Aus Eastbourne berichtet Carsten Volkery
Eastbourne - "Es ist einfach ekelhaft", sagt Katie. Die zierliche 13-Jährige steht im eisigen Wind vor dem Kentucky Fried Chicken auf der Einkaufsstraße von Eastbourne. Sie hat sich für den Abend herausgeputzt, trotz der Kälte trägt sie ein Kleidchen mit Spaghettiträgern. Mit einer Gruppe von Freunden ist sie gerade aus dem Cinema Curzon gekommen, jetzt sind sie lärmend auf der Suche nach etwas zu essen.
Was Katie so "ekelhaft" findet, ist die Sache mit Alfie und Chantelle. Seit dem Wochenende ist das Pärchen Gesprächsthema Nummer eins bei den Teenagern von Eastbourne, einem Hunderttausend-Einwohner-Badeort an der englischen Südküste. Die bloßen Namen sagen den meisten zunächst nichts. Erst wenn man von dem "13-Jährigen mit dem Baby" spricht, sprudeln sie über vor Mitteilungsdrang. "Er hat sich sein Leben versaut", meint der 14-jährige Joss, der mit Freunden vor dem McDonald's steht.
Jeder hat eine Meinung zum "Boy Dad", wie er in der britischen Presse genannt wird. Sie alle kennen die Geschichte bis ins letzte Detail. Sie handelt von dem 13-jährigen Alfie Patten, der so klein ist wie ein Achtjähriger und auch so spricht, weil er noch nicht im Stimmbruch ist, der aber dennoch vor einer Woche Vater geworden ist. Von den beiden anderen Jungs, Richard Goodsell und Tyler Barker, die plötzlich aufgetaucht sind und von sich behaupten, die wirklichen Väter des Neugeborenen zu sein. Und von der 15-jährigen Chantelle Steadman, die sagt, die beiden anderen Jungs würden lügen: Alfie habe sie entjungfert und sei ihre wahre Liebe.
Die Geschichte handelt auch von Alfies Mutter, die ihren Alfie nun zum DNA-Test schicken will. Und von Alfies Halbschwester, die dem Vater Dennis Patten die Schuld gibt, weil der vor zwei Jahren mit einer 19-jährigen Freundin seiner Tochter durchgebrannt ist. Manche Teenager haben sogar davon gehört, dass die Politiker das alles furchtbar finden und Alfie und Chantelle als neuestes Beispiel für die Verwahrlosung der Sitten im Vereinigten Königreich hinstellen.
Herzzerreißend, empörend - und ein Hit auf YouTube
Am vergangenen Freitag hatte die "Sun" die Lawine losgetreten: Von der Titelseite des Boulevardblatts schaute ein kleiner Junge mit großen, unschuldigen Augen den Leser an. Vor ihm lag, ganz in Rosa, ein Baby. "Der Vater mit dem Babyface", stand darüber. Dazu stellten die Zeitungsmacher ein Video-Interview vom Wochenbett auf ihre Internet-Seite. Ein verschüchterter, wortkarger Alfie sollte darin erklären, wie er seine Tochter Maisie großziehen will, und musste erstmal nachfragen, was das Wort "finanziell" bedeutet. Es war herzzerreißend, empörend - und wurde ein Hit auf YouTube.
Seither sind immer neue Protagonisten hinzugekommen. Die Sonntagszeitungen sezierten Familienleben und Umfeld der jungen Eltern und ließen Tanten, Freunde, Fußballtrainer zu Wort kommen. Es war wie in den einschlägigen Talkshows: Nichts blieb ungesagt. Die neun Kinder des untreuen Ehemanns Patten, die siebenköpfige Familie Steadman, die von Sozialhilfe lebt - genug Bilder für das Kino im Kopf. Eastbourne, der schmucke Badeort, in dem ausländische Sprachschüler gern ihr Englisch aufbessern, wurde zur Chiffre des Lotterlebens.
"Die Medien haben das total aufgeblasen", kritisiert Norman Harris, Jugendtrainer beim Fußballclub Eastbourne United. Auf einmal musste er den Namen seines Clubs in der Zeitung lesen, dabei hatte Alfie nie dort gespielt.
