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17.02.2009
 

Unrecht gegen Heimkinder

"Ich bin hier nicht als Bittstellerin"

Von Peter Wensierski

Eingesperrt, misshandelt, gedemütigt: Mehr als eine halbe Million Kinder litten in Westdeutschland in kirchlichen und staatlichen Erziehungsheimen. Jetzt soll eine Kommission das Geschehen aufarbeiten. Streit um Wiedergutmachungszahlungen lässt sich dabei kaum ausklammern.

Berlin - "Mein ganzes Leben schämte ich mich, im Heim gewesen zu sein, ich glaubte, ich sei gekennzeichnet und jeder würde es sofort merken." Als Sonja Djurovic, 59, davon sprach, was es heute noch für sie bedeutet, ein Heimkind gewesen zu sein, wurde es ganz still im Saal 1001 des Deutschen Bundestages.

Dort, wo jetzt erstmals eine Art "Wahrheitskommission" zusammenkam, wie es deren Leiterin Antje Vollmer nannte: ein nationaler Runder Tisch, der die Schicksale von Betroffenen aufarbeiten und historisch einordnen soll. Auch ehemalige Erzieher sollen gehört werden. Doch am Dienstag hatten zunächst die Opfer der deutschen Erziehung im Namen von Zucht und Ordnung das Wort.

"Ich bin hier nicht als Bittstellerin, sondern ich verlange im Namen aller ehemaligen Heimkinder eine angemessene Entschädigung als Wiedergutmachung für das an uns begangene Unrecht!", bekräftigte Sonja Djurovic, eine zierliche Frau, die ab 1964 in einem evangelischen Heim in Franken weggesperrt worden war - mehr als vier Jahre lang. Einziger Grund: Ein Freund der Familie hatte versucht, das damals 14-jährige Mädchen zu vergewaltigen. Der Mann kam frei - Sonja ins Erziehungsheim.

"Man hat uns verachtet und uns das auch spüren lassen"

Sonja und die anderen Mädchen mussten in der Landwirtschaft, in der Wäscherei und Näherei hart arbeiten - ohne Lohn. "Wir hatten absolut keine Bildungschancen, die Menschenrechte galten nicht mehr: Briefe wurden zensiert, es gab unmenschliche Strafen, die an Folter grenzten, bei geringsten Vergehen wurde man zusätzlich eingesperrt." Sonja wurde depressiv, weil sie mehr und mehr glaubte, sie selbst trage die Schuld an allem. An ihrem 21. Geburtstag stürzte sie sich aus einem Fenster. Sie überlebte, nach wochenlangem Koma.

"Man hat uns verachtet und uns das auch spüren lassen, alles im Namen einer christlichen Erziehung. Bei vielen Zehntausenden in Deutschland hat das bis heute schwerste Schäden hinterlassen", so Djurovic.

Am Runden Tisch sitzen Vertreter von Caritas und Diakonie, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bischofskonferenz - und wirken nach diesem Appell sichtlich betroffen.

Die katholischen Orden, die bis in die neunziger Jahre viele der westdeutschen Erziehungsheime betrieben haben, mochten nicht direkt dabei sein am Runden Tisch. Dabei treffen ihre Häuser mit den oft wohlklingenden Namen wie "Zum guten Hirten", "Mädchenheim Vincenzhaus" oder "Marienheim" oft die schwersten Vorwürfe bis hin zu zahlreichen Berichten über sexuellen Missbrauch.

Der Runde Tisch unter der Leitung Antje Vollmers wurde auf Empfehlung des Petitionsausschusses des Bundestags eingerichtet. Er soll zwei Jahre lang das Unrecht aufarbeiten, das Kinder zwischen den fünfziger und siebziger Jahren in Heimen der Bundesrepublik erdulden mussten. Auslöser war das 2006 erschienene SPIEGEL-Buch "Schläge im Namen des Herrn", in dem erstmals über das Schicksal ehemaliger Heimkinder berichtet wurde.

"Gewalt war nicht grundsätzlich an der Tagesordnung"

In diesem und im nächsten Jahr sind insgesamt zehn Sitzungen geplant, ein Abschlussbericht soll 2010 vorliegen. Ab sofort wird auch eine telefonisch erreichbare Anlaufstelle für Heimkinder geschaffen.

Zu Beginn des Runden Tisches hielt Vollmer selbst Entschädigungen nicht für ausgeschlossen. Es müsse aber nun "ergebnisoffen" beraten werden. "Wer mitdiskutiert, ist am Ende auch für das Ergebnis mitverantwortlich." Zum jetzigen Zeitpunkt sei jedoch "nichts garantiert", sagte die Vorsitzende des Runden Tisches und ehemalige Bundestagsvizepräsidentin.

