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06.02.2009
 

Besuch in Williamsons Seminar

"Sie sind sich nicht bewusst, Hass zu lehren"

Aus La Reja berichtet Jürgen Vogt

Hier ist er zu Hause: Der Holocaust-Leugner Richard Williamson, dessen Exkommunikation der Vatikan unlängst rückgängig machte, leitet das Piusbrüder-Priesterseminar im argentinischen La Reja. Nun hat ein jüdischer Autor die Kirche besucht - SPIEGEL ONLINE hat ihn begleitet.

La Reja - Die Pforte zur Heimstatt des Holocaust-Leugners steht weit offen. Dahinter hat der Briefträger die Post abgelegt. Nicht viele Briefe sind heute im Seminar der Fraternidad Sacerdotal San Pío X angekommen. Niemand ist zu sehen. Wir betreten das Gelände im argentinischen La Reja und gehen zur Kirche "Nuestra Señora Corredentora".

40 Kilometer von der hektischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt findet sich kein Hinweis auf die weltweite Empörung, die der Geistliche Richard Williamson mit der Leugnung des Holocausts ausgelöst hat. Hier in der Stadt La Reja (dt.: der Zaun), in der eine von 23 argentinischen Kirchen der Bruderschaft steht, ist es ruhig. Das Seminar, in dem der Orden seinen Nachwuchs ausbildet, wird seit 2003 von dem 68-jährigen Williamson geleitet.

Einer der 25 jungen Geistlichen kommt uns entgegen. Ein verlegenes Lächeln im Gesicht und Flecken auf der schwarzen Soutane. Mein Arbeitsaufzug, entschuldigt er sich. San Juan de Dios, 24, spricht mit starkem Akzent. Ja, er stamme aus Frankreich, "aus einer katholischen Familie". Mit 19 Jahren sei er der Bruderschaft beigetreten, seit drei Jahren nun hier in La Reja.

"Sind Sie Katholik?"

Ob wir die Kirche besichtigen können? Gegenfrage: "Sind Sie von der Presse?" Ich bejahe - und er bedauert: Nein, dann gehe es nicht, und keine Fotos, keine Interviews, keine Erklärungen. Er hebt die Schultern, breitet die Arme aus: "Das sind die Anweisungen." - "Aber um 11.30 Uhr ist eine Messe, da darf ich doch hinein, oder?" Den Besuch der Messe verweigern? Ganz so eindeutig scheinen die Anweisungen nicht zu sein. "Ja, zur Messe, ja, aber nicht als Presse." Also als Privatperson, keine Fotos, und die Gläubigen nicht mit Fragen belästigen.

Mein Begleiter ist kein Journalist: "Sind Sie Katholik?" - "Nein, ich bin Jude." Verblüffung huscht über das Gesicht von San Juan de Dios: "Ah, das ist ganz in Ordnung, ich bin kein Antisemit. In der Presse bringen sie so viel über den Antisemitismus unserer Leute hier, aber das stimmt alles nicht." Schnell hat sich der junge Mann gefangen. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Kirche."

Marcelo Aptekmann ist zum ersten Mal nach Le Reja gekommen. Er ist neugierig. Seit Jahren forscht er zum Antijudaismus im Christentum und hat darüber auch ein Buch geschrieben. "Ich habe auch keine Vorurteile gegen Christen", sagt Aptekmann und folgt dem jungen Mann in die Kirche. "Aber wenn sie ein gläubiger Christ sind, haben sie sicher antijüdische Gefühle, derer sie sich vielleicht gar nicht bewusst sind. Das neue Testament steckt voller Sätze gegen die Juden." Der Journalist darf die beiden nicht begleiten - erst später, bei der Messe, kommt er in die Kirche.