Als dann noch die beiden Teenager Tyler und Richard auftraten und die Vaterschaft reklamierten, wurde die Tragödie zur Farce. Dass zur Wahrheitsfindung nun ein DNA-Test herhalten muss, könnte kein Drehbuchautor schöner erfunden haben. Kein Wunder, dass die Geschichte inzwischen von vielen als Entertainment wahrgenommen wird.
PR-Fachmann für Familie Patten
Die Jungs, die den Montagabend in Eastbournes Innenstadt totschlagen, brechen bei der Erwähnung von Alfie zunächst in Lachen aus. "Ich habe fünf Frauen geschwängert", tönt einer. "Inklusive deiner Schwester", sagt ein anderer. Pubertäres Gelächter. "Alfie ist etwa so groß", ein Junge hält sich die Hand an seine Brust und prustet los. So ein Winzling als Papa, das kann doch nur ein Scherz sein.
Doch hinter den altersüblichen Witzen kommt auch Nachdenklichkeit zum Vorschein. Die Geschichte von Alfie und Chantelle spielt nicht in einer anderen Welt. Es ist ihre Stadt. Alfie geht mit einigen von ihnen auf die Schule, und sie sind heilfroh, dass es nicht ihnen passiert ist. "Es war dumm, was er gemacht hat", sagt Joss, der im Jahrgang über Alfie ist. "Sie hätten verhüten müssen", sagt Rayana.
Die Missbilligung ist nicht zu überhören. "Es ist furchtbar", sagt Disney. Insbesondere die ältere Chantelle findet vor den Augen der Jugendlichen keine Gnade. Katie findet, sie hätte abtreiben müssen. Sie sei eigentlich gegen Abtreibung, aber in dem Fall wäre es die beste Lösung gewesen. Alle betonen, dass Schwangerschaften in dem Alter in Eastbourne nicht sehr häufig seien. "In London vielleicht, aber nicht hier", sagt der 14-jährige Jacob. Wie Alfie das mit dem Baby hinkriegen soll, können sie sich nicht vorstellen. Es werde wohl darauf hinauslaufen, dass Chantelle alleinerziehende Mutter wird. Sie wäre nicht die erste 15-Jährige in dieser Lage.
Der Jungvater wird wohl noch einige Zeit den Medientrubel über sich ergehen lassen müssen. Einen PR-Fachmann hat die Familie Patten sich schon zugelegt. 15 Fernsehstationen sollen um die Rechte für einen Dokumentarfilm kämpfen. Die Presseaufsicht untersucht inzwischen, ob die "Sun" gegen das Presserecht verstoßen und 25.000 Pfund an die Familie gezahlt hat.
Manchen Beobachter verwundert, dass die Geschichte überhaupt so große Wellen schlägt. So unglaublich sie klingt - es gibt noch mehr Alfies auf der Insel. Großbritannien liegt bei Teenager-Schwangerschaften in Europa weit vorn. Der "Independent on Sunday" erinnerte an James Sutton, der 1999 Vater von Zwillingen wurde. Er war damals zwölf Jahre alt.
Die Familie blieb zusammen, sie bauten ein Haus, später folgte noch ein drittes Kind. Es gab also ein Happy End. Dennoch sagte Sutton im Rückblick: "Könnte ich es noch einmal machen, würde ich warten, bis ich 20 bin, weil ich meine Kindheit verloren habe."
Auf anderen Social Networks posten:
Nix läuft schief, die Leute kriegen Kinder, mit 13 und mit 33. War das nicht schon immer so? mehr...
Sie setzen die Ehe mit Kinderkriegen gleich, bzw. verknüpfen dies Zwanghaft miteinander. Eine Ehe macht zwar im Falle des Elternwerdens aus steuerlichen Gründen Sinn, aber man gibt mit hundert prozentiger Sicherheit mehr Geld [...] mehr...
Besonders dann wenn die $-Zeichen in den Augen standen. Die Ehe als Steuersparmodell. mehr...
Das habe ich auch schon anders erlebt. mehr...
Ob ich diese Zahlen von einfeindesein nachvollziehen kann, ist was anderes. Aber ob "bildungsferne" Eltern - was immer das heissen soll (verstehe das Wort genau so wenig wie das noch bloedere Wort [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH