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Wickelfront Ein bisschen Rabenvater

3. Teil: Eifersucht auf die Erzieherinnen

Aber vielleicht werden sie auch Hausfrau und Mutter, ohne dass einer die Nase rümpft, weil Familie dann wieder was zählt. Dass es ihren Papa beim Spagat zwischen Wickelkommando und Schreibtisch zerreißt, macht ja nichts. Jede revolutionäre Entwicklung fordert ihre Opfer. Papa Guevara - mein Porträt würde sich gut machen auf den T-Shirts meiner Mädels, später mal.

Während Fanny und Lilly sich gerade in ihrer "Allmachtsphase" befinden, wird mir meine Ohnmacht auf Schritt und Tritt vorgeführt. Wie lange wir bis zur Kindertagesstätte brauchen, ist schwer zu sagen, vor allem wenn die Zwillinge laufen wollen. Fanny, ganz die zielstrebige und sportliche Natur ihrer Mutter, könnte es allein in 20 Minuten schaffen, wenn sie will.

Lilly lässt sich wahrscheinlich noch die nächsten Jahre schieben und beharrt lautstark darauf, an interessanten Stellen aus dem Wagen gehoben zu werden, um ihren wechselnden Vorlieben nachzugehen: Steine umdrehen, Baukräne anstarren, Pflanzen betrachten, berühren und abbrechen oder auch - neuestes Hobby - an den Straßenrand gestellte Mülltüten inspizieren. So entdecken die Kinder die Welt, und ich suche nach meinem Gleichmut. Der Kita nähern wir uns nur als Springprozession.

In solchen Situationen liebe ich kluge Therapeuten-Ratschläge. "Wenn Sie glauben, dass für die Entwicklung Ihrer Kinder am Morgen kein Platz ist", empfiehlt der Konfliktexperte Jesper Juul, "dann müssen Sie eben mehr Zeit einplanen." Spaßbrötchen, dänisches.

Am liebsten würde ich diese ganzen Therapeuten auf den Mond schießen und, in schwachen Stunden, die Kinder gleich mit. Aber das darf man ja nicht mal denken, wenn man nicht den insgeheim gehegten, manchmal aber auch laut geäußerten Verdacht auf sich ziehen will, ein Rabenvater zu sein.

An etlichen Tagen - und das gilt für viele Kinder - ist es übrigens so, dass die Kleinen froh sind, ihre Eltern loszuwerden. Wir Erwachsenen sind es, die sich nicht trennen, ihre Eifersucht auf die Erzieherinnen kaum unterdrücken können.

Es ist ja schön, wenn die Kinder sich wohlfühlen, aber dass sich abends vor dem Einschlafen die magische Laterne, die so schöne Schattenbilder an die Wand wirft, bei Lilly öfter für ihre Betreuerinnen im Kindergarten dreht als für den Vater, das geht mir doch zu weit. Da muss ich meiner Schwiegermutter ausnahmsweise recht geben.

Zehnmal soll sich das Licht für diese Helga drehen, danach für Sandra, Petra, Simone, Regine, Marina und Henny - und dann erst für die Oma. Bringt diese Krippe unsere Kinder denn um jedes Gefühl für Familie? Jedenfalls sind die Zwillinge am Morgen schneller weg, als mir oft lieb ist. Sie sind einfach ab durch die Tür, tauchen ein in ihre Welt - Lilly zu den "Tigern", Fanny zu den "Löwen". Ganz problemlos, zumeist jedenfalls.

Rosa hält mir noch die Treue und bricht mir dadurch das Herz. Mein Arm ist Rosa eindeutig lieber als die große hölzerne Legokiste.

Die "Strubbelkinder"-Leiterin Regine kennt den bangen Blick von Vätern und Müttern. "Seid beruhigt, wir rufen an, sobald sie länger als üblich weinen", hat sie uns getröstet. Länger als üblich? Was ist denn üblich? "Das entscheiden wir nach Gefühl", sagt Regine. "Vertraut uns." Ich gehe. Rosa schreit.

Auf dem Weg zur U-Bahn ins Büro, wo ich heute bestimmt als Letzter aufschlage, trage ich mein Haupt gesenkt und frage mich, ob meine drei Mädels irgendwann Vergeltung üben werden für meine Hartherzigkeit - wenn sie dereinst ihren klapprigen Vater vorzeitig in ein Heim einweisen. Vielleicht sind sie dann nicht so brutal zu mir wie ich heute zu ihnen.

Vielleicht kommen sie nach dem Sonntagsbesuch bei ihrem alten Herrn ja noch einmal zu ihm ans Bett zurück - wenn sie draußen im Flur sein Weinen hören.

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