Von Sebastian Fischer und Angela Gatterburg
Manchmal schleicht sich die Armut langsam ins Leben. So wie bei Anna Richter*. Sie war eine fleißige Schülerin, machte einen guten Abschluss, eine Lehre als Bürokauffrau - und fühlte sich doch in dieser Teenagerzeit auf eine beklemmende Weise unwohl. Die Krankheit, die sie befallen hatte, heißt Depression, was das genau war, wusste damals niemand in der Familie.
"Meine psychischen Probleme habe ich immer weggedrückt, und das kostete viel Kraft", sagt Anna Richter heute. Die zarte, blonde Frau war leistungsorientiert, ein Versagen wollte sie nicht zulassen. Ihr Körper reagierte mit Krankheiten aller Art, es kam zu Zusammenbrüchen, zum Verlust der Arbeit.
Anna Richter rutschte allmählich in die soziale Isolation ab. Sie zog sich zurück, dämmerte in ihrer Wohnung vor sich hin, öffnete ihre Post nicht mehr. Schließlich, im Jahr 2005, verlor sie ihre Bleibe und landete als Obdachlose auf der Straße. "So ein Absturz dauert lang", sagt sie im Rückblick, "und der Aufstieg dauert auch lang."
Dass Anna Richter heute wieder eine eigene Wohnung und auch Arbeit hat, verdankt sie maßgeblich dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in München. Der Verein betreibt eine Beratungsstelle und mehrere Häuser, in denen Frauen übergangsweise wohnen können; zudem vermittelt er Therapieangebote. "Denn Armut", erklärt SkF-Mitarbeiterin Roswitha Rzehak-Kufler, "geht oft einher mit psychischen Beeinträchtigungen."
Arm zu sein in Deutschland ist schlimm. Arm zu sein in München, sagt Anna Richter, sei jedoch besonders schlimm - weil die Bewohner der Stadt ihr Vermögen gern herzeigen, "da zieht man sich dann noch mehr zurück". Armut gehe aufs Gemüt, schnell verliere man jede Art von Selbstwertgefühl.
"Viele Leute denken immer noch, die meisten Arbeitslosen wollten nicht arbeiten", erklärt die Sozialpädagogin Andrea Schneider. Sie hat beim SkF viele motivierte Frauen wie Anna Richter erlebt: "Die machen zig Fortbildungen, bewerben sich 80-mal und erleben dann, dass niemand sie will."
Psychische Probleme, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten - Armut hat viele Gesichter in der teuersten Stadt Deutschlands. Da gibt es Menschen, die alle Papierkörbe am Ostbahnhof durchwühlen; da gibt es jene, die in der Sendlinger Straße mit einem Pappschild ("Bin obdachlos. Bitte um eine kleine Spende") auf dem Bürgersteig betteln; und jene, die die Zeitung "Biss" verkaufen - der Titel steht für "Bürger in sozialen Schwierigkeiten".
178.600 Menschen sind nach dem aktuellen Armutsbericht betroffen, das ist jeder siebte Bewohner Münchens. Sie müssen auskommen mit maximal 810 Euro monatlich. Besonders trifft es die Kinder. 21.000 leben in prekären sozialen Verhältnissen - ihre Zahl ist in den vergangenen fünf Jahren um fast 50 Prozent gestiegen.
Einige von ihnen kann man jeden Samstag in der Wohnung von Susanne Korbmacher treffen. Nahe der Theatinerstraße mit all ihren Edelboutiquen, am Ende der Brienner Straße mit den pompösen Bankhäusern drücken ab mittags grüppchenweise Kinder mit Hunger im Bauch und Hoffnung im Kopf den Klingelknopf neben "Korbmacher".
