Aus Jordanien berichtet Alexander Smoltczyk
Und Mose stieg aus dem Jordantal auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land" (5. Mose, 34).
Der Hüter des Moses-Berges heißt Pater Hartwig Huckle und kommt aus dem Schwabenland. "Ach, aus dem Schwabenland", sagt ihm der Papst und spricht das A ganz tief im Hals, so dass es klingt wie ein schwedisches Å. Und geht weiter, bis an den Rand des Berges Nebo, an die Brüstung, wo vor neun Jahren sein Vorgänger schon stand und davor schon Mose, und auf das heilige Land schauten.
Ein kühler Wind weht aus Westen hoch, vom Toten Meer, aber die Luft ist so milchig, dass man Jericho, die älteste Stadt der Welt, da 400 Meter tiefer unten nur erahnen kann und die Hochsicherheitsanlagen, die Stacheldrahtzäune, Wachtürme und Sicherheitsschleusen im Jordantal sowieso nicht.
Das ist auch besser so. Benedikt jedenfalls spricht von der "wunderbaren Aussicht" auf das Jordantal und von Gott: "Wie Mose hat er auch uns bei unserem Namen gerufen, uns eingeladen, Tag für Tag aus der Sünde und der Sklaverei hinauszuziehen", sagt er in seiner Ansprache auf dem Vorplatz.
Pater Hartwig ist Franziskaner. Er hat zwanzig Jahre lang in Jerusalem gelebt, der hier versprochenen Stadt Davids. Jetzt hütet er mit zwei Mitbrüdern den Moses-Berg. Schöne Aussichten hat er jeden Tag. "Benedikt", sagt der Mönch, "muss da hinuntergehen, nach Jerusalem und die Wahrheit sagen. Das ist alles, was wir von dieser Reise erwarten."
Aber was ist Wahrheit?
"Dass Menschen menschenwürdig behandelt werden wollen, auch wenn sie Araber sind", sagt Pater Hartwig Huckle. "Und dass man sie nicht wie Vieh behandelt, wenn sie jeden Morgen über die Grenze zur Arbeit gehen." Der Papst könne nicht nach Bethlehem pilgern und die Mauer dort nicht sehen. "Denn das ist die Wahrheit. Wir brauchen Druck von außen." Sagt Pater Hartwig.
Die vielleicht schwerste Woche Benedikts Pontifikats
Der Papst hat seine Pilgerreise wie auf Samtpfoten begonnen. Schon im Flugzeug, bei dem rituellen Pressegespräch auf Reiseflughöhe, machte er sich klein: "Wir sind keine politische, sondern eine geistige Macht."
Als Pilger zu den heiligen Stätten komme er, nicht als Lehrer, Missionar, Diplomat. "Wir müssen alles tun, um die Sprache des anderen zu erlernen." Für einige mitreisende Vatikanisten war das schon zu viel an Demut. Sie wünschen sich weniger Leisetreterei und mehr vom Regensburg-Papst, dem unbequemen Provokateur auf dem Stuhle Petri. Das ist leicht gesagt. Vor dem 82-Jährigen liegt vielleicht die schwerste Woche seines Pontifikats. Der heilige Boden ist ein Minenfeld.
Drei volle Tage, weit mehr als sein Vorgänger, hat Benedikt sich Zeit genommen für Jordanien, das erste arabische Land, das er besucht. Das ist eine Verbeugung vor dem humanistischen Islam, der von der Haschemiten-Königsfamilie gefördert wird. Zwischen dem letzten Besuch eines Papstes, im Jahr 2000, und heute liegen zwei Daten. Ein 11. September und ein 12. September. Der Anschlag in New York und die Rede von Regensburg. Da sind drei Tage nicht zu viel, um sich besser verstehen zu lernen.
In der König-Hussein-Moschee am Rande von Amman, einem festungsartigen Bau aus hellem Muschelkalk, von weitem zu sehen, wurde ein Läufer aus Hanffaser auf den Boden gelegt, damit Seiner Heiligkeit das Ausziehen der Schuhe erspart bleibe. Prinz Ghazi Bin Mohammed Bin Talal, Cousin und spiritueller Ratgeber des Königs, sprach aus Gastfreundschaft in Englisch und hatte mit Cut & Paste ganze Passagen einer päpstlichen Ansprache in die eigene Rede genommen.
Haschemiten ehren den Papst
Als das R-Wort zum ersten Mal zu hören war, (es klang wie "Riedschensbörg"), war keine Reaktion im Gesicht Benedikts zu sehen. "Ich möchte eurer Heiligkeit für das Bedauern danken, dass sie nach der Regensburger Rede äußerten", sagte Prinz Ghazi zum Papst. Und verneigte sich vor dessen "Courage, seinem Gewissen zu folgen und es auszusprechen, egal, ob es gerade die Mode des Tages ist."
Freundlicher geht es kaum. Der Papst scheint am Hofe der Haschemiten respektierter zu sein als in weiten Landstriche nördlich der Alpen.
In Amman hatte es nach Regensburg das "Gemeinsame Wort" gegeben, eine Erklärung, in der 138 islamische Geistliche Gottesliebe mit Nächstenliebe verschränkten und die Gewalt im Namen Gottes verurteilten.
"Religionen dürfen nicht politisch manipuliert werden"
In seiner Antwort lobte der Papst diese Initiative. Wenn auch mit müder Stimme, leicht heiser und ohne ein einziges Wort außerhalb des Manuskripts. Religionen dürften nicht politisch manipuliert werden, das sei der "wahre Katalysator für Spannung und Spaltung", sagte er. "Die Muslime verehren Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Und als an den einen Gott Glaubende wissen wir, dass die menschliche Vernunft selbst Gabe Gottes ist."
Religion schütze die Gesellschaft vor den "Auswüchsen eines ungezügelten Ego" und stelle sicher, "dass Freiheit Hand in Hand mit der Wahrheit ausgeübt wird."
Religionsfreiheit sei nicht nur eine Frage des Kultes, sondern meine etwa auch das Recht von Minderheiten zur vollen Beteiligung am Arbeitsmarkt.
Alexander Smoltczyk:
"Vatikanistan"
Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt.
Heyne Verlag, 352 Seiten, 17,95 Euro.
Auf dem Berg Mose sitzt Franziskanerpater Hartwig Huckle unter staubigen Oleandern und Krüppelpinien und sagt: "Er ist müde gewesen, als er zu uns auf den Berg kam. Nicht ganz so müde wie Mose vielleicht, aber ziemlich erschöpft …"
Der Mönch hat die Rede Benedikts in der Hussein-Moschee im Fernsehen gesehen. Etwas ist ihm aufgefallen: "Der Papst hätte nur ein Wort auf Arabisch sagen können, und sei es Salam aleikum gewesen, wie wäre dann der Funke übergesprungen. Aber er kann das nicht. Er ist nicht Johannes Paul. Irgendetwas hemmt ihn."
Papst Benedikt pilgert durch das ganze heilige Land. Er wird 28 Ansprachen halten, darunter vier Messen. Er wird Tausende von Würdenträgern der drei abrahamitischen Religionen begrüßen und in jedem Moment wissen, dass hier, zwischen Moses-Berg und Jerusalem, jedes Wort, jede Geste einen Krieg auslösen kann, dass nichts vergessen und vergeben wird.
Das Gebet sei eine Macht, hat der Papst gesagt. Ein Satz, der nicht absurder ist als andere, die hier im verheißenen Land schon gesagt wurden. Alle anderen Mächte jedenfalls haben bislang hoffnungslos versagt.
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