Katholiken-Krise
Deutsche Bischöfe verlangen erneuten Ausschluss des Holocaust-Leugners
Die Deutsche Bischofskonferenz hat genug: Sie plädiert für die erneute Exkommunikation von Richard Williamson. "Ich sehe keinen Platz für ihn in der katholischen Kirche", sagt Bischof Zollitsch - der Holocaust-Leugner hatte zuvor im SPIEGEL angekündigt, seine Thesen trotz päpstlicher Aufforderung vorerst nicht zu widerrufen.
Bonn/Regensburg/Hamburg - Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, will den Holocaust-Leugner Richard Williamson erneut aus der katholischen Kirche ausschließen. Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch sagte der "Bild am Sonntag": "Herr Williamson ist unmöglich und unverantwortlich. Ich sehe jetzt keinen Platz für ihn in der katholischen Kirche."
AP
Bischof Williamson in Fernsehinterview: Exkommunikation gefordert
In der Causa Williamson will der Freiburger Erzbischof in einen Dialog mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland eintreten. Hierfür habe er der Zentralratsvorsitzenden Charlotte Knobloch zwei Terminvorschläge für ein Treffen gemacht, berichtet die Zeitung. Zollitsch sagte, er hoffe, das Gespräch werde in den nächsten vier Wochen stattfinden.
Auch Papst Benedikt XVI. sucht das Gespräch mit hochrangigen jüdischen Vertretern. Er will sich vor Gesandten des einflussreichen Dachverbandes jüdischer Organisationen in den USA, CPMAJO, zu den Gefahren der Holocaust-Leugnung äußern, teilten Kirchenkreisen mit. Demnach soll sich auch das israelische Ober-Rabbinat bereiterklärt haben, wieder Gespräche mit dem Vatikan zu führen. Die hohen jüdischen Glaubensvertreter hatten den Dialog mit der katholischen Kirche
Ende Januar ausgesetzt.
Vor Zollitsch hatte schon der Regensburger Bischof Gerhard Müller scharfe Sanktionen gegen Williamson gefordert. Der Bischof der erzkonservativen Pius-Bruderschaft müsse "freiwillig oder zwangsweise aus dem Klerikerstand" ausscheiden, schrieb Müller in einer Erklärung, die an diesem Wochenende in den Gottesdiensten in der ostbayerischen Diözese verlesen werden soll. Auch für die drei anderen wieder in die Kirche aufgenommenen Bischöfe der Bruderschaft forderte Müller Konsequenzen. Die sollten auf ihre Weihevollmacht verzichten und nur noch als Priester arbeiten, heißt es in dem Schreiben Müllers, das auf der Internet-Seite des Bistums Regensburg veröffentlicht wurde.
Bischof will "historische Beweise" für den Holocaust suchen
In einem Interview mit dem SPIEGEL hatte Williamson gesagt, er werde seine Thesen zum Holocaust vorerst nicht widerrufen. Er werde zunächst die historischen Beweise prüfen, sagte der Bischof: "Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen."
Williamson erneuerte im SPIEGEL auch seine Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Konzilstexte seien zweideutig: "Das führt zu diesem theologischen Chaos, das wir heute haben." Das Zweite Vatikanische Konzil wird allgemein als zeitgemäße Erneuerung der katholischen Kirche und Wiederannäherung der christlichen Kirchen interpretiert. Die konservative Piusbrüderschaft
lehnt es gerade deshalb ab.
DER PAPST UND DIE PIUSBRUDERSCHAFT
Der
Papst ist das Oberhaupt der
römisch- katholischen Kirche und des Staates
Vatikanstadt. Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt
Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die
römische Kurie bilden.
Der Papst wird im
Konklave, einer Versammlung von
Kardinälen, auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im
Apostolischen Palast neben dem
Petersdom.
Die wichtigste politische Einrichtung der
römischen Kurie ist das
Staatssekretariat, das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des
Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der
Kardinalstaatssekretär – derzeit
Tarcisio Bertone. Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die
neun Kurienkongregationen, die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der
Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur, die
Apostolische Pönitentiarie und die
Rota Romana.
Außerdem setzt der Heilige Stuhl
Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die
Apostolische Kammer, die
Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die
Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls.
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das
Vatikanische Archiv, die
Vatikanische Bibliothek und
Radio Vatikan.
Die
Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der
katholischen Kirche. Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof
Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des
Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt
Religionsfreiheit und
Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum
Schisma.
Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob
Papst Benedikt XVI. die
Exkommunikation auf.
Leitende Brüder der konservativen
Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden
kollektiv schuld am
"Gottesmord", der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des
Antisemitismus.
Indem
Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof
Richard Williamson: Er hatte in einem TV-Interview den
Holocaust und die Existenz von
Gaskammern geleugnet.
Kritisch steht der Bischof auch den universellen Menschenrechten gegenüber: "Wo die Menschenrechte als eine objektive Ordnung verstanden werden, die der Staat durchsetzen soll, da kommt es immer zu einer antichristlichen Politik." Mit Blick auf die Piusbruderschaft sagte Williamson, er wolle "unter keinen Umständen die Kirche und die Bruderschaft" weiter beschädigen.
