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10.02.2009
 

Pleite einer Kindertraumfabrik

Adieu Märklin

Strom riecht nach Ozon, in Schwaben brennt Licht und Indianerlanzen lassen Züge entgleisen: Die Insolvenz der Traditionsfirma Märklin legt auch Strecken in der Knabenseele still. Nikolaus von Festenberg wird wehmütig.

Hamburg - Wer durchs Leben dampft, kennt sie: die Endstation Sehnsucht. Von ihr aus gibt es keine Rückfahrkarte in die Realität. Der Ankömmling kann froh sein, wenn er den psychologischen Dienst der Bahnhofsmission findet. Zurzeit brauchen wir alten und jungen Knaben seelischen Beistand. Das ökonomische Schicksal des Modelleisenbahnherstellers Märklin ist ungewiss. Die Psyche leidet.

Da, wo viel Gefühl und weniger Verstand regieren, auf den nostalgischen Feldern der Erinnerung, braut sich etwas zusammen, was in diesen Krisenzeiten noch öfter passieren wird: die Vernebelung der wahren Ursachen, die Entlastung von psychischer Trauerarbeit durch den Aufbau des Fetischs Finanzkrise, der uns nun in seiner Gefräßigkeit auch die Erinnerungen der Jugendzeit rauben will.

Seht die bösen Börsenzocker, wie sie an den tapferen Märklinloks reißen, wie sie auf den Gleisen toben, wie sie all die hübschen Häuschen an den Strecken in wertlosen Immobilienschrott verwandeln, wie sie schwäbisch-deutsche Sorgfalt, all den rührenden Fleiß bei der Rekonstruktion noch des kleinsten Details einer vergangenen Welt, hinwegrechnen! Stören wir solche Gefühlsaufwallungen, versuchen wir eine Therapie.

Ach, "Krokodil", du Lokomotiventraum

Sie erfordert, dass jeder aufgeschreckte Märklinist zunächst einmal seine Gefühle herauslassen darf. Ach, "Krokodil", du Lokomotiventraum. Du warst teuer. Du warst die Inkarnation von Alpenglück, von Schweiz. Du nahmst den Strom von der Oberleitung. Deine Kastenkonstruktion trotzte jeder Windschnittigkeit. Und was ist Strom?

Kein Physikbuch konnte den gelben Stoff so handgreiflich erklären wie das Spielen mit Märklin. Allein das zweifache Drücken auf den Knopf des blauen Trafos löste ein Wunder aus. Die Lokomotivenlampen erglühten wie vom Schlag getroffen, dann fuhr der Zug rührend tapfer rückwärts. Dann roch es nach Ozon, denn Strom duftet nach dem kalten Brodem von Stahlmessern. Der Märklinknabe weiß es.

Er weiß auch, was Schwaben als geistiger Ort ist. Da stehen bescheidene Häuser, deren wichtigste Eigenschaft ausmacht, dass aus ihren vorhanglosen Fenstern das Spielzeuglampenlicht dringt. Denn dunkel hatte es zu sein, wenn der Zug durch die Tunnelröhre das Pappmachégebirge herab in den Bahnhof rollte.

Oh, wie wohl war einem an diesen Märklinabenden, die sorgfältig geklebtengrünen Plastikwiesenmatten lagen friedlich da, der Kunststoff-Mensch, darunter blonde Mädchen mit Kopftuch, wartete ordentlich vor der Schranke, den Bahnsteig bevölkerten gern seriöse Herren, die im Laternenschein Zeitung lasen. Und der Bahnhofsvorsteher hob eine ordentliche Kelle, nicht diese kümmerlichen Stummelscheiben, mit denen der heutige Zugbegleiter herumfuchtelt.

Eine befingerbare Welt

Die Märklinwelt war eine befingerbare Welt. Bevor sie mit väterlicher Unterstützung auf der Modellplatte im Keller in museale Unabänderlichkeit fiel - und allmählich vergessen wurde, weil nichts öder ist als eine funktionierende Bahn -, konnte der kindliche Benutzer seine dreidimensionalen haptischen Erfahrungen machen.

AUS DEM SPIEGEL-TV-ARCHIV

Foto: DPA
Märklin:
Doch Licht am Ende des Tunnels?
(05.02.2008)
Was war schöner, als einen Zug über eine quer gelegte Indianerlanze entgleisen zu lassen. Wie anmutig machten sich Krümel von Blumenerde auf einem offenen Güterwagen aus (und lösten unfreundliche elterliche Interventionen aus). Der kleine Teddy ließ sich in den Waggon pressen, wenn es gelang, die Deckenscheibe des Personenwagens herauszudrücken. Und was für einen Reiz hatte es, Züge zusammenzurangieren, in denen der Speisewagen gleich hinter dem Ölwaggon hing.

Genug geschwelgt. Was hat denn den Spielzeugtraum Eisenbahn bei den Jungen abgeschwächt und bei den Älteren in die Welt steriler Sehnsucht verschoben? Die Entsinnlichung eines Transportmittels. ICE-Züge rasen durch Tunnel. Auf Bahnhöfen stehen leblose Särge. Die Außenhaut ist glatt und versiegelt. Kein Fenster lässt sich öffnen. Der Abschiedsblick scheitert an der Sonnenbrillenverglasung. Kein glaubhaftes Bye-Bye am Zug lässt sich mehr inszenieren.

Der Zug ist abgefahren

Auf den Güterwagen befinden sich Container. Ob Teddy drinsitzt, kann nur gemutmaßt werden. Das schwäbische Häusle in Bahnhofsnähe ist hinter Lärmschutzwänden verschwunden. Beschrankte Bahnübergänge sind an Schnellstrecken verboten, Kopftücher bei Blondinen aus der Mode. Und unter Gebirgen werden Basistunnel gegraben. Die Modernisierung ist dabei, den Kindertraum zu vertilgen. Kindliche Nasen und Finger haben am heutigen Transportwesen kaum noch was zu riechen und anzufassen. Die Bahn ist in das flache Reich der Abbildung abgefahren. Darin sind alle Katzen der Phantasie gleich digital.

Gewiss, das ist traurig. Schade um den pädagogischen Effekt, den das Hantieren hatte, um die Möglichkeit der Märklinwelt, aus Planlosem Planvolles entstehen zu lassen. Vergessen wir aber nicht, dass die kindliche Phantasie der Eisenbahnerhochzeiten der fünfziger und sechziger Jahre sich in eine Welt einüben sollte, in der die Illusion von der Einheit zwischen technischem Fortschritt und heimischer Idylle herrschen sollte.

Dieser Zug ist für immer abgefahren. Keine Finanzhaie haben ihn gestoppt, nur der Fortschritt, dieser Schuft. Weinerlich darf uns Knaben trotzdem werden.

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