Aus Cleveland berichtet Cordula Meyer
Cleveland - Das gecharterte Flugzeug stand auf dem Flughafen Burke nahe der Innenstadt von Cleveland bereit. Der US-Nachrichtensender CNN zeigte Luftaufnahmen der Maschine, die John Demjanjuk Richtung München bringen sollte. Die Beamten der Einwanderungsbehörde hatten Demjanjuk schon abgeholt. Die Bilder des Greises, den mehrere Männer samt Rollstuhl aus dem Haus trugen, wurden in alle Welt gesendet. Dann wartete Demjanjuk in einer Art Zelle der Einwanderungsbehörde in Cleveland auf den Weitertransport zum Flughafen.
Demjanjuks Sohn war derweilen in seinem Pick-up-Truck mit Papieren und einem Video zum zuständigen Bundesberufungsgericht in Cincinnati gerast, um dort im letzten Moment Einspruch einzulegen - gegen die Entscheidung des Obersten US-Einwanderungsgerichts, wonach sein Vater abgeschoben werden könne.
Zu spät, wie es schien, denn kurz nachdem der Sohn die Unterlagen abgegeben hatte, holten die Behörden den mutmaßlichen KZ-Wächter aus dem Haus. Vera, seine Ehefrau, saß mit den beiden erwachsenen Töchtern Irene und Lydia weinend im Wohnzimmer, auch die Enkelkinder Olivia und der zehn Jahre alte Zachary waren dabei. Demjanjuks Priester war gekommen, um ihm die Beichte abzunehmen.
Ex-Schwiegersohn Ed Nishnic, Sprecher der Familie, versuchte, die sechs Einwanderungsbeamten des ICE (Immigration and Customs Enforcement) an der Haustür hinzuhalten. "Es war wirklich chaotisch", sagte Nishnic SPIEGEL ONLINE. "Keiner schien zu wissen, was zu tun war. Ich habe versucht, Zeit zu gewinnen und gesagt, dass der Priester noch da ist, dass wir noch packen müssen, habe gefragt, warum es keinen Krankenwagen gibt." Nishnic gibt an, er habe auf den zuständigen Beamten eingeredet, doch wenigstens ein oder zwei Stunden zu warten, bis das Gericht eine Entscheidung habe treffen können - erfolglos.
Die Beamten hoben Demjanjuk an Armen und Beinen in einen Rollstuhl. Sie wollten ihn diskret in der Garage ins Auto einladen, aber die Familie lehnte das ab. "Die Welt soll sehen, was sie mit ihm machen", so Nishnic. Er habe seinem Ex-Schwiegervater noch eingeschärft: "Sag kein Wort. Diese Leute sind nicht auf deiner Seite." Demjanjuks Abtransport in einem weißen Lieferwagen wurde dann auch von etlichen TV-Crews gefilmt, die seit Tagen rund um die Uhr vor dem adretten, gelbgeklinkerten Haus der Demjanjuks ausharren.
Dann die dramatische Wende: Das Gericht stoppte die Auslieferung vorübergehend mit einer Eilanordnung. Die drei Bundesrichter gaben an, sie hätten ihre Entscheidung getroffen, nachdem sie die zwischen "irreparablem Schaden für Demjanjuk, dem Schaden für andere und dem der Öffentlichkeit" abgewogen hätten. Tatsächlich würde Demjanjuk wohl nie mehr in die USA zurückkehren können, sollte er einmal das Land verlassen haben. Seine Anwälte argumentieren, ihm drohe in Deutschland "Folter", weil ihn die Bundesrepublik trotz seines Gesundheitszustandes einem Prozess aussetzen wolle.
Die Beweise wiegen schwer
Die Staatsanwaltschaft München hatte am 10. März Haftbefehl gegen Demjanjuk erlassen und somit seine Abschiebung nach Deutschland erst möglich gemacht. Sie wirft dem 89-Jährigen Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen vor. Als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im von Deutschland besetzten Polen habe Demjanjuk geholfen, Zehntausende Menschen ins Gas zu treiben. Demjanjuk hat stets bestritten, Wachmann gewesen zu sein. Doch die Beweise der Ermittler wiegen schwer.
