Besuch in Williamsons Seminar
"Sie sind sich nicht bewusst, Hass zu lehren"
Aus La Reja berichtet Jürgen Vogt
Hier ist er zu Hause: Der Holocaust-Leugner Richard Williamson, dessen Exkommunikation der Vatikan unlängst rückgängig machte, leitet das Piusbrüder-Priesterseminar im argentinischen La Reja. Nun hat ein jüdischer Autor die Kirche besucht - SPIEGEL ONLINE hat ihn begleitet.
La Reja - Die Pforte zur Heimstatt des Holocaust-Leugners steht weit offen. Dahinter hat der Briefträger die Post abgelegt. Nicht viele Briefe sind heute im Seminar der Fraternidad Sacerdotal San Pío X angekommen. Niemand ist zu sehen. Wir betreten das Gelände im argentinischen La Reja und gehen zur Kirche "Nuestra Señora Corredentora".
40 Kilometer von der hektischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt findet sich kein Hinweis auf die weltweite Empörung,
die der Geistliche Richard Williamson mit der Leugnung des Holocausts ausgelöst hat. Hier in der Stadt La Reja (dt.: der Zaun), in der eine von 23 argentinischen Kirchen der Bruderschaft steht, ist es ruhig. Das Seminar, in dem der Orden seinen Nachwuchs ausbildet, wird seit 2003 von dem 68-jährigen Williamson geleitet.
Einer der 25 jungen Geistlichen kommt uns entgegen. Ein verlegenes Lächeln im Gesicht und Flecken auf der schwarzen Soutane. Mein Arbeitsaufzug, entschuldigt er sich. San Juan de Dios, 24, spricht mit starkem Akzent. Ja, er stamme aus Frankreich, "aus einer katholischen Familie". Mit 19 Jahren sei er der Bruderschaft beigetreten, seit drei Jahren nun hier in La Reja.
"Sind Sie Katholik?"
Ob wir die Kirche besichtigen können? Gegenfrage: "Sind Sie von der Presse?" Ich bejahe - und er bedauert: Nein, dann gehe es nicht, und keine Fotos, keine Interviews, keine Erklärungen. Er hebt die Schultern, breitet die Arme aus: "Das sind die Anweisungen." - "Aber um 11.30 Uhr ist eine Messe, da darf ich doch hinein, oder?" Den Besuch der Messe verweigern? Ganz so eindeutig scheinen die Anweisungen nicht zu sein. "Ja, zur Messe, ja, aber nicht als Presse." Also als Privatperson, keine Fotos, und die Gläubigen nicht mit Fragen belästigen.
Mein Begleiter ist kein Journalist: "Sind Sie Katholik?" - "Nein, ich bin Jude." Verblüffung huscht über das Gesicht von San Juan de Dios: "Ah, das ist ganz in Ordnung, ich bin kein Antisemit. In der Presse bringen sie so viel über den Antisemitismus unserer Leute hier, aber das stimmt alles nicht." Schnell hat sich der junge Mann gefangen. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Kirche."
Im neuen SPIEGEL 6/2009:
Der Entrückte
Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche
Marcelo Aptekmann ist zum ersten Mal nach Le Reja gekommen. Er ist neugierig. Seit Jahren forscht er zum Antijudaismus im Christentum und hat darüber auch ein Buch geschrieben. "Ich habe auch keine Vorurteile gegen Christen", sagt Aptekmann und folgt dem jungen Mann in die Kirche. "Aber wenn sie ein gläubiger Christ sind, haben sie sicher antijüdische Gefühle, derer sie sich vielleicht gar nicht bewusst sind. Das neue Testament steckt voller Sätze gegen die Juden." Der Journalist darf die beiden nicht begleiten - erst später, bei der Messe, kommt er in die Kirche.
