Samstag, 21. November 2009

Panorama



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07.02.2009
 

Katholiken-Krise

Deutsche Bischöfe verlangen erneuten Ausschluss des Holocaust-Leugners

Die Deutsche Bischofskonferenz hat genug: Sie plädiert für die erneute Exkommunikation von Richard Williamson. "Ich sehe keinen Platz für ihn in der katholischen Kirche", sagt Bischof Zollitsch - der Holocaust-Leugner hatte zuvor im SPIEGEL angekündigt, seine Thesen trotz päpstlicher Aufforderung vorerst nicht zu widerrufen.

Bonn/Regensburg/Hamburg - Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, will den Holocaust-Leugner Richard Williamson erneut aus der katholischen Kirche ausschließen. Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch sagte der "Bild am Sonntag": "Herr Williamson ist unmöglich und unverantwortlich. Ich sehe jetzt keinen Platz für ihn in der katholischen Kirche."

Bischof Williamson in Fernsehinterview: Exkommunikation gefordert
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AP

Bischof Williamson in Fernsehinterview: Exkommunikation gefordert

In der Causa Williamson will der Freiburger Erzbischof in einen Dialog mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland eintreten. Hierfür habe er der Zentralratsvorsitzenden Charlotte Knobloch zwei Terminvorschläge für ein Treffen gemacht, berichtet die Zeitung. Zollitsch sagte, er hoffe, das Gespräch werde in den nächsten vier Wochen stattfinden.

Auch Papst Benedikt XVI. sucht das Gespräch mit hochrangigen jüdischen Vertretern. Er will sich vor Gesandten des einflussreichen Dachverbandes jüdischer Organisationen in den USA, CPMAJO, zu den Gefahren der Holocaust-Leugnung äußern, teilten Kirchenkreisen mit. Demnach soll sich auch das israelische Ober-Rabbinat bereiterklärt haben, wieder Gespräche mit dem Vatikan zu führen. Die hohen jüdischen Glaubensvertreter hatten den Dialog mit der katholischen Kirche Ende Januar ausgesetzt.

Vor Zollitsch hatte schon der Regensburger Bischof Gerhard Müller scharfe Sanktionen gegen Williamson gefordert. Der Bischof der erzkonservativen Pius-Bruderschaft müsse "freiwillig oder zwangsweise aus dem Klerikerstand" ausscheiden, schrieb Müller in einer Erklärung, die an diesem Wochenende in den Gottesdiensten in der ostbayerischen Diözese verlesen werden soll. Auch für die drei anderen wieder in die Kirche aufgenommenen Bischöfe der Bruderschaft forderte Müller Konsequenzen. Die sollten auf ihre Weihevollmacht verzichten und nur noch als Priester arbeiten, heißt es in dem Schreiben Müllers, das auf der Internet-Seite des Bistums Regensburg veröffentlicht wurde.

Bischof will "historische Beweise" für den Holocaust suchen

In einem Interview mit dem SPIEGEL hatte Williamson gesagt, er werde seine Thesen zum Holocaust vorerst nicht widerrufen. Er werde zunächst die historischen Beweise prüfen, sagte der Bischof: "Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen."

Williamson erneuerte im SPIEGEL auch seine Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Konzilstexte seien zweideutig: "Das führt zu diesem theologischen Chaos, das wir heute haben." Das Zweite Vatikanische Konzil wird allgemein als zeitgemäße Erneuerung der katholischen Kirche und Wiederannäherung der christlichen Kirchen interpretiert. Die konservative Piusbrüderschaft lehnt es gerade deshalb ab.

DER PAPST UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT

Der Papst ist das Oberhaupt der römisch- katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt. Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave, einer Versammlung von Kardinälen, auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom.

Kritisch steht der Bischof auch den universellen Menschenrechten gegenüber: "Wo die Menschenrechte als eine objektive Ordnung verstanden werden, die der Staat durchsetzen soll, da kommt es immer zu einer antichristlichen Politik." Mit Blick auf die Piusbruderschaft sagte Williamson, er wolle "unter keinen Umständen die Kirche und die Bruderschaft" weiter beschädigen.

Williamson war kürzlich zusammen mit drei anderen exkommunizierten Bischöfen der Piusbrüderschaft wieder von Papst Benedikt XVI. in die katholische Kirche aufgenommen worden. Von der Holocaust-Leugnung Williamsons will der Papst dabei nicht gewusst haben. Das Verhalten des Oberhaupts der katholischen Kirche hat zu schweren Spannungen mit dem Judentum geführt, selbst Kanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein und kritisierte den aus Deutschland stammenden Papst öffentlich.

Kirchenrechtler halten erneute Exkommunikation für möglich

Williamson kann nach Ansicht eines deutschen Kirchenrechtsexperten durchaus erneut exkommuniziert werden. Es handele sich bei der Frage nach dem Völkermord an den europäischen Juden zwar nicht um eine Glaubensfrage, sagte der Trierer Professor für Kirchenrecht, Peter Krämer, dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Dennoch habe die katholische Kirche "die Pflicht, zu ethischen oder sozialen Fragen Stellung zu nehmen und einzuschreiten, wenn aus dem Raum der Kirche die Würde des Menschen verletzt wird". Dies sei der Fall, wenn jemand den Holocaust leugne. Williamson bestreite nicht nur historische Tatsachen, "sondern dahinter steht eine menschenverachtende Ideologie". Papst Benedikt XVI. könne als härteste Maßnahme durchaus die Exkommunikation aussprechen, auch ein mehrjähriges Redeverbot sei möglich.

Auch Monica Herghelegiu, Dozentin für katholisches Kirchenrecht an der Universität Tübingen, hatte schon in der vergangenen Woche im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE eine erneute Exkommunikation möglich genannt - allerdings nicht wegen der Holocaust-Leugnung, sondern wegen der Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Offen ist die Position der Piusbruderschaft selbst zu Williamson. Sie hat am Freitag einen Priester ausgeschlossen, der ebenfalls den Holocaust geleugnet hatte.

Der katholischen Kirche laufen Insidern zufolge wegen der Turbulenzen um die umstrittene Piusbruderschaft vermehrt Mitglieder weg. "Die Austrittswelle hat bereits eingesetzt", sagte der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, Eberhard von Gemmingen.

DER FALL WILLIAMSON: CHRONIK EINER KRISE

November 2008: Das verräterische Interview

Im Interview mit einem schwedischen Fernsehsender leugnet Richard Williamson die Vergasung von Juden im Dritten Reich: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja."

19. Januar 2009: Der SPIEGEL berichtet

21. Januar: Williamson darf heimkehren

22. Januar: Italiens Presse wird aufmerksam

23. Januar: Die Staatsanwaltschaft ermittelt

24. Januar: "Wiederherstellung der Einheit"?

26. Januar: "Unfassbarer Akt der Provokation"

28. Januar: Benedikt XVI. verurteilt Leugnung des Holocaust

29. Januar: "Holocaust-Leugner leugnen den christlichen Glauben"

29. Januar: Kardinal beteuert Unwissenheit

30. Januar: Williamson entschuldigt sich - für "Unannehmlichkeiten"

31. Januar: Israelischer Minister droht dem Vatikan

1. Februar: Theologe verlässt die katholische Kirche

2. Februar: Piusbrüder verlangen mehr Macht im Vatikan

3. Februar: Die Kanzlerin kritisiert den Papst

4. Februar: Der Vatikan reagiert

cht/flo/dpa

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