SPIEGEL ONLINE: Wie verändert die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise die internationale Mode?
Aljona Dolezkaja: Zweifelsohne wird es Veränderungen geben. Aber sie wird einen Designer wie Karl Lagerfeld nicht weniger kreativ machen. Modehäusern allerdings, die falsch aufgebaut und ausgerichtet sind, wird es schwerfallen zu überleben.
SPIEGEL ONLINE: Die Münchner Firma Escada, an der sich auch ein russischer Investor beteiligt hat, ist in schweres Fahrwasser geraten. Welche bekannten Marken werden verschwinden?
Dolezkaja: Das weiß niemand. Auch viele Unternehmen, die schon lange auf dem Markt sind, haben es nicht leicht. Louis Vuitton, Christian Dior beispielsweise oder auch die Juweliere Tiffany und Cartier wissen, wie sie einen großen Tanker durch einen Sturm steuern. Natürlich hängt nicht alles von Größe ab. Der Zugang zu einem Markt ist wichtig und das Talent und die Hartnäckigkeit konkreter Designer.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass die Krise die Designer besser machen wird?
Dolezkaja: Die Modelandschaft sortiert sich neu. Die DNA, der genetische Fingerabdruck eines Designers, wird wichtiger. Eine Weile schien es fast genug zu sein, eine schwarze Jeans, ein schwarzes Shirt zu machen und dann Cavalli, Fendi oder so darauf zu drucken. Es ist klar, dass dies nun nicht mehr ausreicht. Auf die eigene Handschrift kommt es an.
Dolezkaja: Sparen werden alle. Aber wer die Mode liebt, wird sich auch weiter etwas Besonderes gönnen. Einen Mantel von Marc Jacobs oder einen Pelz von Dolce & Gabbana. Und dann vielleicht dazu ein modisches, aber preisgünstigeres Kleidungsstück bei Gap, H&M oder Next, ein Shirt, eine Bluse. Die Krise ist die Stunde der Straßenmode, der street fashion.
SPIEGEL ONLINE: Moskau war in den Jahren des Booms das Klondike der internationalen Mode. Jetzt gehen die Umsätze der Luxusmarken drastisch zurück. Wie tief wird der Fall?
Dolezkaja: Wer weiß das schon? Ich bin aber sicher, dass die russischen Frauen die letzten sein werden, die aufhören mit der Mode zu gehen. Sie werden ihr letztes Geld ausgeben, um gut auszusehen. Und sie werden ihre Kreativität spielen lassen.
SPIEGEL ONLINE: Karl Lagerfeld hat eine spezielle Kollektion "Paris-Moskau" entworfen, Roberto Cavalli reist seit einiger Zeit regelmäßig nach Moskau. Alle lockte das Geld.
Dolezkaja: Sicher hatten die russischen Kunden in den vergangenen Jahren mehr Geld als vor zehn Jahren. Das ist aber nicht das Entscheidende. Die russische Kultur hat Europa und die Mode schon immer befruchtet. Dem hat Karl Rechnung getragen. Das ist nichts Neues. Er selbst hat nicht nur einmal seine Kollektionen am russischen Konstruktivismus der zwanziger Jahre ausgerichtet: an seinen Farben, seiner Geometrie und den idealen Proportionen. Yves Saint Laurent entwarf 1976 eine russische Kollektion, also zu einer Zeit, als es schwierig war, diese überhaupt in Moskau zu zeigen. Und denken Sie an Coco Chanel und Großfürst Dmitrij Pawlowitsch. Eine kurze Affäre, die in eine Verliebtheit und eine schöne "russische Periode" mündete. Aus diesem Grund hat es etwas sehr Natürliches, dass Karl Lagerfeld für Chanel im Dezember die Kollektion "Paris-Moskau" zeigte.
SPIEGEL ONLINE: Naomi Campbell lebt in Moskau mit dem russischen Oligarchen Wladislaw Doronin zusammen. Wie verändert sie die Modeszene in der russischen Hauptstadt?
Dolezkaja: Sicherlich zum Besseren. Sie liebt die Mode von Herzen und die Modewelt liebt sie. Sie hilft dabei, Moskau einen größeren Platz auf der Fashion-Weltkarte zu erobern. Naomi ist eines der wenigen wirklichen Supermodels und ein phantastischer Profi. Die Cover, die wir mit ihr in den vergangenen Jahren gemacht haben, gehören zu meinen Favoriten.
SPIEGEL ONLINE: Noch vor einem Jahr war die russische "Vogue" dick wie ein Telefonbuch. Wie geht es Ihrer Zeitschrift nun?
Dolezkaja: Unsere April-Nummer hat immerhin noch mehr als 300 Seiten. Das ist weniger als in den Jahren des Booms, entspricht aber dem Niveau von 2005 - und auch da ging es uns nicht schlecht.
Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau
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