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26.05.2009
 

Alternative Kita in Großbritannien

Zwerge im Paradies

Aus London berichtet Barbara Hans

Ihr Beruf sei Knochenarbeit, sagen Erzieher und streiken in Deutschland für mehr Geld, mehr Anerkennung. In London ist eine Deutsche seit Jahren mit einem Gegenmodell zur gängigen Kita erfolgreich: Ihre Mitarbeiterinnen sind glücklich, die Kinder auch.

"So hätte ich das in Deutschland nicht machen können", sagt Thurit Berge und blickt auf die grüne, fensterlose Baracke hinter ihr. "Die hätten mir das nie genehmigt." Der KISH (Kindergarten im Scouthaus) sieht auf den ersten Blick ebenso wenig nach Kindergarten aus wie der Stadtteil Richmond, im Südwesten der britischen Hauptstadt gelegen, nach London aussieht. Das Rattern der U-Bahn, die Hektik des Oxford Circus, die Touristenströme vor dem Buckingham Palace - all das ist meilenweit entfernt.

London wirkt hier wie die Kulisse einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung: braune Backsteinhäuser, weiße Sprossenfenster, gepflegte Rosengärten, getrimmte Buchsbäume, helle Kieswege. Nur die Wolken spucken minütlich Düsenjets für den Landeanflug auf London Heathrow aus. Am Ufer der Themse grasen Kühe, auf dem Fluss dümpeln Motorboote, sie tragen Namen wie "The Great Escape", die große Flucht, der Eskapismus, der Gegenentwurf.

"Uns geht es nicht um Äußerlichkeiten"

Ein paar Schritte sind es von hier bis zum Naturkindergarten, der so unscheinbar anmutet, dass Thurit Berge auf dem Weg vor dem Eingang Ausschau hält, wenn sie Besuch erwartet. "Wenn Sie denken, dass nichts mehr kommt, dann gehen Sie einfach immer weiter, durch den Wald und am Feld vorbei und irgendwann kommen dann wir."

Wir, das sind 30 Kinder und sechs Betreuer, der deutsche Kindergarten London. Thurit Berge, 54, hat ihn vor 14 Jahren gegründet. Sie hat das völlig zugerümpelte Pfadfinderhaus der Sea Scouts aufgeräumt, Toiletten einbauen lassen, eine Heizung installiert, und nach und nach den grün gestrichenen Holzverschlag in den KISH verwandelt.

Heute ist die Baracke so begehrt, dass Thurit Berge anbauen könnte - wenn man sie nur ließe. 15 Kinder stehen auf der Warteliste, doch nur sieben Plätze werden zum Herbst frei. 15 Bewerber haben sich auf die ausgeschriebene Erzieher-Stelle gemeldet, so viele wie nie zuvor. Es gibt viele Fachkräfte, die Deutschland lieber heute als morgen verlassen würden.

Platz genug gibt es: Der Garten, der zum Kindergarten gehört, ist so groß wie drei Fußballfelder, aber der Nutzungsplan sieht keine weitere Bebauung vor. Berge ist auf die Pfadfinder angewiesen, von denen sie Grundstück und Behausung gemietet hat. "In den Räumen ist nicht alles perfekt", sagt sie. "Aber die Kinder sind glücklich, und darauf kommt es an. Uns geht es nicht um Äußerlichkeiten."

KISH verdankt sein Konzept der Waldkindergarten-Idee (Motto: "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung"), die ursprünglich aus Dänemark stammt und mittlerweile auch in Deutschland verbreitet und anerkannt ist - rund 400 dieser Einrichtungen gibt es inzwischen bundesweit.

Freiraum draußen, Minimalismus drinnen - diese Maxime gefällt nicht jedem. Von 15 Eltern, die sich die Einrichtung anschauen, geht die Hälfte wieder: Sie stört das künstliche Licht in den Räumen, die Wände, an denen überwiegend die Poster der Pfadfinder prangen, das veraltete Miniatur-Mobiliar, die Waschräume, die anders als in anderen Einrichtungen nicht Zwergen-Größe haben. Berge und die anderen Erzieher nehmen das in Kauf: "Wir haben ein klares Konzept. Wir freuen uns, wenn das den Eltern gefällt, aber wir sind nicht darauf aus, allen zu gefallen."

"Du kannst mit so wenig so viel erreichen"

Die Mädchen und Jungen im Alter von zweieinhalb bis fünf Jahren verbringen viel Zeit auf der riesigen Wiese, spielen im Matschhaufen, schaukeln auf den Reifen, die in den Bäumen hängen, kochen Suppe aus Gras vom frisch gemähten Rasen, werkeln im Blumen- und Gemüsebeet oder arbeiten an der Werkbank. Jeden Freitag ist Naturtag - da hält sich die Gruppe ausschließlich draußen auf. Wenn es regnet, gehen die Erzieher mit den Kindern in den Wald, unter das "Blätterdach", wie sie es nennen, oder erkunden die Tiere am Ufer der Themse - "The Great Escape", der Gegenentwurf.

Während andere Kindergärten im Zentrum der britischen Hauptstadt Architekten engagiert haben, um Dachterassen zu konstruieren, die den Kindern Freiraum und Spielmöglichkeit geben sollen; während sie innenarchitektonisch ansprechende Waschräume und sonnendurchflutete, verglaste Eingangsbereiche entworfen haben, ist im deutschen Kindergarten die Unterkunft nur Mittel zum Zweck. Das Pfadfinderhaus bietet das Nötigste: einen Unterschlupf, wenn das Blätterdach im britischen Regen nicht ausreicht, das Inventar, um gemeinsam zu frühstücken und Mittag zu essen, die Ausstattung, um zu basteln und zu werkeln.