San Juan de Dios habe sich verteidigt, berichtet Aptekmann später von dem Gespräch der beiden: Der antijüdische Grundton in der Heiligen Schrift komme daher, dass zur Entstehungszeit des Neuen Testaments die meisten Christen Konvertiten gewesen seien. Sie hätten sich von ihren ehemaligen Glaubensbrüdern distanzieren wollen. Der Fehler der Juden sei, "dass sie nicht an Christus glauben und deshalb verdammt sind", so der Priester laut Aptekmann. Er bemängele lediglich, dass die Juden "nicht an Jesus Christus glauben". Das bedeute nicht, dass er Antisemit sei, so San Juan de Dios. Aptekmann hält nach eigenen Angaben dagegen: "Ihr Antisemitismus liegt darin, dass Sie sich nicht bewusst sind, Hass zu lehren."
Gemeinsam gegen die Kommunisten
Die Geschichte der Piusbrüder in La Reja beginnt 1976. Damals hatten sich die Militärs in Argentinien an die Macht geputscht, um - wie sie es nannten - den Prozess der nationalen Reorganisation einzuleiten und das Land von der linken Subversion zu befreien. Es ist wohl kein Zufall, dass die Piusbrüder im selben Jahr das Gelände bei La Reja kauften: gemeinsam gegen die gottlosen Kommunisten.
Erzbischof Lefebvre, Gründer der Piusbrüder, traf sich in der Folgezeit mehrmals mit dem Chef der Militärjunta, Jorge Videla. 1978 begann die Bruderschaft mit dem Bau ihrer Kirche in La Reja. Es entstand ein Gebäudekomplex im neokolonialen Stil, der Architektur der Eroberer.
DER PAPST UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT
Der
Papst ist das Oberhaupt der
römisch- katholischen Kirche und des Staates
Vatikanstadt. Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt
Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die
römische Kurie bilden.
Der Papst wird im
Konklave, einer Versammlung von
Kardinälen, auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im
Apostolischen Palast neben dem
Petersdom.
Die wichtigste politische Einrichtung der
römischen Kurie ist das
Staatssekretariat, das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des
Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der
Kardinalstaatssekretär – derzeit
Tarcisio Bertone. Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die
neun Kurienkongregationen, die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der
Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur, die
Apostolische Pönitentiarie und die
Rota Romana.
Außerdem setzt der Heilige Stuhl
Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die
Apostolische Kammer, die
Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die
Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls.
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das
Vatikanische Archiv, die
Vatikanische Bibliothek und
Radio Vatikan.
Die
Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der
katholischen Kirche. Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof
Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des
Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt
Religionsfreiheit und
Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum
Schisma.
Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob
Papst Benedikt XVI. die
Exkommunikation auf.
Leitende Brüder der konservativen
Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden
kollektiv schuld am
"Gottesmord", der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des
Antisemitismus.
Indem
Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof
Richard Williamson: Er hatte in einem TV-Interview den
Holocaust und die Existenz von
Gaskammern geleugnet.
Ein Klingeln verkündet den Beginn der Messe. Neben dem einfachen Altar werden Kerzen angezündet. An den Seitenwänden hängen die Holzschnitte der Passion Christi. Fünf Gläubige haben sich an diesem Morgen eingefunden. Der Priester, das Gesicht zum Altar gewandt, liest die Messe in Latein. Kein Lied, keine Orgel, eine Abfolge aus Aufstehen, Niederknien, Sitzen und Beten. Nach 40 Minuten ist es vorbei.
Annamaria gehört zu den gläubigen Besuchern der Messe. Vorher hat sie ihre Tochter weggebracht. Dreizehn ist die und besucht seit sieben Jahre die Schule der Bruderschaft. Der Unterrichtsbesuch ist gratis. "Meine Tochter könnte den Priester verstehen, denn sie lernt Liturgie und Katechismus in lateinischer Sprache." Die rund hundert Schülerinnen und Schüler kommen aus dem ganzen Umkreis, manche sogar aus der Hauptstadt Buenos Aires. "Diese Schule ist die beste, die meine Tochter besuchen kann", sagt Annamaria.
Ein zugeknöpfter Priester
Vor der Kirche steht der Priester Álvaro Calderon. Zugeknöpft wie seine schwarze Soutane gibt er sich, und deshalb sind ihm kaum Antworten zu entlocken. "Ja, heute sind wenige Gläubige gekommen." Sonntags seien es fast Hundert. Ja, der Seminarleiter Williamson sei hier, aber nicht zu sprechen. Ob er zurücktrete, davon wisse er nichts. Auch nicht, ob er die von Rom geforderte Stellungnahme vorbereite. Von einer juristischen Untersuchung in Deutschland habe er bisher nichts gehört. "Wir sind hier alle in den Sommerferien", lächelt Calderon.
