Von Sebastian Fischer und Angela Gatterburg
Für München spricht: Es ist keine Stadt der Ignoranz oder des Egoismus, die Zivilgesellschaft funktioniert. Allein das Sozialwerk der "Süddeutschen Zeitung" erzielte mit seinem Adventskalender 2008 die Rekordeinnahme von knapp 5,6 Millionen Euro. Ob Fußballmanager Uli Hoeneß 25.000 Euro spendet oder Dietlinde Forster, die Ehefrau des früheren BMW-Vorstands und heutigen Europachefs von General Motors, Carl-Peter Forster, für den SkF trommelt: Die Hilfsbereitschaft der Privilegierten ist groß, und nicht wenige finden ihren Weg ins soziale Engagement über die Freiwilligen-Agentur "Tatendrang".
Initiativen wie die "Ghettokids", die weder von der Stadt noch vom Freistaat finanziell gefördert werden, sind vom Idealismus der Besserverdiener geradezu abhängig. So übernehmen Rechtsanwälte oder Unternehmensberater für Korbmachers Schützlinge Patenschaften, veranstalten gemeinsame Ausflüge, unterstützen sie bei den Hausaufgaben, hauen sie vor Gericht raus. Einer der Paten hat für einen Jungen einen 15.000 Euro teuren Internatsplatz bezahlt. Der 14-Jährige rief kürzlich an und berichtete Susanne Korbmacher von den "warmen Heizkörpern". Zu Hause im Hasenbergl gab es das nicht.
"Die Kids müssen emotionale und soziale Kompetenzen aufbauen, erst dann können sie sich gesellschaftsfähig entwickeln", sagt Korbmacher. Ihre frühen Zöglinge haben es geschafft - wie der aus dem Kosovo stammende Schauspieler Toni, 23, der schon Rollen in Kinofilmen und TV-Serien hatte: "Mit 'Ghettokids' kommst du raus aus dem Ghetto", sagt er. Man sehe danach die Welt mit anderen Augen: "Dein Umfeld ändert sich." Und Rapper Alex schwärmt: "Mit den Erfolgsquoten der Jugendlichen in diesem Raum kann keine Stadt mithalten. Du kommst hierher, und - zack - machst du einen Abschluss."
Das Problem ist nur: So viele, wie der sozialen Not anheimfallen, kann "Ghettokids" gar nicht auf den richtigen Weg bringen. Die Zahl der Armen, die sich an Sybille Loew wenden, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Die katholische Theologin ist eine der Leiterinnen der "Münchner Insel". Die kirchliche Beratungsstelle im Untergeschoss des Marienplatzes bietet Krisen- und Lebensberatung.
Eine neue Form von Kinderarmut, erklärt Loew, finde sich oft schon bei regulär Erwerbstätigen wie Erziehern, Verkäufern oder Sozialpädagogen. Die kämen mit Ach und Krach in München über die Runden, die täglichen 3,40 Euro für die Schulmensa aber seien für sie "einfach unerschwinglich".
Die neun Berater der "Münchner Insel" bieten psychologische, aber auch sehr konkrete Hilfe, gerade wenn das Geld knapp ist. Da kennt jemand eine Stiftung, die es möglich macht, dass eine Familie mit drei Kindern zum ersten Mal im Leben auf einen Zeltplatz nach Rimini fährt; da kennt jemand ein Ehepaar, das Brillen besorgt hat für Bedürftige; und da ist dieser Kontakt zu einem pensionierten Physiker, der einen mobilen Reparaturdienst für Haushaltsgegenstände betreibt.
In München arbeiten immer mehr Menschen zu Konditionen, die für den Lebensunterhalt nicht ausreichen. Nach Berechnungen des Sozialreferats deckt erst ein Stundenlohn von 10,50 Euro brutto die Kosten für den täglichen Bedarf - weshalb die Stadt jeden Monat 2,4 Millionen Euro ausgibt, um Vollzeitbeschäftigten in Niedriglohnbranchen die Einkünfte aufzustocken.
Für Rentner gibt es keine Aufstockung, und so beobachtet Sybille Loew, dass Pensionäre, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, in Geldnot geraten. "Wer 1.100 Euro Rente erhält und 900 Euro Miete zahlen muss", für den werde alles zum Problem, ob es um Zahnersatz, eine neue Brille oder eine defekte Waschmaschine gehe, so Loew.
Günther Klein, 71, kennt solche Sorgen nicht. Als ehemaliger Mathematiker bezieht er ein auch für München ausreichendes Altersruhegeld. Umso mehr war ihm nach seiner Pensionierung klar: "Ich will mich für andere einsetzen." Klein schloss sich der "Münchner Tafel" an, die etwa 16.000 bedürftige Menschen wöchentlich mit rund hundert Tonnen an Lebensmitteln versorgt. Spender sind der Großmarkt, Bäckereien, Einkaufszentren, verteilt wird an 21 Standorten in der Stadt.
Klein baute, mit Mitgliedern der Caritas und der Kirchengemeinde St. Michael, eine neue Verteilstation im Stadtteil Berg am Laim auf. Jeden Freitag gibt er dort auf dem Gelände der Maria-Ward-Realschule mit anderen Ehrenamtlichen rund neun Zentner Kartoffeln und zehn bis zwölf Zentner Obst- und Südfrüchte aus, dazu noch Salat, Gemüse, Säfte, Fleisch, Milchprodukte, Backwaren, Babynahrung, Wurst, Käse und Süßigkeiten.
"Derzeit versorgen wir 230 Haushalte mit insgesamt 700 Menschen, davon sind 245 Kinder", sagt Klein. Wer sich als "Bezieher" in die Schlange einreihen will, muss sich vorher bei der Caritas einen Berechtigungsausweis besorgt haben. Wer krank ist, wird über den Lieferservice der Tafel versorgt.
Und weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, hat Klein in einem Holzschuppen auf dem Schulgelände noch ein Lager für Kleidung, Handtücher, Geschirr und eine Menge anderer Haushaltsartikel eingerichtet. Derzeit sind ein Schreibtisch, eine Eckbank und ein Badezimmerspiegelschrank zu verschenken, lediglich für die Lieferung nach Hause werden fünf Euro erhoben.
Klein ist ein zupackender Typ, nicht sentimental, aber voller Anteilnahme. 70 bis 80 Prozent der Bezieher sind Ausländer, schätzt er, darunter seien viele gutausgebildete Akademiker, die hier keine Arbeit fänden. "Wir helfen aus Nächstenliebe", sagt er über seine Motivation und die der rund 50 Ehrenamtlichen.
Drei Tage pro Woche investiert der Pensionär für die gute Sache, er organisiert inzwischen auch Fahrräder, Kinderbücher oder sammelt eben Zuschüsse zu Ferienlagern. Der Versorgungsbedarf, prognostiziert Klein, werde weiter steigen. Allein auf seiner Warteliste in Berg am Laim stehen 50 Haushalte.
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