"Unsere Kinder sind ausgeglichener, konzentrierter und seltener krank als andere", sagt Berge - und es klingt weniger nach Marketing als nach Überzeugung. "Und vor allem sind sie zufrieden." Der Alltag spielt sich in weiten Teilen draußen ab. Für Kinder, die in einer Acht-Millionen-Einwohner-Metropole aufwachsen, ist das alles andere als normal. "Du kannst mit so wenig bei den Kindern so viel erreichen. Sie merken, wenn man ihnen zuhört und auf sie eingeht, sie ernst nimmt", sagt Berge, die von "ihren Eltern" und "ihren Zwergen" spricht, sie "Schatzl" und "Spatzl" nennt.

Doch Berges Konzept - und ihr Erfolg - sorgten in der Vergangenheit für Häme: "Matschkinder" wurden die KISH-Mädchen und Jungen genannt.

"Kinder sind keine Lernmaschinen"

Für den Streik in Deutschland haben die KISH-Erzieherinnen Verständnis: zu wenig Geld, zu wenig Anerkennung, zu wenig Spielraum, um die Abläufe in den Einrichtungen zu gestalten. Sie kennen die Zustände in vielen deutschen Kindergärten. In Großbritannien unterscheidet sich zwar das Gehalt nicht deutlich. Aber die Arbeit wird gewürdigt.

Der KISH hat ein klares Konzept. Das hilft den Angestellten zu wissen, was von ihnen erwartet wird - und es hilft Eltern und Kindern zu wissen, was sie erwartet. Für die Kinder gibt es feste Regeln, an die sie sich zu halten haben: gelb-schwarze Bänder an den Bäumen markieren die Grenze, die sie nicht überschreiten dürfen. Einen Zaun gibt es nicht. Gegessen wird gemeinsam, täglich zur gleichen Zeit, zusammen mit den Erziehern. Läutet die Glocke, versammeln sich alle im Stuhlkreis. Es sind simple Dinge, die den Kindern und den Erwachsenen helfen, den Alltag zu strukturieren. Sie machen ihn berechen- und bewältigbar.

Beim Frühstück ist es so leise, dass man die Neonröhre an der Decke surren hört. "Vorführeffekt", sagt Michaela Vorstoffel, die in diesem Jahr 20-jähriges Erzieher-Jubiläum feiert. Der Lärm in einer Kita entspreche dem eines startenden Düsenjets, hat Verdi-Chef Frank Bsirske im Rahmen des Streiks in Deutschland gemahnt.

Alles halb so wild, denkt man, wenn man inmitten der KISH-Kinder sitzt. Alles eine Frage der Organisation. Rückenprobleme? Burn-Out? Fehlanzeige. Anstrengend sei der Job, keine Frage. Die KISH-Mitarbeiter müssen die Kindern nicht schleppen - statt dessen sind auch sie den ganzen Tag draußen im Einsatz, rennen über die Wiese, haben die Kinder im Blick.

"Weiß eine Einrichtung nicht, was ihr Fokus ist, dann kann sie ihn auch nicht vermitteln", sagt Katharina Haselberger, die aus Österreich stammende pädagogische Leiterin. Vielleicht ist das eines der Erfolgsrezepte des KISH: Alle Beteiligten wissen, dass hier soziale Fähigkeiten und spielerisches Lernen größere Bedeutung haben als das Pauken von Grundrechenarten.

"Die Kinder sind keine Lernmaschinen. Sie sollen Kind sein dürfen, statt schon im frühesten Alter lesen und schreiben zu lernen. Wer will, kann seinen Namen hier schreiben, aber wir werden kein Kind dazu drängen", sagt Berge, die jahrelang an einem Dresdner Gymnasium Deutsch und Russisch unterrichtet hat.

Nachmittags zum Reiten, Tennis oder Ballett

Der KISH wird von Ofsted, der britischen Aufsicht für frühkindliche Erziehung, regelmäßig und unangekündigt kontrolliert. Im letzten Bericht hat die Inspektorin vor allem gewürdigt, dass die KISH-Kinder sich verwirklichen können und daran Spaß haben. Auch die einfachen Räumlichkeiten haben gut abgeschnitten.

Schöne heile Kindergartenwelt also? Nicht unbedingt. Die Mädchen und Jungen, die in den KISH gehen, kommen aus wohlhabenden Elternhäusern. Sie gehen morgens in den Kindergarten und nachmittags zum Reiten, Tennis oder Ballett - oder alles auf einmal. Die Mütter und Väter wollen ihren Kindern viel bieten. Das erleichtert die Arbeit der Erzieher.

Vernachlässigung in Form von fehlendem Essen oder mangelnder Hygiene gibt es hier nicht. Allenfalls ist es ein Mangel an Normalität, an Alltag, wenn Vater und Mutter schon aus dem Haus sind, wenn ihre Söhne und Töchter aufstehen, und eine gut ausgebildete Nanny den Tag organisiert.

Es gibt Mädchen und Jungen, die vor dem Wochenende oder vor Ferienbeginn weinen. Für die Arbeit von Thurit Berge und ihren Kollegen ist das eine Auszeichnung. Die Kinder sind gern hier, sie merken, dass sie ernst genommen werden. Der KISH ist ein Gegenentwurf zum luxuriösen Leben in der hektischen Stadt, "The Great Escape".

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