Williamson war kürzlich zusammen mit drei anderen exkommunizierten Bischöfen der Piusbrüderschaft wieder von Papst Benedikt XVI. in die katholische Kirche aufgenommen worden. Von der Holocaust-Leugnung Williamsons will der Papst dabei nicht gewusst haben. Das Verhalten des Oberhaupts der katholischen Kirche hat zu schweren Spannungen mit dem Judentum geführt, selbst
Kanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein und kritisierte den aus Deutschland stammenden Papst öffentlich.
Kirchenrechtler halten erneute Exkommunikation für möglich
Williamson kann nach Ansicht eines deutschen Kirchenrechtsexperten durchaus erneut exkommuniziert werden. Es handele sich bei der Frage nach dem Völkermord an den europäischen Juden zwar nicht um eine Glaubensfrage, sagte der Trierer Professor für Kirchenrecht, Peter Krämer, dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Dennoch habe die katholische Kirche "die Pflicht, zu ethischen oder sozialen Fragen Stellung zu nehmen und einzuschreiten, wenn aus dem Raum der Kirche die Würde des Menschen verletzt wird". Dies sei der Fall, wenn jemand den Holocaust leugne. Williamson bestreite nicht nur historische Tatsachen, "sondern dahinter steht eine menschenverachtende Ideologie". Papst Benedikt XVI. könne als härteste Maßnahme durchaus die Exkommunikation aussprechen, auch ein mehrjähriges Redeverbot sei möglich.
Auch Monica Herghelegiu, Dozentin für katholisches Kirchenrecht an der Universität Tübingen, hatte schon in der vergangenen Woche
im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE eine erneute Exkommunikation möglich genannt - allerdings nicht wegen der Holocaust-Leugnung, sondern wegen der Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Offen ist die Position der Piusbruderschaft selbst zu Williamson. Sie hat am Freitag einen Priester ausgeschlossen, der
ebenfalls den Holocaust geleugnet hatte.
Der katholischen Kirche laufen Insidern zufolge wegen der Turbulenzen um die umstrittene Piusbruderschaft vermehrt
Mitglieder weg. "Die Austrittswelle hat bereits eingesetzt", sagte der Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, Eberhard von Gemmingen.
DER FALL WILLIAMSON: CHRONIK EINER KRISE
Im Interview mit einem schwedischen Fernsehsender leugnet Richard Williamson die Vergasung von Juden im Dritten Reich: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja."
Der SPIEGEL berichtet, noch vor der Ausstrahlung, über das Fernsehinterview Williamsons.
Ausgestrahlt wird es zwei Tage später, am 21. Januar. Am selben Tag unterschreibt Benedikt seine Entscheidung zur Aufhebung der Exkommunikation.
Am Donnerstag berichtet die italienische Tageszeitung "Il Giornale" über das Dekret.
Am Freitag meldet die katholische Nachrichtenagentur KNA, die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittle gegen Pius-Bischof Williamson wegen Volksverhetzung. Die Meldung wird noch am selben Tag von Radio Vatikan aufgegriffen, als Nachricht gesendet und auf die eigene Internet-Seite gestellt.
Am Samstag
verkündet der Papst offiziell, vier Bischöfe der Piusbruderschaft wieder in die katholische Kirche aufnehmen zu wollen. Vatikan-Sprecher Lombardi begrüßt den "wichtigen Schritt zu einer vollständigen Wiederherstellung der Einheit" der katholischen Kirche.
Die Debatte läuft heiß. Der Vizepräsident des Zentralrats des Juden in Deutschland, Dieter Graumann, bezeichnet die Entscheidung Benedikts als einen "schier unfassbaren Akt von Provokation". Die Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich von Williamson. Der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Heinz-Wilhelm Brockmann, verteidigt den Schritt des Papstes als Versuch, "mehr Einheit in der Kirche herzustellen".
Papst Benedikt XVI.
verurteilt die Leugnung des Holocaust. Er versichert den Juden seine "vollständige und nicht diskutierbare Solidarität".
Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärt, wer den Holocaust leugne, "der leugnet den christlichen Glauben selbst". "Und das ist umso schwerwiegender, wenn es aus dem Mund eines Priesters oder eines Bischofs kommt."
Kurienkardinal Castrillón Hoyos versichert, bei der Erstellung des Dekrets nichts von dem umstrittenen TV-Interview von Williamson gewusst zu haben. Hoyos hatte die Verhandlungen mit den Levebrianern vor der Aufhebung der Exkommunikation geführt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bricht den Dialog mit der katholischen Kirche vorerst ab.
Der Papst ernennt den ultrakonservativen Priester Gerhard Wagner zum
Weihbischof von Linz. Bischof Richard Williamson entschuldigt sich beim Papst für die "Unannehmlichkeiten und Probleme".
Der israelische Minister für Religionsangelegenheiten, Jizchak Cohen, droht im SPIEGEL mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan.
Der renommierte belgische Theologie- und Ethikprofessor Jean-Pierre Wils gibt seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekannt.
Die Piusbrüder verlangen
mehr Macht im Vatikan. Bischof Bernard Tissier de Mallerais sagt der italienischen Zeitung "La Stampa": Er und seine Anhänger wollen sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben. "Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren."
Angela Merkel fordert den Papst
zur Klarstellung auf. Benedikt XVI. müsse in der Debatte um die Piusbruderschaft klarstellen, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf. Dies sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt".
Die katholische Kirche
fordert Williamson auf, seine Thesen zu widerrufen - andernfalls könne der erzkonservative Brite nicht wieder als Bischof eingesetzt werden.
cht/flo/dpa