Bereits 2002 hatte ein US-Gericht Demjanjuk die US-Staatsbürgerschaft aberkannt, der US Supreme Court lehnte seinen letzten Einspruch im Mai 2008 ab. Damit sollte der Rechtsweg eigentlich ausgeschöpft gewesen sein. Doch Demjanjuks Verteidiger argumentieren nun mit der neuen Lage in Deutschland und dem verschlechterten Gesundheitszustand ihres Mandaten, um sich weiter durch alle Instanzen zu bewegen.
Offenbar zur Überraschung der deutschen Behörden, die mit einem so öffentlichen juristischen Tauziehen nicht gerechnet hatten und zum zunehmenden Ärger der Nazi-Jäger-Einheit OSI (Office of Special Investigation) im US-Justizministerium, das auf eine zügige Überstellung Demjanjuks drängt. "Das Ministerium wird weiter vor Gericht in dieser Sache prozessieren", kommentierte eine Sprecherin der obersten US-Justizbehörde kühl.
"Groteske Verharmlosung des Wortes Folter"
Die Anwälte des Justizministeriums hatten argumentiert, der Eilantrag Demjanjuks sei "offensichtlich unseriös". Wenn er behaupte, ihm drohe im Rechtstaat Deutschland "Folter", sei das eine "groteske Verharmlosung des Wortes. Die schrecklichen Leiden der wirklichen Folteropfer, etwa der in Sobibor, werden verhöhnt." Es entbehre nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Demjanjuk sich auf Schutz vor Folter berufe, "der selbst einem Regime diente, das in unvorstellbaren Ausmaß gemordet und gefoltert hat". Trotzdem entschieden die Berufungsrichter gegen das Justizministerium. Nun haben sie erst einmal Zeit gewonnen, um zu entscheiden, ob sie überhaupt zuständig sind und ob sie tatsächlich ein Verfahren neu eröffnen wollen. Wie lange es bis zu dieser Entscheidung noch dauert, ist völlig unklar.
Ed Nishnic war sofort nach dem Richterspruch um 16:30 Uhr Ortszeit losgefahren, um seinen Ex-Schwiegervater nach Hause zu holen. Im Büro der Einwanderungsbehörde, im fünften Stock eines Verwaltungshochhauses, konnte er ihn kurz sprechen, "durch eine Plexiglasscheibe, wie bei einem Kriminellen", wie er sagt. Ein Arzt und ein Pfleger hätten ihn im Rollstuhl an die Trennscheibe gerollt. Er, so Nishnic, habe Demjanjuk gesagt: "Du wirst erst einmal nicht nach Deutschland gehen." Aber nach Hause durfte er auch noch nicht.
Im Vorzimmer des Einwanderungsbüros bearbeitete Nishnic deshalb den zuständigen ICE-Beamten Charles Winner, Demjanjuk sofort freizulassen. Doch der druckste herum, sprach von Anrufen, die er mache müsse, Entscheidungen, die woanders getroffen würden. Schließlich, gegen kurz vor sieben, bestellt ein Beamter Nishnic und den inzwischen aus Cincinnati zurückgekehrten Sohn John in die Tiefgarage der Behörde. Wenige Minuten später rauschen sie mit ihrem dunkelgrauen Pick-up wieder heraus. Auf der Rückbank, hinter den getönten Scheiben: John Demjanjuk. Ohne Rollstuhl, ohne Krankenwagen.
Auch die wenigen Meter von der Garage bis an sein Krankenbett kann er mit Hilfe seiner Verwandten gehen.
Die Familie sei glücklich, sagt Nishnic später in die TV-Kameras. Und Sohn John Jr. bereitet die nächste Runde in der Verteidigung seines Vaters vor. Die US-Justizbehörden hätten das Tempo nur deshalb so forciert, weil den deutschen Behörden "angesichts der Krankheiten" Demjanjuks nun "Zweifel" gekommen seien.
Demjanjuk Jr. hofft nun, dass die deutsche Seite wegen des Gesundheitszustandes seines Vaters das Interesse an einem Prozess und damit auch an einer Abschiebung verliert.
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