Marcelo Aptekmann verabschiedet sich von San Juan de Dios. Er hat ihn zu einem Treffen in Buenos Aires eingeladen. Dort könnten sie ihr Gespräch doch fortsetzen. Er habe ihn nicht überzeugen wollen, sagt er, als wir den kleinen Weg zurückgehen. "Aber der Boden unter seinen Füßen hat etwas gewackelt." Mit diesen jungen Menschen müsse man sprechen, sonst seien sie die Williamsons von morgen.
Das Tor zum Seminar bleibt offen. Die Post hat jemand abgeholt.
DER FALL WILLIAMSON: CHRONIK EINER KRISE
Im Interview mit einem schwedischen Fernsehsender leugnet Richard Williamson die Vergasung von Juden im Dritten Reich: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja."
Der SPIEGEL berichtet, noch vor der Ausstrahlung, über das Fernsehinterview Williamsons.
Ausgestrahlt wird es zwei Tage später, am 21. Januar. Am selben Tag unterschreibt Benedikt seine Entscheidung zur Aufhebung der Exkommunikation.
Am Donnerstag berichtet die italienische Tageszeitung "Il Giornale" über das Dekret.
Am Freitag meldet die katholische Nachrichtenagentur KNA, die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittle gegen Pius-Bischof Williamson wegen Volksverhetzung. Die Meldung wird noch am selben Tag von Radio Vatikan aufgegriffen, als Nachricht gesendet und auf die eigene Internet-Seite gestellt.
Am Samstag
verkündet der Papst offiziell, vier Bischöfe der Piusbruderschaft wieder in die katholische Kirche aufnehmen zu wollen. Vatikan-Sprecher Lombardi begrüßt den "wichtigen Schritt zu einer vollständigen Wiederherstellung der Einheit" der katholischen Kirche.
Die Debatte läuft heiß. Der Vizepräsident des Zentralrats des Juden in Deutschland, Dieter Graumann, bezeichnet die Entscheidung Benedikts als einen "schier unfassbaren Akt von Provokation". Die Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich von Williamson. Der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Heinz-Wilhelm Brockmann, verteidigt den Schritt des Papstes als Versuch, "mehr Einheit in der Kirche herzustellen".
Papst Benedikt XVI.
verurteilt die Leugnung des Holocaust. Er versichert den Juden seine "vollständige und nicht diskutierbare Solidarität".
Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärt, wer den Holocaust leugne, "der leugnet den christlichen Glauben selbst". "Und das ist umso schwerwiegender, wenn es aus dem Mund eines Priesters oder eines Bischofs kommt."
Kurienkardinal Castrillón Hoyos versichert, bei der Erstellung des Dekrets nichts von dem umstrittenen TV-Interview von Williamson gewusst zu haben. Hoyos hatte die Verhandlungen mit den Levebrianern vor der Aufhebung der Exkommunikation geführt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bricht den Dialog mit der katholischen Kirche vorerst ab.
Der Papst ernennt den ultrakonservativen Priester Gerhard Wagner zum
Weihbischof von Linz. Bischof Richard Williamson entschuldigt sich beim Papst für die "Unannehmlichkeiten und Probleme".
Der israelische Minister für Religionsangelegenheiten, Jizchak Cohen, droht im SPIEGEL mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan.
Der renommierte belgische Theologie- und Ethikprofessor Jean-Pierre Wils gibt seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekannt.
Die Piusbrüder verlangen
mehr Macht im Vatikan. Bischof Bernard Tissier de Mallerais sagt der italienischen Zeitung "La Stampa": Er und seine Anhänger wollen sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren."
Angela Merkel fordert den Papst
zur Klarstellung auf. Benedikt XVI. müsse in der Debatte um die Piusbruderschaft klarstellen, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf. Dies sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt".
Die katholische Kirche
fordert Williamson auf, seine Thesen zu widerrufen - andernfalls könne der erzkonservative Brite nicht wieder als Bischof eingesetzt werden.