Von Katrin Elger, Guido Kleinhubbert und Daniel Steinvorth
Verbandschef Ünlü glaubt, dass in den Küstengebieten der Türkei der Großteil der alkoholischen Getränke aus illegalen Quellen stammen: "60 bis 70 Prozent der Spirituosen sind nicht versteuert - weil sie entweder gepanscht oder geschmuggelt wurden." Noch verkommener beurteilt Fettah Tamince, Besitzer des "Rixos"-Hotels in Mugla, die Verhältnisse. Schon 2006 behauptete der Kaufmann, dass 90 Prozent der türkischen All-Inklusive-Hotels minderwertigen Alkohol an ihre Gäste ausschenkten. Sogar das türkische Landwirtschaftsministerium gibt inzwischen Warnhinweise heraus, worauf beim Kauf von Alkohol zu achten sei.
"Für die Klasse würde ich meine Hand ins Feuer legen"
Die elf Schüler des Bildungszentrums Mortzfeld hatten in den Wochen vor ihrem Mittelmeer-Trip für den Realschulabschluss im Sommer gebüffelt. Von den Fährnissen und Gefahren der türkischen Gastronomie hatten sie keine Ahnung.
Immer wieder bleiben Jugendliche vor dem Tisch im Eingangsbereich der Lübecker Privatschule stehen. Kerzen brennen, neben das Bild des verstorbenen Rafael N. hat jemand einen Teddybär gelegt und einen Abschiedsbrief: "In unserem Herzen wirst Du weiterleben."
Schulleitung, Lehrer, Schüler und Eltern haben sich untergehakt und eine Art Nachrichtensperre verabredet. "Wir versuchen so gut wie möglich wieder Normalität zu schaffen", sagt Informatiklehrer Manfred Königs, "und dafür zu sorgen, dass die Jugendlichen aus ihrer Täterrolle herauskommen."
Viele Gerüchte geisterten in den ersten Tagen durch die Medien. Von Drogen war die Rede und davon, dass Rafael N. im Suff sogar Parfum getrunken habe. Hemmungslose Sauforgien im All-Inclusive-Hotel? Party statt Kulturprogramm?
"Schwachsinn", sagt Königs, 48. Die Klasse habe sich die Türkei als Reiseziel ausgesucht, weil vier der Schüler einen türkischen Hintergrund hätten. Und nicht, um sich möglichst preisgünstig zu betrinken. "Die wollten ihren Freunden ihre Heimat und Kultur zeigen", so Königs. "Für die Klasse würde ich meine Hand ins Feuer legen, es gab niemals auch nur andeutungsweise Probleme."
Das ist womöglich etwas gewagt. So gibt es Aussagen, wonach es zwischen dem mitreisenden Lehrer S. und Rafael N. eine Auseinandersetzung über dessen Alkoholkonsum gegeben habe. Unklar ist auch, ob S. eine Aufsichtspflicht gegenüber dem bereits 21-jährigen Schüler N. gehabt habe. Rafaels Eltern haben Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Sie wollen nicht nur ermittelt wissen, wer den Wodka verkauft hat, sondern auch geklärt haben, ob das BZM Aufsichtspflichten verletzt habe.
Albrecht S. hat sich in ärztliche Betreuung begeben und ist derzeit freigestellt. Er gilt als einer der strengsten Lehrer der Schule.
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