San Juan de Dios habe sich verteidigt, berichtet Aptekmann später von dem Gespräch der beiden: Der antijüdische Grundton in der Heiligen Schrift komme daher, dass zur Entstehungszeit des Neuen Testaments die meisten Christen Konvertiten gewesen seien. Sie hätten sich von ihren ehemaligen Glaubensbrüdern distanzieren wollen. Der Fehler der Juden sei, "dass sie nicht an Christus glauben und deshalb verdammt sind", so der Priester laut Aptekmann. Er bemängele lediglich, dass die Juden "nicht an Jesus Christus glauben". Das bedeute nicht, dass er Antisemit sei, so San Juan de Dios. Aptekmann hält nach eigenen Angaben dagegen: "Ihr Antisemitismus liegt darin, dass Sie sich nicht bewusst sind, Hass zu lehren."

Gemeinsam gegen die Kommunisten

Die Geschichte der Piusbrüder in La Reja beginnt 1976. Damals hatten sich die Militärs in Argentinien an die Macht geputscht, um - wie sie es nannten - den Prozess der nationalen Reorganisation einzuleiten und das Land von der linken Subversion zu befreien. Es ist wohl kein Zufall, dass die Piusbrüder im selben Jahr das Gelände bei La Reja kauften: gemeinsam gegen die gottlosen Kommunisten.

Erzbischof Lefebvre, Gründer der Piusbrüder, traf sich in der Folgezeit mehrmals mit dem Chef der Militärjunta, Jorge Videla. 1978 begann die Bruderschaft mit dem Bau ihrer Kirche in La Reja. Es entstand ein Gebäudekomplex im neokolonialen Stil, der Architektur der Eroberer.

Der Papst und die Piusbruderschaft

Papst

Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .

Römische Kurie

Piusbrüder

Antisemitismus

Ein Klingeln verkündet den Beginn der Messe. Neben dem einfachen Altar werden Kerzen angezündet. An den Seitenwänden hängen die Holzschnitte der Passion Christi. Fünf Gläubige haben sich an diesem Morgen eingefunden. Der Priester, das Gesicht zum Altar gewandt, liest die Messe in Latein. Kein Lied, keine Orgel, eine Abfolge aus Aufstehen, Niederknien, Sitzen und Beten. Nach 40 Minuten ist es vorbei.

Annamaria gehört zu den gläubigen Besuchern der Messe. Vorher hat sie ihre Tochter weggebracht. Dreizehn ist die und besucht seit sieben Jahre die Schule der Bruderschaft. Der Unterrichtsbesuch ist gratis. "Meine Tochter könnte den Priester verstehen, denn sie lernt Liturgie und Katechismus in lateinischer Sprache." Die rund hundert Schülerinnen und Schüler kommen aus dem ganzen Umkreis, manche sogar aus der Hauptstadt Buenos Aires. "Diese Schule ist die beste, die meine Tochter besuchen kann", sagt Annamaria.

Ein zugeknöpfter Priester

Vor der Kirche steht der Priester Álvaro Calderon. Zugeknöpft wie seine schwarze Soutane gibt er sich, und deshalb sind ihm kaum Antworten zu entlocken. "Ja, heute sind wenige Gläubige gekommen." Sonntags seien es fast Hundert. Ja, der Seminarleiter Williamson sei hier, aber nicht zu sprechen. Ob er zurücktrete, davon wisse er nichts. Auch nicht, ob er die von Rom geforderte Stellungnahme vorbereite. Von einer juristischen Untersuchung in Deutschland habe er bisher nichts gehört. "Wir sind hier alle in den Sommerferien", lächelt Calderon.

Marcelo Aptekmann verabschiedet sich von San Juan de Dios. Er hat ihn zu einem Treffen in Buenos Aires eingeladen. Dort könnten sie ihr Gespräch doch fortsetzen. Er habe ihn nicht überzeugen wollen, sagt er, als wir den kleinen Weg zurückgehen. "Aber der Boden unter seinen Füßen hat etwas gewackelt." Mit diesen jungen Menschen müsse man sprechen, sonst seien sie die Williamsons von morgen.

Das Tor zum Seminar bleibt offen. Die Post hat jemand abgeholt.

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