Die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche bedauerten in kurzen Statements das Leid der Betroffenen. "Vielleicht kann auch Versöhnung am Ende gelingen", meinte Hans Ulrich Anke von der EKD. "Kinder wurden Opfer von Misshandlung und Ausbeutung. Sie waren einer übelsten Erziehung ausgeliefert. Es tut uns unendlich leid", man werde sich auch Entschädigungsfragen nicht von vorneherein verschließen.

Der Vertreter, den die katholische Bischofskonferenz aus ihrer Bonner Zentrale geschickt hatte, Johannes Stücker-Brüning, war weitaus zurückhaltender. Die deutschen Bischöfe "bedauern es auch, dass Kindern und Jugendlichen Leid zugefügt" worden sei, sagte er zunächst.

Die Bischofskonferenz habe aber "großes Interesse an mehr Gewissheit über diese Einrichtungen". Dann ließ Stücker-Brüning die Katze aus dem Sack: Eine von ihnen gemachte "Sachstandserhebung" habe ergeben, dass "Gewalt nicht grundsätzlich in katholischen Heimen an der Tagesordnung war".

Diese erste Ausarbeitung sei jedoch nur regional erfolgt und daher nicht wirklich aussagekräftig, sie wurde auch nicht publiziert. Daher habe man nun an der Universität Bochum ein neues Forschungsprojekt mitfinanziert.

"In massiver Form Rechte von Kindern verletzt"

Diese Auftragsforschung soll nun also offenbar der weiteren Entlastung dienen. Große Bereitschaft der Katholiken, auch finanziell für eine Wiedergutmachung der Schäden der ihnen einst anvertrauten Menschen heute aufzukommen, signalisierten seine Ausführungen jedenfalls nicht. Aber immerhin, so schloss Stücker-Brüning: "Wir beteiligen uns an der ergebnisoffenen Diskussion dieser kleinen Wahrheitskommission".

Andere Experten am Runden Tisch, die sich zum Versagen der Jugendhilfe und ihrer eigenen Verantwortung bereitwilliger stellen, äußerten sich weitaus klarer.

Der Vorsitzende des Deutschen Institutes für Jugendhilfe und Familienrecht in Heidelberg, Thomas Mörsberger, bekannte: "Erschreckend ist die Erkenntnis, dass auch zu einer Zeit, als sich die Bundesrepublik schon als freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat verstanden hat, in massiver Form elementare Rechte von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Jugendhilfe verletzt worden sind."

Hans-Siegfried Wiegand, Vorsitzender des Vereins ehemaliger Heimkinder, erwartet nun "zwei äußerst spannende Jahre am Runden Tisch".

Für ihn waren die Äußerungen der hannoverschen Bischöfin Margot Käßmann wohltuend, die gesagt hatte, sie schäme sich dafür, dass in den kirchlichen Einrichtungen der Wille der Kinder gebrochen worden ist. "Damit hat sie eine Brücke zu uns geschlagen." Aber nur, fügt er hinzu, "nur, wenn beide Kirchen eine Brücke zu uns schlagen, kann dieser Runde Tisch zu einem guten Ergebnis führen."

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24.02.2010 von Gockeline: Bei den Mißbrauchsopfer ist die Verjährung in Kraft

bei den Heimkinder will man Entschädigung? Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Sexuelle Opfervon Priester werden niedriger gestuft als die Heimkinder? Es muß alles aufgedeckt werden um der Kirche ihre Fehler aufzuzeigen.Damit [...] mehr...

23.02.2010 von Joachim Baum:

Von den religiösen Institutionen, die die Mehrzahl der Heime betrieb, kann man das aber zum damaligen Zeitpunkt nicht behaupten - deren heutige Vermögenswerte (immer noch) sprechen ein ganz andere Sprache. (und es wird ja auch [...] mehr...

22.02.2010 von spiegel-hai: .

Bevor man das pauschal verurteilt sollte man berücksichtigen, daß die Vorstellung von 'Erziehung' und deren Mitteln einfach nicht den heutigen Idealen entsprochen haben - die berühmte antiautoritäre Erziehung, sozusagen der [...] mehr...

21.02.2010 von Bernhard Fischer:

Genau! Doch die Fixierung auf die katholische Kirche blendet aus, dass Missbrauch überall dort auftreten kann, wo Macht und falsch verstandene Autorität auf das Vertrauen und die Ohnmacht von Schutzbefohlenen treffen. Für [...] mehr...

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