzinger der Heilige Vater wurde. "Da haben wir uns alle hier getroffen und der Bürgermeister hat gerufen: 'Saal auf, es gibt Freibier!'"
Amanns schönster Papstmoment liegt allerdings schon mehr as drei Jahre zurück. Die Gegenwart hat weniger Erhabenes zu bieten.
Denn Ende Januar hat Benedikt XVI. vier exkommunizierte Bischöfe der radikal-traditionalistischen Piusbruderschaft wieder in die Kirche aufgenommen. Darunter den Holocaust-Leugner Richard Williamson. Eine Entscheidung, die auch in seinem Heimatdorf verstört.
"Er hätte die nicht wiederaufnehmen sollen. Und besonders nicht den Williamson", sagt Amann. Warum nur? Er versteht es nicht. "Die hätten einfach draußen bleiben müssen." Amann versteht, dass Kanzlerin Angela Merkel vom Vatikan eine Klarstellung gefordert hat: "Es g'hört was g'sagt."
Oder doch nicht? "Was mischt sich die Merkel da ein?", fragt ein 65-Jähriger, der sagt, er sei von derselben Hebamme auf die Welt gebracht worden wie der Papst. Wobei - auch er kann Benedikts Entscheidung nicht nachvollziehen: "Solche Pius-Leute gehören nicht in unsere Kirche."
Manfred Weber stammt aus der Region, er ist Vizechef der CSU-Grundsatzkommission, und er scheint in einem ähnlichen Dilemma zu stecken. "Die Bundeskanzlerin hat mit ihrer Kritik an Benedikt XVI. überzogen", sagt er. Der Papst habe deutlich gemacht, dass er Holocaust-Leugnung innerhalb der katholischen Kirche nicht dulde, und Merkel erwecke mit ihren Aussagen "Zweifel an der Integrität des Papstes".
Er erwarte aber auch, sagt Weber, eine klare Distanzierung der Piusbruderschaft von Williamsons Aussagen. Und "interne Konsequenzen in der Bewegung".
Marianne Reichl geht ein anderer Gedanke durch den Kopf: "Aber absetzen kann man unseren Papst doch jetzt nicht, oder?", fragt sie.
Die 77-Jährige hat neben Benedikts Geburtshaus in Marktl einen kleinen Souvenirladen. Ein bisschen wüst sieht es aus, aber der Papst-Fan bekommt alles, was er braucht, vom Ratzinger-Bierkrug bis zur "Papstsong"-CD mit dem Titel "Wo der Mensch noch zählt". Leider, sagt Reichl, kommen nicht mehr so viele Gäste wie in den ersten Jahren, die Papst-Bierflaschen sind nur noch Attrappen. Reichl schüttelt den Kopf, als das Gespräch auf die Ex-Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson kommt: "Mit Absicht hat der Benedikt das sicher nicht gemacht", sagt sie.
Aber war Williamson dem Vatikan denn ein Unbekannter? Marianne Reichl glaubt an Schlamperei. Ein Missgeschick eben. "Der Holocaust darf nie vergessen werden", sagt sie.
Kein Offizieller in Marktl will sich zu den Wirren um den bayerischen Papst äußern. Bürgermeister Hubert Gschwendtner spricht von einer "innerkirchlichen Angelegenheit". Im Büro des Sozialdemokraten steht jene Zweier-Sitzreihe aus dem Lufthansa-Jet, auf der Benedikt 2006 nach Deutschland reiste. "Das ist original, hat Lufthansa uns geschenkt", sagt er stolz. Weitere Fragen lächelt Gschwendtner weg.
Gleiche Lage beim örtlichen Pfarrer. Josef Kaiser sagt nur: "Kein Kommentar."
In der Heimatzeitung haben er und Gschwendtner bereits gemeinsam ihr Schweigen angekündigt: "Nicht unsere Angelegenheit."
Zwischen dem Geburtsort und dem Papst sollen offenbar keine Spannungen aufkommen. An Benedikts Taufkirche St. Oswald ist draußen das "Gebetsanliegen des Heiligen Vaters für Februar" angeschlagen. Benedikt wünscht, dass sich "die Hirten der Kirchen" für das "Wirken des Geistes" öffnen.
Pfarrer Kaiser hat kürzlich noch Klartext gesprochen. In der "Süddeutschen Zeitung" ließ er sich mit den Worten zitieren, dass einer wie Williamson "immer außerhalb der Kirche" stehe. Zwar habe der Papst zu einen und nicht zu spalten – "aber das kann nicht sein", sagte er über die Entscheidung des Vatikans. Grundsätzlich sei da eine Richtung zu spüren, "die rückwärtsgewandt ist".
Es ist offensichtlich: Umso mehr draußen in der Welt über die Verirrungen des Papstes gesprochen, diskutiert, gestritten wird, desto stiller werden die Marktler selbst. Sie hoffen auf ein gutes Ende.
Wie die Verkäuferin in der örtlichen Bäckerei, in der man natürlich auch allerhand päpstliches Gebäck erwerben kann. Ob wegen der Williamson-Affäre jetzt vielleicht weniger Kunden kommen könnten? Sie schüttelt den Kopf.
Dann sagt sie: "Na, des ändert nix."
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