Rom - Am Samstagnachmittag saßen in der Gemeindekirche des Vatikan, der Barockkapelle St. Anna, die neuen Kommunarden und hörten zu, was Pater Stefano ihnen zu sagen hatte.
Der Pater sprach von den "peccati", den Sünden und der Buße, dem Beichten und der frohen Botschaft. Er sprach von den Kindern in der dritten Person, und sobald jemand ein wenig tuschelte, fuhr die fromme Diakonisse dazwischen. In den Bänken von St. Anna saßen acht- und neunjährige Mädchen, mit langgebürsteten Pferdeschwänzchen und fragten sich, was Pater Stefano mit Sünde wohl meinen könnte.
Nun, da gibt es etwa den Fall jenes neunjährigen Mädchens aus Recife im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco.
Das Kind war, zusammen mit seiner körperbehinderten Schwester, jahrelang von seinem 23-jährigen Stiefvater missbraucht worden. Dann klagte es über "Bauchschmerzen". Sie war in der 15. Woche mit Zwillingen schwanger.
Die 39-jährige Mutter des Mädchens erklärte, sie habe von dem Missbrauch nichts mitbekommen. Sie hatte ihren Lebensgefährten der Polizei angezeigt. Der Vergewaltiger gab an, er habe das Mädchen nicht penetriert, habe nur auf deren Körper ejakuliert. Aber wer glaubt schon an unbefleckte Empfängnis?
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Der behandelnde Gynäkologe, José Severiano Cavalcanti, empfahl eine rasche Abtreibung, um "Gefahr für Leib und Leben" des Mädchens abzuwenden. Die Neunjährige ist 1 Meter 30 groß und wiegt gerade 36 Kilogramm. Es seien keine Brüste entwickelt, die Organe zu schwach und auch das Becken viel zu schmal, um ein Kind auszutragen, geschweige denn Zwillinge. In Brasilien, einem sehr christlichen Land, sind Abtreibungen streng verboten, es sei denn, es liegt eine Vergewaltigung vor oder es drohten Gefahren für die Mutter. Deswegen sterben in Brasilien jährlich Tausende Frauen an den Folgen illegaler Abtreibungen.
Der Erzbischof von Olinda und Recife, José Cardoso Sobrinho, hatte dennoch eine Fortführung der Schwangerschaft gefordert. Ganz in Einklang mit lebensbejahenden Position seiner Kirche erklärte er, "Gesetze der Menschen (dürften sich) nicht über die Gesetze Gottes stellen". Ein Abort sei "Mord an zwei Unschuldigen", womit der Erzbischof nicht die Neunjährige meinte.
Die Anwältin des Bistums erklärte, das Mädchen selbst würde die Zwillinge gerne austragen und dann gemeinsam mit ihrer älteren Schwester großziehen. Sie erklärte nicht, dass die Neunjährige im Falle ihres Todes auch eine gute Chance hätte, als Märtyrerin des Glaubens zügig seliggesprochen zu werden.
Nachdem am Mittwoch voriger Woche der Eingriff erfolgreich durchgeführt worden war, sprach der Erzbischof von einem "Verbrechen" und "Verstoß gegen die Gesetze Gottes" und exkommunizierte die Mutter des Mädchens, den Gynäkologen und weitere in den Fall involvierte Personen. Der Stiefvater wurde dagegen nicht exkommuniziert. Was manch einen wunderte. Besonders die üblichen Kritiker der katholischen Kirche. Aber das ist ungerecht.
Denn erstens ist der Täter gar nicht katholisch, sondern Mitglied einer evangelischen Sekte, und nach Medienberichten ein sehr gläubiges noch dazu. Und außerdem hätte sich der Mann auch kirchenrechtlich nicht schuldig gemacht. Denn er war an der Tötung werdenden Lebens nicht beteiligt, im Gegenteil, er war dagegen.
Anders offenbar als die Vergewaltigung einer Neunjährigen konnte er einen Schwangerschaftsabbruch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Hat der Mann gesagt.
Das mag auch im Sinne der geltenden katholischen Doktrin sein. Vor allem beweist es, dass auch das Luthersche Gewissen durchaus in der Lage ist, Monstren zu gebären.
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