Im Dachgeschoss dampft es aus dem Zehn-Liter-Kochtopf. "Heute gibt's Irakisch", sagt Susanne Korbmacher. Sie unterrichtet an einem Förderzentrum im Armenviertel Hasenbergl in Münchens Norden. Arbeitslosigkeit, fehlende Bildungsabschlüsse, Krankheit und nicht selten auch der Suff prägen in diesem Stadtteil das Leben vieler Erwachsener. Die deutsche Sprache ist bei Zuwanderern und Einheimischen gleichermaßen verkümmert. Es fehlt an Essen und Kleidung. An Kino, Schwimmbad oder Urlaub ist gar nicht zu denken.
An dieser Tristesse setzte Susanne Korbmacher vor acht Jahren an, gründete den Verein "Ghettokids". Für rund 250 Kinder gibt es nun Tanz- und Theaterprojekte, den Bildungssupermarkt, in dem Kinder für Kinder Bücher, Filme und Lernprogramme bereithalten - und den samstäglichen "Salon für benachteiligte Kids" bei Korbmachers unterm Dach. Die ersten Kinder kamen, um zu gratulieren. "Ich hatte Geburtstag", erinnert sich Susanne Korbmacher, "und mein Mann fragte die Kids: 'Wollt ihr was essen?'" Natürlich wollten sie, gegen Ende des Monats ist bei den meisten der Kühlschrank daheim leer. Ein paar Tage später kamen mehr Kinder aus dem Hasenbergl. "Da haben wir dann Spaghetti gekocht." Heute erscheinen Samstag für Samstag nicht selten 50 Kinder.
Im Esszimmer probt gerade eine Rapper-Band, sie nennt sich "Nichts zu verlieren". Ihr Anführer Alex ist 24 Jahre alt, trägt eine Baseballkappe und um den Hals eine Kette mit einem golden glänzenden Löwen: "Wir sind aus dem Viertel und wollen groß rauskommen."
Alex und seine Kumpels haben im letzten Jahr einen ihrer Titel auf einem Sampler veröffentlicht, bei dem auch die "Söhne Mannheims" mitmachten. "Wollt ihr mal mit meinen Augen sehen, versuchen zu verstehen, warum Leute wie ich nicht nach vorne gehen?", rappt Alex. "Dann legt mal alles ab, was ihr habt, kommt bergab zu uns herab."
Ihr da oben, wir da unten - und die Schere dazwischen: "In München gibt es eben viele extrem Reiche", sagt eine Hartz-IV-Empfängerin in Korbmachers Küche, alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Nein, der Reichtum der anderen störe sie nicht, "die, die viel leisten, sollen so leben". Das Problem sei das allgemeine Preisniveau: Für ihre Wohnung im Hasenbergl muss sie 800 Euro im Monat berappen. Billiger geht es nicht. "Arme reiche Stadt", sagt Susanne Korbmacher.
* Name von der Redaktion geändert
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Der konkrete Betrag war auch nur mal so in den Raum gestellt, weil man über diesen gerade lesen konnte (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,625932,00.html). Dumm und unlogisch sind Löhne unter H4 allemal, das ändert aber [...] mehr...
Danke für die Antwort. Also, ich kenne niemand, der für € 3,50 /h in Vollzeit arbeitet. Wäre auch dumm, bzw. unlogisch, weil er damit unter H4 Niveau läge, im Ergebnis. Und auch im Nebenerwerb und für auch für Illegale halt ich [...] mehr...
Und das soll also der Grund für die sich verstärkende Armut sein? Sie meinen also, wer für Stunden 3,50 die Stunde bei einer Vollzeitstelle seinen Lebensunterhalt nicht verdient, der muss halt einfach mehr arbeiten? Ja, diese [...] mehr...
Im Prinzip gebe ich Ihnen recht. Jedoch muss man konkret im aktuellen deutschen Fall fragen, was 'Arbeit' hier heißt, also was sie ist und wie man sie definiert. Wir haben nämlich seit rund 40 Jahren die komfortable Situation, [...] mehr...
--------------------------------------------------------- Wenn ein Mensch von seiner Arbeit nicht mehr leben kann, dann stimmt was mit dieser Gesellschaft nicht, genau das ist es was viele Menschen nicht erst seit heute [...] mehr...
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